Interview mit Annegret Eiterig
„Weihnachten feiern wir das Zusammensein“

Weihnachten? Alle lästern darüber. „Hochfest des Einzelhandels“, „Opferfest der Konsumgesellschaft“ sind noch die harmlosesten Spottnamen. Und dennoch – von diesen Tagen im Dezember, von den Advents- und Weihnachtsritualen geht noch immer ein besonderer Zauber aus. Kaum eine Familie, in der Weihnachten nicht gefeiert wird. Monika Gerharz sprach mit Annegret Eiterig, lange Jahre Erzieherin und jetzt Dekanatssprecherin der kfd, warum Weihnachten so viel Bedeutung hat.

Samstag, 10.12.2016, 14:12 Uhr

Annegret Eiterig, lange Jahre Erzieherin und jetzt Dekanatssprecherin der kfd.
Annegret Eiterig, lange Jahre Erzieherin und jetzt Dekanatssprecherin der kfd. Foto: Monika Gerharz

Frau Eiterig, auch Familien, die niemals zur Kirche gehen, die lächeln, wenn andere davon sprechen, dass Gott in der Krippe Mensch geworden ist, feiern Weihnachten . Welche Erklärung haben Sie dafür?

Annegret Eiterig: Ich glaube, das stärkste Gefühl ist, dass man in unserer Kultur an diesem Tag mit der Familie zusammen sein will und dieses Zusammensein feiert. Man verspürt Liebe, Geborgenheit, Licht, Wärme. Das kommt dem tiefen Bedürfnis nach Harmonie entgegen, das wir alle in uns haben. An Weihnachten können wir es leben.

Der Advent und Weihnachten sind hoch ritualisiert. In vielen Familien gibt es immer das gleiche Essen, wird der Baum zu einer ganz bestimmten Zeit angezündet, werden die gleichen Lieder gesungen. Warum tun die Menschen das?

Eiterig: Kinder brauchen Rituale, die ihnen den Tag, die Woche, das Jahr einteilen. Darum lieben sie beispielsweise den Adventskranz, den Adventskalender, die immergleiche Geschichte am Abend. Rituale geben ihnen Sicherheit – und das bleibt uns erhalten, auch wenn wir erwachsen sind. Wenn ich Rituale pflege, bin ich eingebettet in eine Gemeinschaft, ich lebe mit ihr in einem bestimmten Rhythmus. Warum Rituale so wichtig sind, wird in dem Buch „Der kleine Prinz“ wunderbar beschrieben, wenn der Fuchs sagt: „Wenn du aber irgendwann kommst, , kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll. Es muss feste Bräuche geben . . . Was heißt fester Brauch?, fragt der Prinz. Es ist das, was einen Tag vom andern unterscheidet, eine Stunde von der anderen Stunde.“

Aber können Rituale nicht auch zur Zwangsjacke werden, wenn Eltern, Großeltern, Kinder ihre Erwartungen erfüllt sehen wollen?

Eiterig: Jede Familie muss ihre eigenen Rituale finden, manchmal auch gegen die Erwartungen der weiteren Verwandtschaft. Schließlich kommen die Partner aus ganz unterschiedlichen Traditionen, jeder verbindet andere Erinnerungen mit Weihnachten, nicht alles lässt sich unter einen Hut bringen. Darum braucht es viel Toleranz. Wenn beispielsweise ein Partner gerne zur Kirche geht, der andere aber nicht, dann geht eben einer allein, und zwar ohne Groll. Der „Glanz der Weihnacht“, wie ich es mal nennen will, den der Kirchgänger vielleicht aus dem Gottesdienst mitbringt, kann auf die ganze Familie ausstrahlen, auch wenn man nicht gemeinsam gegangen ist. Ein anderes Beispiel: Wenn die Kinder älter werden und zur „scheinheiligen Nacht“ ins Jovel fahren wollen, soll man sie ziehen lassen. Die allerwenigsten werden ganz auf die Rituale im Elternhaus verzichten wollen – sie ergänzen sie eben um ihre eigenen.

Wie wichtig sind an Weihnachten Geschenke?

