Schwimmunterricht
„Mit viel Liebe und ein wenig Druck“

488 Menschen sind im Jahr 2015 in Deutschland ertrunken – das ist die höchste Zahl seit 2006. Nur 17,1 Prozent aller Kinder haben das Schwimmen in der Schule gelernt. Redakteurin Monika Gerharz sprach darüber mit Kathi Schlautmann, die seit vier Jahrzehnten „die“ Schwimmlehrerin in Greven ist.

Samstag, 15.10.2016, 16:10 Uhr

Wohl 1000 Kindern hat Kathi Schlautmann das Schwimmen beigebracht. Für ihr Engagement während der vergangenen 40 Jahre, nicht zuletzt für ihre Schwimmkurse für die Lebenshilfe, hat sie 2014 das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen.
Wohl 1000 Kindern hat Kathi Schlautmann das Schwimmen beigebracht. Für ihr Engagement während der vergangenen 40 Jahre, nicht zuletzt für ihre Schwimmkurse für die Lebenshilfe, hat sie 2014 das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen. Foto: Peter Beckmann

Frau Schlautmann , 2015 sind mehr als 488 Menschen ertrunken. Macht Sie diese Bilanz als langjährige Schwimmlehrerin betroffen?

Kathi Schlautmann: Sehr! Und in diesem Jahr werden es wohl noch mehr werden. Laut Sommerbilanz sind in diesem Jahr 393 Menschen ertrunken, darunter 52 Flüchtlinge. In der Altersklasse unter fünf Jahre starben 14 Kinder, fünf mehr als 2015. DLRG-Präsident Hans Hubert Hatje ist überzeugt davon, dass die Bäderschließungen viel mit diesen Zahlen zu tun haben. Darum bin ich so froh, dass wir das Grevener Hallenbad haben, wo dank der Schwimm-Meister und ihrer Gehilfen bisher alles gut gelaufen ist.

Wie haben Sie selbst Schwimmen gelernt?

Schlautmann: Im Mittellandkanal! Ich war dort bei einer Tante in Ferien, wir haben im Kanal gebadet, und dort war ein älterer Herr, der brachte den Leuten das Schwimmen bei. Man hing an einem Gurt und musste üben. Eines Tages nun kam ein Schiff, er schrie: Schwimm!, ließ den Gurt los, und mir blieb nichts anderes übrig, als irgendwie ans andere Ufer zu kommen. Der Vorfall prägt mich bis heute. Ich arbeite wenig mit Geräten, sondern vor allem mit der Hand.

Wie vielen Kindern haben Sie wohl das Schwimmen beigebracht?

Schlautmann: 1000 waren es bestimmt. Erst war ich Übungsleiterin beim TVE, seit 1975 bei der DLRG , seit 1978 auch beim Behindertenschwimmen der Lebenshilfe, zwischendurch einige Jahre im Schulschwimmen und seit 1991 auch im Rahmen von Privatkursen.

Privatkurse – wie muss man sich das vorstellen?

Schlautmann: Das sind Intensivkurse mit zwei Kindern, die über zehn Tage gehen, an denen jeweils eine Stunde unterrichtet wird. An den ersten fünf Tagen wird nur getaucht, die Kinder lernen, dass das Wasser trägt, lernen, unter Wasser die Augen aufzuhalten und sich zu orientieren – alles natürlich spielerisch. Ich sage beispielsweise: Macht mal den Hund – und macht mal den Frosch. Und dann sage ich: Der Hund hat im Wasser nix verloren. Wenn die Kinder so weit sind, geht es mit dem Schwimmenlernen ruckizucki, weil die Kinder das Element Wasser kennen und merken: Es beißt nicht.

Was braucht man, um Kindern das Schwimmen beizubringen?

Schlautmann: Viel Liebe und manchmal ein bisschen Druck.

Das müssen Sie erklären.

Schlautmann: Na ja, das fängt damit an, wie man sich den Kindern vorstellt. Ich sage ihnen: Ich bin eine Oma, die schwimmen kann. Das schafft schon mal Vertrauen. Dann gehe ich mit den Kindern ins Wasser, so kann ich den Kindern alles ganz genau zeigen. Ich möchte ihnen vermitteln, welches Gefühl von Freisein es gibt, wenn sie sich alleine im Wasser bewegen können. Überhaupt: Am liebsten würde ich die Welt so umkrempeln wollen, dass Kinder alles können – und das fängt mit dem Seepferdchen an. Die Prüfung dafür nehme ich übrigens auch spielerisch ab. Ich beobachte die Kinder und sage: Jetzt bist du 25 Meter geschwommen, das ist schon fast das Seepferdchen – fehlt nur noch Kopf und Schwanz.

