Gespräch mit dem scheidenden Schulleiter der Justin-Kleinwächter-Realschule
„Ging in erster Linie um die Schüler“

Viereinhalb Jahre lang war er Leiter der Justin-Kleinwächter-Realschule, nach dem Sommer wird er diaktischer Leiter der neuen Gesamtschule Lotte-Westerkappeln. Im Interview mit Redakteur Oliver Hengst sprach Thorben Zilske über die Aufgabe, eine auslaufende Schule zu leiten, die künftige Ausgestaltung der Grevener Schullandschaft und über seine künftige Aufgabe in Lotte.

Samstag, 08.07.2017, 16:07 Uhr

Viereinhalb Jahre an der JKR „drückt man nicht so einfach weg“, sagt Thorben Zilske, der letzte Leiter der Justin-Kleinwächter-Realschule. Die Schule schließt, Zilske wechselt an die Gesamtschule Lotte-Westerkappeln.  
Viereinhalb Jahre an der JKR „drückt man nicht so einfach weg“, sagt Thorben Zilske, der letzte Leiter der Justin-Kleinwächter-Realschule. Die Schule schließt, Zilske wechselt an die Gesamtschule Lotte-Westerkappeln.   Foto: oh

Bei Schülern scheint es eine Mischung aus Trauer und Aufbruchstimmung zu geben. Was überwiegt bei Ihnen?

Thorben Zilske: Ich glaube, ich habe es noch gar nicht so richtig realisiert. Obwohl die Schüler schon seit letzter Woche weg sind. Das Auslaufen der Schule war ein Prozess, ein guter, der so lief, wie ich mir das vorgestellt habe. Anfangs gab es eine gewisse Unsicherheit im Kollegium. Ziel war es, zunächst diese Unsicherheit zu nehmen – zu sagen: Es geht ganz normal weiter, mit mir als Pol. Es ging während der ganzen Zeit in erster Linie um die Schüler.

Was wird aus den Lehrern der JKR?

Zilske: Alle Kollegen sind untergekommen, schon seit letztem Jahr. Ich bin ja der einzige Lehrer, der an der Schule verblieben ist. Alle anderen sind versetzt und rückabgeordnet. Ich komme dahin, wo ich hin möchte. Darauf freue ich mich auch. Es gab auch die Option, nochmal ein auslaufendes System zu übernehmen. Aber: Hier hat es gut geklappt, ob das woanders auch so gut funktioniert, weiß man nicht. Ich bin deshalb froh, nun an eine Schule zu gehen, die im Aufbau ist. Auf die Aufgabe freue ich mich. Aber die viereinhalb Jahre hier an der JKR drückt man auch nicht so einfach weg.

Würden Sie im Rückblick sagen, Sie wussten wirklich, worauf Sie sich einließen?

Zilske: Ja. Ich bin da immer sehr objektiv rangegangen. Ich habe als Grevener, als Reckenfelder schon eine Bindung zu dieser Schule gehabt, dadurch, dass meine Schwiegermutter hier unterrichtet hat, ich mit meiner Frau auch die Weihnachtsbasare als Gast besucht habe. Als ich aus dem Referendariat kam, habe ich mich auch hier beworben, damals bei Frau Steimann. Ich hätte gerne hier angefangen, denn ich wusste: Es ist eine gute Schule. Aber ich wusste nun eben auch: Es ist eine Schule im Auslaufprozess. Natürlich wachsen mir die Schüler immer ans Herz, aber nach der Zehn muss man sie immer wieder entlassen, jedes Jahr. Klar, es ist jetzt schon etwas besonderes, denn sie sind die letzten Schüler dieser Schule. Aber der Abnabelungsprozess ist nicht neu.

Als Sie damals anfingen, wollten Sie nicht von „Abwickeln“ sprechen, denn es gehe um mehr. Ist das gelungen?

