Kandidat Norwich Rüße
Der grüne Bentheimer-Züchter

Greven -

Er wünscht sich, er könnte besser Englisch. Kein Wunder – gleich wird ihn die BBC anrufen, wegen eines Interviews. Nein, nicht weil sich die Engländer plötzlich für die Natur- und Landwirtschaftspolitik in Nordrhein-Westfalen interessieren, seine Spezialität. Sondern weil der Kandidat heißt wie eine englische Stadt – Norwich.

Donnerstag, 04.05.2017, 17:05 Uhr

Sorgen, dass die Grünen den Sprung in den Landtag verpassen könnten, macht sich Norwich Rüße nicht. Er tippt auf eine acht vor dem Komma. „Mindestens.“  
Sorgen, dass die Grünen den Sprung in den Landtag verpassen könnten, macht sich Norwich Rüße nicht. Er tippt auf eine acht vor dem Komma. „Mindestens.“   Foto: Monika Gerharz

„Ich glaube, so heißt sonst niemand“, vermutet der grüne Landtagskandidat im Wahlkreis Steinfurt I. Seine Familie hat ihm jüngst eine Reise nach Norwich geschenkt, mit viel Hallo wurde er dort vom Fußballverein begrüßt, dem er immer die Daumen drückt. Die BBC bekam Wind davon – und macht nun eine nette Reportage daraus.

Norwich Rüße, Jahrgang 1966, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, mit erstem Staatsexamen für das Lehramt, eine Zeit lang Regionalhistoriker, Nebenerwerbslandwirt mit einer kleinen Zucht der seltenen Bentheimer-Schweine und einer kleinen Mutterkuhherde: Spätestens seit dem Jahr 2000, als er Kreisgeschäftsführer seiner Partei wurde, ist er das Gesicht der Grünen im Kreis. Rüße kommt wie seine große Rivalin von der CDU , die Landwirtin Christina Schulze Föcking , aus Steinfurt. Doch das garantiert keine politische Harmonie, im Gegenteil. „Was die Landwirtschaftspolitik angeht, sind wir diametral entgegengesetzt“, geißelt Rüße den exportorientierten Ansatz der CDU, wirbt für eine ökologisch orientierte Landwirtschaft, die Naturschutz und Tierwohl in den Mittelpunkt stellt, auch wenn das für den Verbraucher teurer wird. „Wenn wir dem Schwein schon das Leben nehmen, muss man dafür sorgen, dass es ein anständiges Leben hat, bevor es ein Schnitzel wird“, erklärt Rüße am Boy‘s Day einem Zeitungspraktikanten, der kritisch nachfragt.

Tierschutz hat sich der Grüne deshalb groß auf die Fahnen geschrieben – und ist 2013 selbst unter Tierquälerverdacht geraten. „Ein abstruses Gefühl“, bekennt der Grüne. Dem Bauern war es im Herbst 2012 nicht gelungen, eine seiner freilaufenden Mutterkühe einzufangen. „Quälerei“, schrien die Tierschützer. „Dabei macht es den Tieren gar nichts, wenn sie im Winter draußen sind“, sagt der Landwirt. Seither ist er vorsichtig, wenn Tierrechtsorganisationen Vorwürfe erheben. „Ich glaube dem westfälischen Bauernpräsidenten Johannes Röring, dass die Bilder, mit denen er angegriffen wurde, aus seinem Krankenstall waren.“ Trotzdem – die konventionelle Tierhaltung bleibt ihm ein Dorn im Auge. „Die alltäglichen Haltungsbedingungen müssen sich ändern.“

Um dieses Ziel zu erreichen, hat sich Rüße einen langen Atem zugelegt, verhandelt geduldig mit den Bauernverbänden. Aber er scheut auch nicht den Kampf – etwa mit den Jägern. Die rot-grüne Landesregierung ist für wenig so geprügelt worden wie für ihre neuen Jagdgesetze – und Rüße stand mitten im Gefecht, aus Überzeugung. „Der Kampf war von der anderen Seite ein Glaubenskrieg, am liebsten hätten die Jagdverbände das Gesetz geschrieben. Aber für die Gesetze ist die Politik zuständig.“

Doch wie groß ist die Chance, dass Norwich Rüße seine Landwirtschaftspolitik nach der Wahl am 14. Mai wird weiterführen können? Die Prognosen sind für die Grünen nicht berauschend, aber Rüße bleibt optimistisch. „Der Trend ist doch, dass sich immer mehr Wähler erst kurz vor dem Wahlgang entscheiden.“ Im Moment jedenfalls liegt Schwarz-gelb vor Rot-Grün. Ob die Linken den Sprung in den Landtag schaffen und sich als Koalitionspartner anbieten, ist fraglich. Trotzdem – Rüße fände rot-rot-grün besser als grün-rot-gelb. „Mit den Linken muss ich über die Höhe des Mindestlohns diskutieren. Mit Christian Lindner darüber, ob er überhaupt einen Mindestlohn will.“ Dass Juniorpartner auch mal Kröten schlucken müssen, weiß er übrigens aus nun sieben Jahren Regierungserfahrung mit der SPD durchaus. „Die schlimmste ist, dass wir nach Afghanistan abschieben.“ Aber unterm Strich überwiegen für ihn die rot-grünen Erfolge: Neues Landeswassergesetz, neues Landesnaturschutzgesetz – und ein Umbruch in der Schullandschaft. „Unser größter Erfolg der vergangenen Jahre ist es, dass es jetzt doppelt so viele Gesamtschulen gibt wie vorher. Gerade für die kleinen Kommunen war das der richtige Weg.“

Der Kaffee ist getrunken, ein Plätzchen gegessen. Es wird Zeit, dass sich der Landtagsabgeordnete auf den Weg macht zum Interview. Aber warum heißt er denn nun wie eine englische Stadt? Er zuckt die Schultern. „Ehrlich, ich weiß es nicht. Wenn ich meine Eltern gefragt habe, dann haben sie nur gelächelt.“ Doch egal, warum Rüße Norwich heißt – der seltene Name ist eine Marke geworden. „Am Anfang hieß es: Wir hätten dich ja gern gewählt, aber wir wussten nicht so recht, wie du heißt“, lacht Rüße. „Später hat mich der Name bekannt gemacht.“

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