Ernst Reiling im Gespräch
„Berücksichtigung statt Rücksicht“

Am kommenden Mittwoch tagt der Reckenfelder Bezirksausschuss – im Grunde, weil ein Mann es will. Ernst Reiling und seine Fraktion Reckenfeld direkt haben fast alle Anträge, die auf der Tagesordnung stehen, gestellt. Warum drückt der „Mister Reckenfeld“ auf die Tube, etwa, wenn es um die Entwicklung der Ortsmitte geht, während andere Parteien zumindest geduldiger sind? Redakteurin Monika Gerharz sprach mit dem Politiker.

Sonntag, 02.04.2017, 06:04 Uhr

„Mister Reckenfeld“:  Ernst Reiling nervt manchmal die Grevener Politik mit seinem streitbaren Einsatz für den Ortsteil. Doch seine Hartnäckigkeit sorgt dafür, dass die Interessen der Reckenfelder im Blick bleiben.
„Mister Reckenfeld“:  Ernst Reiling nervt manchmal die Grevener Politik mit seinem streitbaren Einsatz für den Ortsteil. Doch seine Hartnäckigkeit sorgt dafür, dass die Interessen der Reckenfelder im Blick bleiben. Foto: Monika Gerharz

Ortsentwicklung stand in Reckenfeld jahrelang ganz oben auf der Themenliste – Stichwort „Reckenfeld 2020“, Stichwort „Neue Visionen für Reckenfeld“. Doch seit einiger Zeit hört man davon nichts mehr – und außer Ihnen scheint das niemanden zu erschüttern. Wie kommt es?

Ernst Reiling : Die Zeit der Visionen ist vorbei, die Zeit zum Handeln ist da. Wir müssen in kleinen Schritten machen, was auch unter schwierigen Bedingungen machbar ist, auch wenn der ganz große Wurf nicht sofort umsetzbar ist. Wir dürfen nicht mehr abwarten, bis alle Rahmenbedingungen stimmen. Wir müssen anfangen – und sei es nur mit einem Grünplan für die Emsdettener Straße . Sonst führt das zu Frust, beispielsweise beim SCR, der endlich mal wissen muss, was mit den Sportstätten künftig ist. Reckenfeld 2020 hat im Ort viele Hoffnungen geschürt. Und plötzlich kam nichts mehr. Wenn ich heute sage: Reckenfeld ist abgehängt, kriege ich keinen Widerspruch mehr. Alle Fördermittel gehen in die Kernstadt.

Immerhin ist der Reckenfelder Bürgerverein, der im Ort doch einiges bewegt, ein Resultat von Reckenfeld 2020.

Reiling: Das ist richtig, der Bürgerverein leistet ganz wichtige Arbeit – aber das reicht nicht. Wir müssen mit der Ortsmitte weiterkommen, um in Reckenfeld Wohnraum zu schaffen und dem Ort langfristige Entwicklungsperspektiven zu geben. Ich sage auch ganz deutlich: Wir müssen innerorts höher bauen – und attraktiver. Nur so können wir die Außenbezirke schützen.

Im Moment ist die Alte Hauptschule noch mit Flüchtlingen belegt. Steht das einer Ortsentwicklung im Wege?

Reiling: Es war richtig, die Alte Hauptschule den Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen, dahinter stehe ich. Aber die Flüchtlinge sollen und dürfen dort nicht über Jahre wohnen, das wäre sozialpolitisch und menschlich ganz falsch. Für sie, aber auch für alle anderen Bürger müssen wir gute und bezahlbare Wohnungen schaffen. Aber auch komfortable Wohnungen werden immer gefragter, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in den nächsten Jahren ihre Einfamilienhäuser verkaufen und seniorengerechte Wohnungen suchen. All das spricht dafür, die Ortsmitte zeitnah zu entwickeln.

Sind Sie für einen Abriss der alten Schule?

Reiling: Ich würde sie gerne erhalten, als Bürger- und Jugendzentrum mit Kindergarten. Man muss sehen, ob das wirtschaftlich ist. Auf jeden Fall aber brauchen wir in der Ortsmitte ein solches Bürgerzentrum für die Vereine, die Jugend und die Senioren – nicht nur für Freizeitzwecke, sondern auch für die Versorgung gerade für alte Menschen. Und wir müssen in unsere Überlegungen einbeziehen, ob Reckenfeld in naher Zukunft nicht wieder Schulstandort werden kann – vielleicht als Dependance der Gesamtschule. Die Entwicklung der Kinderzahlen spricht dafür, und politisch sehe ich, dass insbesondere die SPD für diesen Gedanken aufgeschlossen ist.

Man hat den Eindruck, dass es durchaus einen gewissen Kuschelkurs zwischen den Parteien gibt – mit Ausnahme der CDU.

Reiling: Wir haben seit einiger Zeit regelmäßige interfraktionelle Gespräche, bei denen auch der Bürgermeister dabei ist. Diese Gespräche sind für mich eine reine Freude, denn da steht nicht die Parteipolitik im Mittelpunkt, sondern die Sache. Ehrlich gesagt, seither sehe ich auch manche Zwänge der Verwaltung anders – und das macht mich sanfter (lacht).

Warum gibt es solche Gespräche nicht zwischen den Reckenfelder Parteien?

Reiling: Wir bräuchten das ganz dringend! Wir bräuchten einen Pakt für Reckenfeld, dann könnten wir zeigen, dass wir Macht haben. Aber das klappt leider nicht.

Man hat allerdings den Eindruck, dass die anderen Parteien gar nicht die Notwendigkeit sehen, sich energisch für Reckenfeld zu engagieren. Die meisten Anträge für den Bezirksausschuss stellt Ihre Fraktion. Machen sie Probleme, wo keine sind – oder sehen die anderen Parteien die Probleme nicht?

Reiling: Ich glaube, dass wir einfach besonders viel mitkriegen von den Sorgen der Reckenfelder. Die holen bei uns im kleinen Rathaus die Papiersäcke ab und erzählen dann, was sie bewegt. Das bringen wir dann in die Gremien ein.

Also wiegen sich die anderen Parteien in dem Glauben, dass in Reckenfeld heile Welt herrscht?

Reiling: Vielleicht sind die anderen Parteien einfach zu eng verbunden mit ihren Schwesterparteien in Greven und nehmen zu viel Rücksicht. Statt Rücksicht benötigen wir jedoch mehr Berücksichtigung .

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