Berthold Böing
Wohnungswerber für Geflüchtete

Er kennt Investoren und Großvermieter, er kennt aber auch die anerkannten Flüchtlinge, für die Greven Heimat und Wohnstatt geworden ist. Bei den einen wirbt er für geeigneten Wohnraum. Die anderen möchte er dort unterbringen. Wie das funktionieren kann, erzählt Berthold Böing, seit einem halben Jahr Wohnungsmanager bei der Stadt Greven, im Gespräch mit Redaktionsleiter Ulrich Reske.

Samstag, 06.05.2017, 13:05 Uhr

Als Wohnungsmanager bei der Stadt Greven kümmert sich Berthold Böing seit einem halben Jahr darum, geeigneten Wohnraum für anerkannte Flüchtlinge zu finden.
Als Wohnungsmanager bei der Stadt Greven kümmert sich Berthold Böing seit einem halben Jahr darum, geeigneten Wohnraum für anerkannte Flüchtlinge zu finden. Foto: res

Herr Böing , Ihr Auftrag lautet: Anerkannten Flüchtlingen Wohnungen zu vermitteln. Richtig?

Berthold Böing: Richtig. Die Kernaufgabe ist, Flüchtlingen nach der Anerkennung bei der Wohnungssuche zu helfen.

Sie sind seit einem halben Jahr in dieser Funktion tätig. Wie viele Wohnungen haben Sie vermittelt?

Böing: Das ist schwer zu sagen. Aber das dürften etwa 15 Wohnungen von städtischer Seite sein. Wichtig ist uns aber auch, dass sich Ehrenamtliche einbringen. Und das passiert hier, auch bei der Wohnungsvermittlung.

„Uns als Stadt“ – das kommt Ihnen nach kurzer Zeit ja schon geschmeidig über die Lippen.

Böing: Man gewöhnt sich relativ schnell an diese neue Umgebung, zumal ich auch gerade im Asylbereich sehr engagierte Kollegen habe, die wirklich an einem Strang ziehen. Daraus resultiert das Wir.

Ist das eigentlich ein Problem, als ehemaliger Banker, später selbstständiger Finanzberater in einen Rathausjob zu wechseln?

Böing: Das ist sicherlich eine Umstellung, keine Frage. Da ich aber als Berater und Banker im Bereich Kommunen unterwegs war und mich mit Baufinanzierung und Immobilien beschäftigt habe, sind mir die Themen Wohnen und die Bedeutung für die Kommune geläufig.

Sie knüpfen ja auch Kontakte zu potenziellen Vermietern. Bedarf es da großer Überzeugungsarbeit?

Böing: Ja, sicherlich. Wobei mein Job keine Maklertätigkeit ist. Es geht nicht nur darum, für anerkannte Flüchtlinge eine Wohnung zu suchen, sondern wir versuchen das auch konzeptionell zu hinterlegen. Und dazu gehört als wesentlicher Punkt der Kontakt zu Vermietern und Investoren. Mit ihnen ins Gespräch zu kommen und das Bewusstsein für dieses Thema zu schärfen, ist wichtig.

Gibt es Vorurteile gegenüber Flüchtlingen als Mieter?

Böing: Es gibt Vorbehalte. Da muss man nicht drumherumreden. Die halte ich für weitgehend unbegründet. Gute und schlechte Mieter gibt es in allen Bevölkerungsschichten, natürlich auch bei Flüchtlingen. Ich habe die Flüchtlinge hier als durchweg sehr freundliche Menschen kennengelernt, die dankbar für die Hilfe sind. Hinsichtlich ihrer Integration habe ich keine großen Bedenken.

Ergeben sich nicht allein schon wegen des anderen kulturellen Hintergrunds Schwierigkeiten im Miteinander?

Böing: Unterschiedliche kulturelle Hintergründe und Sichtweisen bezüglich des Wohnens gibt es sicherlich, aber viele Vorbehalte resultieren einfach aus Unkenntnis. Meine Erfahrung der ersten Monate ist die: Je mehr sich Vermieter damit auseinandersetzen, desto mehr werden Vorbehalte abgebaut und desto größer ist die Bereitschaft, Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Nennen Sie Beispiele, wo das gelungen ist?