Zilske: Voll und ganz. Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben: Wir wollen jedem Jahrgang auch dem letzten, vermitteln: Ihr braucht euch keine Sorgen machen. Alles wird genau so laufen wie für die Jahrgänge zuvor. Klar: Lehrer kommen und gehen – da kommen wir nicht drum herum. Aber Klassen- und Fachlehrer sollten soweit wie möglich erhalten bleiben. Und das haben wir sehr gut durchgehalten.

Gab es Einschränkungen des Angebotes?

Zilske: Natürlich fallen Dinge an einer auslaufenden Schule weg. Wir haben keine Einschulungen mehr, müssen nicht mehr mit einem Tag der offenen Tür werben. Aber gerade, was in den höheren Jahrgängen wichtig ist, haben wir durchgezogen: vor allem Berufsorientierung und Berufsberatung. Frau Kraus von der Agentur für Arbeit ist bis zum letzten Halbjahr hier gewesen. Wir haben mit McJob zusammengearbeitet, um da einen Schwerpunkt zu setzen. Wir haben weiter unsere sozialen Projekttage gemacht. Warum auch nicht? Die Schulfeste gingen weiter. Wir haben im vorletzten Jahr für den letzten Jahrgang nochmal eine englischsprachige Projektwoche durchgeführt, die viel Geld gekostet hat. Das war wichtig. Wir haben mit der Hauptschule kooperiert und ein Theater zum Thema Gewalt eingeladen. Eine tolle Sache. Die Verdun-Fahrt haben wir zusammen mit dem Gymnasium unternommen. Wir haben auch möglichst lange zusammen mit der AFR den Frankreich-Austausch fortgeführt. Die Abschlussklassen sind nach Berlin gefahren. Die Schülergenossenschaft lief weiter. Wir haben zum Ende unsere obligatorische Kanufahrt durchgeführt. Und so haben wir eigentlich – nein, nicht eigentlich – wir haben alle Dinge aufrecht erhalten. Was wir uns vorgenommen haben, haben wir geschafft.

Thema Unterrichtsausfall: Es soll im letzten Jahrgang mehr ausgefallen sei als üblich . . .

Zilske: Es ist ganz normal, dass man in höheren Jahrgängen eher mal Stunden ausfallen lassen kann, als bei den Jüngeren. Aber unter dem Strich haben wir in diesem Jahrgang so wenig Vertretungspläne gehabt wie in keinem anderen zuvor.

Wie viel Improvisation war nötig, um die knapperen Ressourcen auszugleichen?

Zilske: Ich würde nicht sagen Improvisation, sondern Koordination. Stunden- und Einsatzpläne mit den anderen Schulen abzusprechen, war schon viel Koordinationsarbeit. Ich hatte ja am Ende neben den eigenen Kollegen auch welche von der Hauptschule, der Gesamtschule und der AFR. 17 Lehrer haben die letzten 74 Schüler unterrichtet. Da wurde schon viel kommuniziert. Da sind alle Schulen aufeinander zugegangen. Zum Beispiel kann man schlecht gleichzeitig Zeugniskonferenzen machen.

Die JKR ist nun also Geschichte. Die Schullandschaft hat sich verändert. Für Realschüler gibt es weiter Alternativen. Sie dürften somit, was die Belange Ihrer Schülerschaft angeht, unbesorgt sein . . .

Zilske: Nein. Ich bin nicht damit zufrieden, wie es in Greven momentan läuft. Ein dreigliedriges System funktioniert nur mit drei Gliedern. Eines fällt aber mit der Hauptschule weg. Da muss sich die Grevener Schullandschaft dringend etwas überlegen. Da wird weiter – ich muss es so sagen – Feuer drin blieben. Denn das System ist nicht komplett, es funktioniert so nicht. Da muss dringend etwas passieren. Gar nicht mal bei der Aufnahme, das klappt meistens. Ich bin kein Freund vom Abschulen. Es war hier immer mein Ziel, alle Schüler zu halten, auch die Schüler, die den Hauptschulabschluss bekommen, denn den können wir hier auch vergeben. Bei uns waren es im letzten Jahrgang vier, und ich glaube, die Schüler waren sehr glücklich, dass sie hier bleiben konnten. Andererseits sind im Vorjahr auch drei Schülerinnen zur Hauptschule gewechselt. Das ging damals, heute aber nicht mehr.

