Die neue Sozialamtschefin
Ex-Fußballerin mit Faible für die Juristerei

Greven -

Verena Schnalle, die neue Fachdienstleiterin Soziales im Rathaus, ist seit 100 Tagen im Amt – Zeit, sie in ihrem Büro zu besuchen.

Samstag, 07.01.2017, 13:01 Uhr

Die dicken Wälzer mit Gesetzestexten schrecken Verena Schnalle nicht. Die neue Sozialamtschefin fuchst sich gerne in die Juristerei hinein.
Die dicken Wälzer mit Gesetzestexten schrecken Verena Schnalle nicht. Die neue Sozialamtschefin fuchst sich gerne in die Juristerei hinein. Foto: Monika Gerharz

S ie ist ein Mensch mit ganz verschiedenen Facetten: Kühle Juristin, leidenschaftliche Fußballerin, begeisterte Hundefreundin: Verena Schnalle , die neue Fachdienstleiterin Soziales, ist seit 100 Tagen im Amt. Redakteurin Monika Gerharz hat sie in ihrem Büro besucht, das einen weiten Blick über den Busbahnhof zur Ems hat.

Sie waren bisher bei der Stadt Bielefeld angestellt. Was hat Sie an Greven gereizt?

Verena Schnalle: In erster Linie das Stellenprofil. Ich war in Bielefeld zuerst im Jobcenter , später dann als Leiterin der Abteilung Grundsicherung beschäftigt. Die Fachdienstleiter-Stelle in Greven mit ihren 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, zu der diese Bereiche gehören, war für mich so gesehen eine persönliche Herausforderung. Und die räumliche Nähe zu meinem Wohnort hat auch eine Rolle gespielt – ich wohne in Hasbergen und bin in einer halben Stunde zu Hause.

Was unterscheidet die Arbeit in einer 36 000-Einwohner-Gemeinde wie Greven von der Arbeit in einer 333 000-Einwohner-Großstadt wie Bielefeld?

Verena Schnalle:

In Greven gibt es im Sozialbereich viele Ehrenamtliche. Wie funktioniert da die Zusammenarbeit mit „dem Amt“?

Verena Schnalle: Es gibt zahlreiche sehr gute Kooperationen zwischen Sozialamt und Ehrenamtlichen. Ein Beispiel: Für die Betreuung der Flüchtlinge gibt es eigens eine Steuerungsgruppe mit Haupt- und Ehrenamtlichen, die sich gut bewährt hat und die jetzt ein Integrationskonzept erarbeiten wird. Der Vorteil in Greven ist wieder die Überschaubarkeit: Wenn jemand, der ehrenamtlich arbeitet, Unterstützung braucht, kann er einfach bei uns vorbeischauen. Wo wir helfen können, da helfen wir. Unsere Arbeit endet nicht am Schreibtisch.

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Ist die Beschäftigung mit Gesetzen und Gesetzestexten nicht langweilig?

Verena Schnalle: Im Gegenteil! Mir macht es Riesenspaß, mich in Gesetze hineinzufuchsen. Und dazu hat man ja ständig Gelegenheit – die gesetzlichen Grundlagen werden in unserem Bereich fast jährlich geändert. Mir ist es wichtig, Entscheidungen anderer Instanzen hinterfragen zu können. Im Bereich SGB II, also der Grundsicherung für Arbeitssuchende, haben wir beispielsweise Vorgaben vom Kreis. Ich diskutiere gerne mal eine Entscheidung – egal, ob ich dann gewinne oder verliere.

Nun haben Sie nicht mit abstrakten Rechtsfällen zu tun, sondern mit lebendigen Menschen, die oft in schwierigen Lagen sind. Wie kommen Sie damit zurecht?

Verena Schnalle: Man muss es schaffen, eine gewisse berufliche Distanz herzustellen, sonst ist man in diesem Beruf falsch. Meist gelingt es schon, die Arbeit im Büro zu lassen. Trotzdem ist es natürlich nicht so, dass mich schwere Schicksale kaltlassen. Ich erinnere mich an einen Syrer, der wollte unbedingt wieder nach Syrien zurück, weil seine Familie dort war und es mit dem Familiennachzug nicht so schnell klappte wie er gehofft hatte. Da saß er nun, hatte furchtbare Strapazen auf sich genommen – und alles sollte umsonst gewesen sein! Da haben wir natürlich nicht mit den Schultern gezuckt, sondern ihm gut zugeredet, ein bisschen Geduld zu haben. Das sind schon berührende Momente.

Im Sozialamt sind Sie auch mit Tragödien konfrontiert, die Menschen unberechenbar machen können. Ihr Vor-, Vorgänger ist einmal mit einer Gaspistole bedroht worden. Haben Sie vor solchen Situationen Angst?

Verena Schnalle: Ganz ehrlich: Nein. Aber man hat natürlich eine Strategie, wenn man merkt, dass eine Situation eskalieren könnte. Ich breche dann das Gespräch ab und mache einen neuen Termin. Wir machen auch mit den Mitarbeitern Deeskalations-Seminare. Dort hinterfragen wir auch unser eigenes Verhalten – beispielsweise unsere Wortwahl. Solche Sachen habe ich schon immer im Blick. Aber Angst habe ich nicht, dann wäre ich hier falsch. Und ich muss sagen: Ich bin noch nie bedroht worden.

Was wird für Sie und Ihr Amt in den nächsten Monaten und Jahren die größte Herausforderung sein?

Verena Schnalle: Die generelle Versorgung mit Wohnraum und die weitere Integration von Flüchtlingen. Wie die Zuweisungszahlen aussehen werden, wissen wir nicht. Aufgrund der Wohnsitzzuweisung bekommen wir nunmehr auch bereits anerkannte Flüchtlinge zugewiesen. Hier liegt ein Schwerpunkt in der Integration in den Arbeitsmarkt. Im Februar erwarten wir 20 Personen. Diese werden vorübergehend in unseren Unterkünften wohnen. Anerkannte Flüchtlinge können eigentlich eine „normale“ Wohnung beziehen. Aber dies wird schwierig werden.

Es gibt ja die Idee, eine Wohnungsgenossenschaft auf Kreisebene zu gründen. Könnte das helfen?

Verena Schnalle: Es muss viele Ansätze geben, denke ich. Die Kollegen von der Stadtentwicklung und unser Wohnungsmanager sind jedenfalls sehr bemüht, Lösungen zu finden. Das Problem ist aber in allen Städten im Einzugsbereich von Großstädten gleich: Bezahlbarer Wohnraum ist knapp.

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Eine etwas indiskrete Frage: Sie heißen Schnalle. Mussten Sie als Kind da manchmal Spott ertragen?

Verena Schnalle (lacht): Eigentlich selten. Ich bin mit meinem Namen sehr einverstanden. Und ich verrate Ihnen eines: Sollte ich mal heiraten, behalte ich ihn!

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