„Nähstuben“ der evangelischen Gemeinde
Steppstich, Liebe und eine Sprache

Greven -

Klar, in den „Nähstuben“ der evangelischen Gemeinde wird genäht, und zwar viel und raffinierte Dinge. Aber darüber hinaus gibt es Liebe und Zuneigung und ganz nebenbei für die Teilnehmer aus fernen Ländern Sprachunterricht. Ein „Stubenbesuch“.

Samstag, 11.02.2017, 19:02 Uhr

Knibbeliges Finish: Rosi Sebastian zeigt Hindrim, wie sie einen Druckknopf an ihre Handytasche nähen kann.
Knibbeliges Finish: Rosi Sebastian zeigt Hindrim, wie sie einen Druckknopf an ihre Handytasche nähen kann. Foto: Monika Gerharz

Das ist wirklich ein Fisselkram. Der winzige Druckknopf für das Handytäschchen hat noch winzigere Löcher, durch die man stechen muss, um ihn anzunähen. „Knibbelig“, versteht Rosi Sebastian die Nöte von Hindrim, nimmt ihr die Näharbeit aus der Hand und zeigt ihr, wie sie die Nadel führen muss. Es klappt – und strahlend zeigt die junge Syrerin die rot gepunktete Hülle vor. Sie kommt oft in die Nähstube, und das zahlt sich aus. „Ich habe richtig gute Noten in Textil.“

Es ist ein buntes Völkchen, das an diesem Nachmittag zwischen zehn Nähmaschinen im Gemeindehaus der Evangelischen Gemeinde am Moorweg herumschwirrt – ältere Damen, junge Frauen, Mädchen und Kinder, Alteingesessene, Neuzugezogene, Deutsche, Flüchtinge. In der „Nähstube“ ist jeder willkommen. Jeden Dienstag ab 14.30 Uhr treffen sich dort 15, 20, manchmal 25 Frauen jeden Alters, vieler Nationen. Erfahrene Näherinnen geben Tipps, Neulinge können das kleine Einmaleins des Zuschneidens, des Steppstichs und der Maschinennäherei erproben. Eine Pendantveranstaltung gibt es in Greven jeden Montagvormittag ab 9 Uhr. Dann wird gestichelt und geplaudert, es gibt Kaffee und Gebäck und eine gute Dosis Liebe. „Die Mädchen müssen manchmal auch gedrückt werden“, lachen die sieben Frauen aus der Gemeinde, die sich um die Organisation kümmern.

„Wir haben als Strickkreis angefangen“, erzählt Uschi Breuer , die von Anfang an dabei ist. Irgendwann kam die Idee mit dem Nähen auf. „Die meisten Maschinen dafür haben wir erbettelt“, lacht sie. Auch viele Stoffe bekommen die Frauen geschenkt, und Bernd Sebastian hat sich als Nähmaschinenmechaniker einen Namen gemacht. Manchmal gibt es auch Aufträge, deren Erlös wieder in Stoffe und Kurzwaren fließt. Parwin etwa lässt an diesem Nachmittag einen schwarzgrauen Stoff über ihre Maschine rattern – die Muslima, sie trägt Kopftuch, näht grade ein Martin-Luther-Mönchsgewand. „Für die Fußtruppe der evangelischen Gemeinde an Karneval“, verrät die Tadschikin. Zwischendurch näht sie zwei Mützchen für ihren kleinen Sohn, der in seinem Maxi Cosi friedlich unterm Nähtisch schläft. Eine andere Teilnehmerin ist gelernte Näherin. „Sie hat viele Jahre in Aleppo in einer Fabrik gearbeitet“, weiß Uschi Breuer. „Wie flott die zuschneidet! Da lernen wir eine Menge.“

Eine halbe Treppe höher geht‘s turbulent zu. Ein halbes Dutzend Kinder knetet Brote und Männchen, Ali hat seine Klötzchen auf dem Bauteppich ausgebreitet. „Wir haben als Eltern-Kind-Gruppe Ende November 2015 angefangen“, erzählt Mecki Dierks, Kita-Leiterin im Ruhestand und nun auf Honorarbasis für die Spielgruppe vom Familienzentrum eingestellt. Dann hat die Nähstube begonnen – und es hat sich heraus gestellt, dass beide Angebote wunderbar voneinander profitieren. Die Kinder und Jugendlichen, die meisten höchstens ein Jahr hier, sprechen schon sehr gut deutsch – und ihre Mütter lernen in der Nähgruppe ebenfalls schnell die Sprache. Man plaudert übers Nähen, über Mode, über die Schule. Sandra, Marie und Hindrim überlegen mit Bayan, welche Borte wohl zu ihrer Tasche passt. Deutsch ist „Verkehrssprache“, so ist Sprachunterricht quasi inklusive. „Aber in erster Linie sollen alle eine schöne Zeit haben“, sagt Sandra Menzel. Denn die Frauen wissen, dass die Lebensverhältnisse für die Flüchtlingsmädchen in der Gruppe nicht leicht sind. „Es gibt Familien, die leben mit sieben Leuten auf weniger als 20 Quadratmetern!“, weiß Krimhild Kirchner. Für Hobbys, für Handarbeiten, gar für eine Nähmaschine ist da überhaupt kein Platz. Und auch konzentriertes Arbeiten ist schwer – und das braucht es nun mal, um einem Handytäschchen den letzten Schliff zu geben.

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