Wie kann das Problem denn gelöst werden?

Zilske: Am liebsten würde ich die verschiedenen Sek.-I-Abschlüsse ganz abschaffen. Denn: Soll es weiter – auch ohne Hauptschule – noch einen Hauptschulabschluss geben? Da müsste man ran. Solange man das nicht kann, ist für mich in Greven allein der Paragraf 132c eine Alternative. Bedeutet: Die Realschule kann ihre Schüler weiter unterrichten. Ansonsten müssten sie spätestens nach Klasse sechs, wenn sie nicht den Realschul-Anfordrungen entsprechen, die Schule und damit die Stadt verlassen. Der Weg aus dem dreigliedrigen System, also von der AFR, in das integrative System der Gesamtschule ist nicht vorgesehen. Das scheint immer noch nicht in den Köpfen drin zu sein. Das funktioniert vielleicht im Einzelfall. Aber die Gesamtschule immer größer und voller zu machen, funktioniert sicher nicht. Es kann jedenfalls nicht die Lösung sein, dass Schüler in Greven keinen Platz bekommen und reisen müssen.

Was ist ein Hauptschulabschluss heute wert?

Zilske: Ich komme selbst aus dem Hauptschulbereich. Ein Hauptschulabschluss ist doch kein Beinbruch. Wir brauchen gerade in diesen Zeiten viele, die zum Beispiel ins Handwerk gehen. Ich habe jenen Schülern, die nicht zu den Leistungsstärksten zählten, immer gesagt: Schau, da gibt es so viele Optionen. Ich habe vielen geraten, eine Ausbildung zu machen. Sie werden doch händeringend gesucht, das hätten sich Generationen vorher gewünscht. Wir brauchen nicht alle Abitur, wir brauchen auch Handwerker und Fachkräfte.

Haben Sie sich nun bewusst für eine Aufgabe an einer Gesamtschule entschieden?

Zilske: Ja, definitiv. Es gab für mich auch die Möglichkeit, in Greven als didaktischer Leiter zu arbeiten. Dafür hätte ich aber schon nach zwei Jahren an der JKR aufhören müssen. Das habe ich nicht übers Herz gebracht. Beides gleichzeitig machen durfte ich nicht. Also musste ich nach Alternativen gucken. In Lotte-Westerkappeln habe ich die nun gefunden.

Was macht ein Didaktischer Leiter?

Zilske: Der ist in erster Linie für den Ganztag zuständig, für die Übermittagsangebote und mehr, aber auch für Konzepte, etwa zu Fortbildung und Beratung und ist praktisch dritter Mann im Schulleitungs-Team. Ich werde natürlich auch unterrichten.

Und Sie bleiben Reckenfelder?

Zilske: Definitiv, ja. Wir haben ein Haus da, drei kleine Kinder, von denen die Älteste gerade die erste Klasse in Reckenfeld besucht.

Sehen Sie mittelfristig auch die Realschule als Schulform bedroht?

Zilske: Wie gesagt: Der dreibeinige Stuhl hinkt. Die Realschulen werden es auch schwer haben. Das Konzept des Abschulens funktioniert nicht mehr. Da werden sich alle Realschulen und die Träger etwas überlegen müssen. Für mich kann es nur das integrative System plus Gymnasium geben – wobei das auch schon nicht funktioniert, aber ans Gymnasium geht ja keiner ran.

Die Gesamtschule Greven sucht einen neuen Namen. Würden Sie sich freuen, wenn jemand den Namen „Justin-Kleinwächter-Gesamtschule“ vorschlagen würde?

Zilske: Es würde mich für Frau Frische freuen (Anm. der Redaktion: Schwester von Justin Kleinwächter). Der Name Justin Kleinwächter mit lokalem Bezug war schon ein Alleinstellungsmerkmal. Ich könnte aber auch verstehen, wenn sich die Gesamtschule einen eigenen Namen geben würde.

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