Eiterig: Geschenke gab es Weihnachten eigentlich immer, auch in schlechten Zeiten. Eine Schale mit Äpfeln, ein paar Handschuhe – über solche Dinge haben wir uns als Kinder gefreut. Geschenke sollten daran erinnern, dass sich Gott in der Krippe den Menschen geschenkt hat. Aber auch hier gilt: Jede Familie muss für sich sehen, wie sie mit diesem Thema umgeht. Wir machen es beispielsweise so, dass die Kinder Geschenke bekommen, die Erwachsenen aber nicht.

Heutzutage werden Kinder ja das ganze Jahr über mit Geschenken überschüttet. Wird ihnen später dennoch Weihnachten als etwas Besonderes im Gedächtnis bleiben?

Eiterig: Ich glaube schon. Kinder lassen sich sehr von dem Tingeltangel um Weihnachten, dem Lichterglanz, der Musik gefangen nehmen, sie spüren den Zauber dieser Tage ganz besonders. Kinder sind übrigens besonders empfänglich für die mystische und märchenhafte Seite des Festes. Im Kindergarten habe ich das beobachtet. Wir haben Geschichten über Wichtel gelesen, sind in den Wald gegangen, um sie zu suchen, haben Figuren gebastelt und den Wichteln ein gemütliches Plätzchen geschaffen, den Winter in der Kita verbringen zu können. Die Kinder wussten, dass es sich um Märchenfiguren handelt – aber trotzdem haben sie den Wichteln Mandarinen hingelegt und waren leise um ihren Schlaf nicht zu stören. Das gleiche gilt für das Christkind. Viele Kinder wissen, dass die Eltern die Geschenke kaufen. Und trotzdem – ein kleines bisschen glauben sie doch daran, dass es existiert. Man sollte den Kindern diesen Glauben unbedingt lassen, sonst wird man ihnen nicht gerecht.

Weihnachten ist das Fest der Familie, wie Sie sagen. Darum ist es auch ein schwieriges Fest für getrennt lebende Elternteile. Was können Eltern tun, um ihren Kindern dennoch ein schönes Weihnachtsfest zu bereiten?

Eiterig: Damit das klappt, darf man nicht erst zu Weihnachten anfangen. Eltern müssen eine Scheidung mit den Kindern intensiv bearbeiten. Für die Kinder muss klar sein: Der Streit der Erwachsenen ist der Grund für die Scheidung, das hat mit mir nichts zu tun. Wenn es den Eltern gelingt, dies ihren Kindern gegenüber ganz klar zu machen, können Kinder auch in zwei Familien glücklich sein.

Macht es Sinn, dass Eltern auch gegen ihre Gefühle Weihnachten zusammen mit den Kindern verbringen, um für einen Abend in Harmonie zu machen?

Eiterig: Nur weil Weihnachten ist, kann man nicht herbeizaubern, was nicht ist. Weihnachten ist ein ehrliches Fest. Grundsätzlich – und nicht nur zu Weihnachten – gilt für Eltern, die sich getrennt haben: Die Kinder kommen aus einer solchen Situation gut heraus, wenn die Eltern klar sind.

Aber gerade an Weihnachten wird doch nicht selten darum gestritten, bei wem die Kinder nun Heiligabend verbringen.

Eiterig: Erwachsene zeigen Größe, wenn sie über solche Eifersüchteleien hinwegkommen. Sie dürfen die Kinder nicht zum Spielball ihrer Gefühle machen.

Eine Frage zum Schluss: Pflegen Sie in Ihrer Familie ein besonderes Weihnachtsritual ?

Eiterig: Wir haben eines entwickelt, eigentlich aus der Not geboren. Wir gingen früher immer gemeinsam in den Kindergottesdienst an Heiligabend, danach musste sich jemand von den Erwachsenen um die Vorbereitung der Bescherung kümmern. Also hat mein Mann die Kinder ins Auto gepackt, sie sind durch Greven gefahren, und die Kinder haben nach geschmückten Tannenbäumen Ausschau gehalten und sie gezählt. Wer die meisten zuerst gesehen hat, hat gewonnen. Heute sind die Kinder und sogar die Enkel groß, und wir machen es nicht mehr, obwohl es immer noch Thema ist. Aber eine andere Tradition ist geblieben: Für Heiligabend müssen sich die Großeltern immer noch Spiele ausdenken, die dann von allen gespielt werden.

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