Manfred Hein war 64 Jahre Busfahrer
Ihm konnten sie ihr Herz ausschütten

Greven -

Das gibt‘s doch nicht: Jemand geht nach 64 Jahren Arbeit in den Ruhestand. Doch, das gibt‘s: Manfred Hein ist 79 Jahre alt und bis vor wenigen Tagen Busfahrer gewesen. Und die Schmedehausener Schulkinder lieben ihn . . .

Samstag, 08.07.2017, 11:07 Uhr

Das lauschige Plätzchen auf dem Sofa. Manfred Hein genießt seinen Ruhestand – nach 64 Jahren Berufstätigkeit
Das lauschige Plätzchen auf dem Sofa. Manfred Hein genießt seinen Ruhestand – nach 64 Jahren Berufstätigkeit Foto: Peter Beckmann

Es hätte ein richtig herzergreifendes Happy-End à la Hedwig Courths-Mahler werden können. Wenn – ja wenn da nicht dieser kleine Altersunterschied gewesen wäre. Aber: der ließ sich nun mal nicht leugnen. Und so kam es eben nicht zu „Stippmiälk un Pannekoken“. Die Hochzeit fand nicht statt. Welche Hochzeit? Dazu später mehr.

Zunächst geht es einmal um „Manni“. Der heißt eigentlich Manfred , mit Hausnamen Hein. Aber Manfred sagt eigentlich niemand. Manni ist ein quietschfideler Mann, der sich einen Wolf freut, wenn man so reagiert wie alle reagieren. Und zwar darauf, wenn er erzählt, wie alt er ist. „Ich werde 79 Jahre alt“, sagt Manni und freut sich über den offen stehenden Mund. „Nein, nicht wirklich, oder?“ Doch, Manni ist 79 Jahre alt – und ist kürzlich in Rente gegangen.

Dann kommt wieder diese verschmitzte Freude wenn man ihn ungläubig anschaut. Der Mann will einfach nicht in die gängigen Schubladen passen. Und: Es stimmt wirklich. Manfred Hein hat sage und schreibe 64 Jahre voll gearbeitet. Neun Jahre war er bei Biederlack, hat dort Weber gelernt. Dann wechselte er auf den Lkw. 13 Jahre saß er auf dem Bock und ruinierte sich fast den Rücken. „Früher gab‘s noch keine Ameisen, da musste man beim Be- oder Entladen der Lkw noch mit anpacken und Pakete stemmen“, erzählt er. Wie gesagt: Der Rücken wollte nicht mehr, Manni machte den Busführerschein, bewarb sich bei Weilke und bekam den Job – und einen gut gefederten Sitz für den Rücken.

Eingewiesen wurde er in den Schulbusverkehr. Er fuhr die Schmedehausener Schüler. Aber nicht so wirklich lange. Denn: Er wechselte in den Reiseverkehr.

Dort spulte er Kilometer um Kilometer ab. Für 500 000 Kilometer unfall­freie Fahrt bekam er eine Urkunde. Wie viele Kilometer er in seinem Leben insgesamt gefahren ist? „Keine Ahnung, das weiß ich wirklich nicht“, sagt Manni. „Im Großen und Ganzen habe ich viel Glück gehabt, aber auch immer die Augen offen gehalten.“ Der Mann hat schließlich Erfahrung.

Manni hat jedenfalls viel gesehen. „Ich war in ganz Europa unterwegs“, erzählt er und listet auf: Spanien, DDR, Norwegen, Schweden, Frankreich, Russland und, und, und – „ich bin wirklich viel herumgekommen“. 13 neue Busse hat er in dieser Zeit in seine Obhut bekommen.

Dann, vor zwölf Jahren, Manfred Hein war stolze 67 Jahre alt, wechselte er wieder auf den Schulbus – und fuhr von nun an wieder die Schmedehausener Kinder. „Das hat sich halt so ergeben“, erzählt Manni. Zunächst fährt er den kleinen Zubringer-Bus, dann den normalen großen Schulbus. Und: Es entwickelte sich etwas ganz Besonderes.

