Podiumsdiskussion: Wie halten wir es mit der AfD?
Einmischen – nicht nur vor Wahlen

Greven -

Eine ganz besondere Podiumsdiskussion hat jetzt das Gymnasium vor der Landtagswahl veranstaltet. Wie haltet ihr es mit der AfD im Wahlkampf, wurden Experten gefragt – unter anderem Günter Benning, Redakteur dieser Zeitung.

Freitag, 05.05.2017, 19:00 Uhr aktualisiert: 07.05.2017, 13:50 Uhr
Über Gefahren des Rechtspopulismus für „das zarte Pflänzchen Demokratie , das man jeden Tag hegen und pflegen muss“ (Philipzen) informierten sich gut 200 Oberstufenschüler, beim Sowi-Forum, das der Leistungskurs vorbereitet hatte.  
Über Gefahren des Rechtspopulismus für „das zarte Pflänzchen Demokratie , das man jeden Tag hegen und pflegen muss“ (Philipzen) informierten sich gut 200 Oberstufenschüler, beim Sowi-Forum, das der Leistungskurs vorbereitet hatte.   Foto: Oliver Hengst

Parteien einladen, sie zu Wort kommen lassen – eigentlich das Normalste der Welt. Zumindest in einem freien Land wie Deutschland. Bislang war das auch gelebte Praxis beim Sowi-Forum am Gymnasium, das jeweils vor Wahlen stattfindet. In diesem Jahr jedoch tauchte eine besondere Frage auf: Wollen, dürfen wir einen Vertreter der AfD einladen oder nicht? Da waren die Oberstufenschüler uneins. Manche wollten sie partout nicht dabei haben, andere wollten sie nicht ausschließen. Bis schließlich Schulleiter Dr. Volker Krobisch entschied: Das Forum wird ohne die AfD stattfinden. „Wir haben 17 Flüchtlinge an dieser Schule. Wir lassen niemanden aufs Podium, der diese Schüler ausgrenzt.“ Richtig so? Auch darüber wurde am Donnerstag in der Schulaula debattiert, wo das vom aktuellen Leistungskurs Sozialwissenschaften organisierte Forum stattfand – erstmals in anderer Form. Die Frage, wie mit Rechtspopulisten umzugehen ist, stand im Mittelpunkt. Auf dem Podium nahmen also keine Parteienvertreter Platz, sondern Experten aus Forschung und Praxis. Thomas Philipzen übernahm die Moderation.

Josef Kraft, ehemaliger Augustinianer und inzwischen Buchautor, ist überzeugt, dass „nicht alle ihrer Wähler mit dem AfD-Wahlprogramm übereinstimmen“. Vielfach sei eine Stimme für Rechtsaußen auch schlicht als Protest gegen etablierte Parteien zu werten. In Deutschland, in den USA, in Frankreich . . . Vor allem enttäuschte Erwartungen von Abgehängten, oder denen, die sich dafür halten, seien das Motiv.

Prof. Dr. Schlipphak (Uni Münster) geht davon aus, dass Rechtspopulisten in Deutschland ein Potenzial von 15 bis 20 Prozent Stimmenanteil haben. Vielfach gäben die Populisten vor, sich für den „kleinen Mann“ einzusetzen, tatsächlich sei das aber kaum der Fall. Das Besondere an rechten Positionen sei das Abschieben von Verantwortung an andere: an Ausländer, Flüchtlinge, die Regierung, die „Lügenpresse“. Fake-News würden gezielt genutzt, „um die eigene Position zu stärken oder sie notwendiger erscheinen zu lassen“. Oft gelinge es Vertretern des rechten Spektrums dann auch noch, den Eindruck zu erwecken, sie und ihre Wähler seien „das Volk“, also die Mehrheit. „Sie sind weniger, sind aber viel lauter“, bemerkte Philipzen mit Verweis auf Demos am Rande des Einheitstages. Über die 4000 Pegida-Krakeler sei ausführlich berichtet worden, 400 000 Besucher des Bürgerfestes seien fast unbeachtet geblieben. „Aber das Gegenteil von 20 Prozent sind nun mal 80 Prozent“, verdeutlichte Günter Benning , Redakteur dieser Zeitung. Was zur Gretchenfrage führte: Was tun? Als Philipzen Schüler fragte, wie sie rechten Parolen begegnen, war oft Achselzucken die Antwort. Einfach umdrehen und weggehen? Das, warnte Christina Möllers (Villa ten Hompel), sei keine Lösung. „Es kommt ganz entscheidend darauf an, wie wir als Zivilgesellschaft damit umgehen.“ Es sei nötig, übrigens nicht nur vor Wahlen, sich einzumischen, die Auseinandersetzung zu suchen, zu argumentieren, gegenzuhalten. „Selbst denken“, lautete ihr Aufruf. „Da darf man ruhig mal applaudieren“, warb Philipzen für Unterstützung. „Man darf den Raum nicht den Radikalen überlassen“, pflichtete Benning bei. Und Kraft empfahl mit Blick auf die Wahlen (NRW und Bund), „links und rechts zu gucken“, sich aus verschiedenen Medien zu informieren, um Fake-News nicht auf den Leim zu gehen. Er sieht die große Gefahr, dass die AfD allein dadurch Erfolg habe, „dass sich andere Parteien von ihr treiben lassen“ und nannte die Leitkultur-Debatte als Beispiel. Die AfD habe es zum Prinzip erhoben, skandalträchtig zu agieren und Medien nähmen das oft dankbar auf, „um wiederum damit Klicks zu generieren“.

Christina Möllers bekannte, dass sie sich ein Podium mit einem AfD-Vertreter durchaus hätte vorstellen können. Wichtig sei dabei, nicht bloß Parolen Raum zu bieten, sondern die inhaltliche Auseinandersetzung zu suchen, vermeintliche Fakten zu hinterfragen, Parolen zu enttarnen. Das allerdings braucht Vorbereitung. Man müsse sich „seine eigene Haltung bewusst machen und sich selbst eine rote Linie setzten“. Sowi-Lehrer Jan Kassens nahm das dankbar auf und mahnte die Schüler, sie müssten „raus aus der Komfortzone und lernen, zu debattieren“. Das traut Möllers den Grevener Gymnasiasten durchaus zu: „Das ist ja hier eine Schule mit echt fitten Schülern“, wie nicht zuletzt die Vorbereitung des Forums gezeigt habe.

Und wen wählen? Schlipphak mahnte, den Wohl-O-Maten nicht überzubewerten. Er weise technische Mängel auf. Eine konkrete Wahlempfehlung konnte und wollte am Ende natürlich niemand abgeben. Aber Benning wurde immerhin so deutlich: „Wahlprogramme, die auf Ausgrenzung basieren, taugen einfach nichts.“

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