Böing: Gerne. Da kam jemand, der ein kleines Apartment hat, aber nicht wusste, ob er es an Flüchtlinge vermieten sollte. Wir haben das besprochen, und er hat es gemacht. Der Vermieter war anschließend so zufrieden, dass er auch ein zweites Apartment vermietet hat.

Hand aufs Herz – würden Sie als Vermieter auch selbst an Flüchtlinge vermieten wollen?

Böing: Ja. Warum nicht?

Wie sieht denn die Gesamtsituation auf dem Grevener Wohnungsmarkt aus? Auch und gerade vor dem Hintergrund, dass noch viele Flüchtlinge untergebracht werden müssen.

Böing: Der Grevener Wohnungsmarkt ist sehr eng. Es gibt natürlich auch strukturelle Probleme. Wir haben noch etwa 500 Geflüchtete in Greven , die größtenteils in den städtischen Unterkünften leben. Von ihnen sind etwa 270 anerkannt. Sie haben damit Anspruch auf eine eigene Wohnung.

Und sie haben in den Flüchtlingsunterkünften eigentlich nichts mehr zu suchen.

Böing: Das sind so genannte Fehlbeleger, die allerdings, wenn wir sie aus den Unterkünften ausweisen würden, obdachlos wären.

Gibt es darunter auch viele Familien?

Böing: Von den 270 anerkannten Flüchtlingen sind 120 sogenannte Bedarfsgemeinschaften – von Familien bis zu Alleinreisenden. Für letztere suche ich Apartments. Problematisch ist es aber vor allem, für die sehr großen Familien mit vier und mehr Kindern passenden Wohnraum zu schaffen. Das sind die Defizite in der Wohnstruktur.

Können da Neubauten helfen?

Böing: Es müssen nicht unbedingt Neubauten sein. Helfen kann es auch, einfach einen Aufruf zu starten und zu fragen, wer verfügt noch über Wohnraum? Nur ein Beispiel: Die Kinder sind ausgezogen. Das große Haus steht leer. Möglicherweise kann man doch die obere Etage als Wohnraum separieren. Da gibt es Möglichkeiten, Wohnraum zu heben. Und genau auf dieses Problem möchten wir aufmerksam machen. Wie wir den Wohnungsmarkt in Greven weiterentwickeln, ist nicht nur für die Geflüchteten, sondern für die ganze Stadt wichtig.

Also keine Wohnquartiere für Geflüchtete?

Böing: Nein, denn es geht um Integration. Das wollen die meisten Flüchtlinge auch so. Aber auch die Bereitschaft in der Grevener Bevölkerung wächst, einen Flüchtling mit in die Nachbarschaft aufzunehmen. Wenn man das nicht überfrachtet, hat man gute Chancen, dass es gelingt.

Fühlen Sie sich als Teil der Verwaltung oder eher in einer Sonderrolle?

Böing: Ich bin Teil der Verwaltung, weil ich in Strukturen eingebettet bin. Die Verzahnung mit Tätigkeiten und handelnden Personen im Rathaus läuft super.

270 anerkannte Flüchtlinge, knapp 20 städtischerseits vermittelte Wohnungen – wie groß ist denn der Bedarf noch? Kann Greven die Aufgabe bewältigen?

Böing: Ich suche derzeit noch etwa 120 Wohnungen – 60 Apartments, zehn bis 15 sehr große Wohnungen und entsprechend viele normale Wohnungen. Wir hoffen, dass wir das bewältigen können. Allerdings brauchen wir Zeit, auch weil die Leerstände in Greven unter dem Landesschnitt liegen.

Was kann für Vermieter ein zusätzlicher Anreiz sein, an Flüchtlinge zu vermieten?

Böing: Ich sag´s mal ganz platt: Ein Anreiz ist, anständige und vernünftige Mieter zu finden. Man darf aber auch an das soziale Engagement appellieren. Das ist nicht nur die Aufgabe der Verwaltung, sondern eine gesamtstädtische Verpflichtung. Aus Vermietersicht besteht zudem eine Zahlungssicherheit. Die meisten beziehen in der ersten Zeit Leistungen vom Jobcenter und insofern gehen die Leistungen fürs Wohnen direkt vom Jobcenter an die Vermieter. Es gibt also einige Anreize für Vermieter, Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

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