Und was sind Kopf und Schwanz?

Schlautmann: Der Sprung ins Becken und das Tauchen nach einem Ring. Das ist dann meistens gar kein Problem mehr, weil die Kinder so stolz sind, dass sie es ja fast schon geschafft haben.

Schlaue Pädagogik! Aber Sie erwähnten, dass manchmal auch ein wenig Druck nötig ist?

Schlautmann: Na ja, vor allem ältere Kinder muss man manchmal ein wenig zu ihrem Glück zwingen. Ich verstehe das ja auch. Bis sie von der Schule zurück sind, ist es oft 16, 17 Uhr, und dann sind die erst mal fertig. Ich will aber nicht, dass die am Rand sitzen und bibbern, wenn ich mich mit einem Kind besonders befassen muss, sondern sie sollen in Bewegung bleiben. Da muss man schon mal ans Ehrgefühl appellieren und manchmal auch etwas lauter werden, damit sie sich zusammenreißen.

Man hat bisher immer geglaubt, dass die Kinder heutzutage in der Schule schwimmen lernen. Die DLRG-Studie hat nun gezeigt, dass es damit nicht weit her ist. Wie sehen Sie das?

Schlautmann: Mich wundert dieses Ergebnis nicht. Das fängt schon damit an, dass Schwimmunterricht meistens nur über ein halbes Jahr läuft, dann ist wieder Pause. Wenn bei einem Kind in dieser Zeit der Groschen nicht fällt, muss es ein Jahr später ganz neu beginnen. Das zweite Problem ist, dass die Lehrer gar nicht mit ins Wasser können und dürfen, denn die haben die Aufsichtspflicht. Außerdem ist es bei 25 oder 30 Kindern pro Gruppe unmöglich, den Kindern gerecht zu werden.

Sie selbst haben sieben Jahre an der Josefsschule Schwimmunterricht gegeben?

Schlautmann: Das war ein ganz anderes Konzept. Ich war dort als Übungsleiterin zusätzlich zu den Lehrern beschäftigt und bin mit den Kindern ins Wasser gegangen, und ich muss sagen, wir waren sehr erfolgreich. Dieses Programm wurde irgendwann aus Kostengründen eingestellt. Damals war ich fix und fertig, denn es hatte mir Riesenspaß gemacht.

Aber eigentlich wäre es ein optimales Modell, um gerade Grundschulkindern effektiv das Schwimmen beizubringen – etwas, was laut DLRG-Studie derzeit nicht gut gelingt.

Schlautmann: Das wäre es gewiss. Aber es ist nicht nur eine Frage der Kosten, sondern man braucht auch ausgebildete Übungsleiter. Da reicht die Unterstützung von einigen Müttern nicht, sondern man braucht mindestens den Rettungsschwimmerschein in Silber – mindestens.

Weil das Schulschwimmen nicht so recht klappt, kommen nun viele Kinder in Ihre Privatstunden ?

Schlautmann: Ich staune immer wieder, wie wichtig den Eltern das Schwimmenlernen ist. Oft hat es auch mit Noten zu tun. Wenn die Kinder aufs Gymnasium kommen, wird vorausgesetzt, dass sie schwimmen können. Wenn sie es nicht können, droht eine Fünf im Sport. Darum habe ich vor allem im April, wenn es aufs Schuljahresende zugeht, die meisten Notrufe, sogar aus Recke und Altenberge.

Gibt es denn in Greven genug Angebote außerhalb der Schulen?

Schlautmann: Ich kann nur sagen, beim DLRG haben wir bei der Wassergewöhnung und beim Anfängeschwimmen lange Wartelisten, und beim TVE sieht es auch nicht viel anders aus. Die Kinder werden zum Teil schon im Babyalter angemeldet, damit sie mit vier in eine Gruppe kommen. Umso wichtiger wäre es, dass die Schulen ein gutes Angebot machen. Die Vereine sind voll. Und wegen der beschränkten Hallenzeiten lässt sich dieses Angebot auch nicht aufstocken.

Frau Schlautmann, Sie werden jetzt 70, seit mehr als 40 Jahren setzen Sie sich für den Schwimmnachwuchs ein, wird Ihnen die Arbeit nicht manchmal zu viel?

Schlautmann: Das ist keine Arbeit! Das hält mich fit – und es ist auch ein bisschen eine Mission. Solange ich es gesundheitlich schaffen kann, will ich gerne im Hallenbad ehrenamtliche Mitarbeiterin sein.

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