Manni der Busfahrer war bei den Kindern sehr beliebt. Und: Probleme hatte er mit den Kindern nie. Verdreckte Busse? Lärm und Theater im Bus? Das hat es nie gegeben. „Der Bus war nach Feierabend genauso sauber wie am Morgen“, erzählt Manni. Und es klingt auch ein bisschen Stolz durch. Stolz auf sich selbst, aber auch Stolz auf „seine“ Kinder. Doch: Wie kann das? „Man muss die Kinder vernünftig ansprechen und nicht herumschreien, dann klappt das auch“, erzählt Manni.

Er kennt seine Kinder alle, weiß, wer wann Unterricht hat, weiß, ob eines krank ist oder Sorgen hat. „Die Kinder haben mir alles erzählt, haben ihre Herzen ausgeschüttet, ich war so etwas wie ein kleiner Pastor.“ Denn auf eines konnten sich die Kinder verlassen: Egal, was sie ihm erzählten, das blieb ein Geheimnis zwischen Manni und den Kindern. Und er ergänzt. „Wenn so manche Mutter oder mancher Vater wüsste, was ich weiß, würden die rote Ohren bekommen.“ Und wieder ist das verschmitzte Lachen zu sehen.

Manfred Hein lernte natürlich auch die Eltern kennen. „Da sind einige Freundschaften entstanden.“ Als Manni mal krank war, bekam er liebe Post von den Kindern mit Genesungswünschen. „Wann kommst Du endlich wieder?“, hieß es da in den Briefen.

Aber: Es kam dann irgendwann doch der Zeitpunkt für Manfred Hein, endlich in den Ruhestand zu gehen. „Man muss wissen, wann man aufhören muss“, sagt der rüstige Senior. Die Gesundheit sei kein Problem gewesen. „Mein Arzt sagt immer, dass ich mit Sicherheit 100 Jahre alt werde.“ Auch sein Busschein wurde immer ohne Probleme verlängert. Aktuell ist er bis 2019 noch gültig.

Trotzdem: Es kam der Zeitpunkt, um aufzuhören. „In der letzten Woche habe ich ganz normal meine Touren gefahren, die Kinder haben auch nichts Besonderes erzählt“, erinnert sich Manfred Hein. Dann bekam er einen Anruf von den Eltern, er möge in drei Tagen zur Kirche in Schmedehausen kommen. Als er dort war, kamen ihm die Tränen. „Alle hatten für mich eine riesen Abschiedsparty mit Getränken und Pizza organisiert.“ Und natürlich waren auch alle „seine“ Kinder mit ihren Eltern gekommen.

Manni bekam einen riesigen Geschenkkorb überreicht. Jedes Kind wurde mit Handschlag verabschiedet. „Einige Kinder haben sogar geweint“, erzählt Hein und auch seine Augen werden wieder ein bisschen feucht. Man merkt: Der Abschied ist ihm sehr schwergefallen. Ein Mädchen schrieb ihm, dass ihr bestimmt die lustigen Fahrten und (die Herren Weilke sollten jetzt mal eben ein paar Zeilen überlesen) die spontanen Umwege fehlen würden.

Jetzt, im Ruhestand, wird Manfred Hein Bus fahren – als Fahrgast. „Ich mache jetzt die Städtetouren mit, die mir gut gefallen haben und schaue mir das an, was ich als Busfahrer verpasst habe“, erzählt er. Und: „Ich kann dann ja auch den Kollegen mal ein oder zwei Stunden am Lenker ablösen.“ Lassen kann er es anscheinend nicht wirklich.

Ach ja, da war ja noch die Geschichte mit dem ausgefallenen Happy End. Denn: Bei der Verabschiedung bekam Manni einen Heiratsantrag. Von einem kleinen Mädchen, das er immer zur Schule gefahren hat. „Ich sollte doch noch ein paar Jahre fahren, bis sie groß sei, und dann würde sie mich heiraten.“ Das musste Manni leider schweren Herzens ablehnen . . .

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4991198?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F168%2F
Nachrichten-Ticker