Möbelbrücke qualifiziert
Brückenbauer in die Arbeitswelt

Greven -

Langzeitarbeitslos. Das klingt gesichtslos. In der Möbelbrücke bekommen die Menschen ein Gesicht, die Probleme mit der Arbeitswelt haben. Ein Besuch.

Dienstag, 08.08.2017, 12:08 Uhr

Notfalls  können sie auch einen Feuerlöscher bedienen: Susanne Fischer (l.) und Inge Timpf arbeiten seit zehn Jahren hauptamtlich in der Möbelbrücke.
Notfalls  können sie auch einen Feuerlöscher bedienen: Susanne Fischer (l.) und Inge Timpf arbeiten seit zehn Jahren hauptamtlich in der Möbelbrücke. Foto: bn

Am besten ist ja immer unverhofftes Lob. Gisela Sperling schlenzt mit ihrem Mann durch den kleinen Garten der Möbelbrücke. Und bewundert ein Vogelhaus aus einem umgedrehten Blumenpott: „Wir klauen hier immer Ideen – denen fällt ständig etwas Neues ein.“

Die Möbelbrücke an der Mühlenstraße wirkt von außen wie ein großer Second-Hand-Laden. Eine Halle mit Alt-Möbeln. Ein kleiner Laden, eine Werkstatt. Dahinter verbirgt sich seit zehn Jahren ein Projekt der Evangelischen Jugendhilfe, das Langzeitarbeitslose, Jugendliche ohne Job und neuerdings auch Flüchtlinge fit für die Arbeitswelt machen soll.

Susanne Fischer steht in der Möbelhalle und zeigt auf eine liebevoll bemalte alte Kommode: „So etwas machen unsere Teilnehmer.“ Die Sozialpädagogin leitet das Projekt. Und packt selbst mit an: „Möbel abbauen und aufbauen – das muss man alles können.“

Brücke in die Arbeitswelt

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  • Sie war 25  Jahre lang Mathelehrerin in Russland. Dann lernte Irina Wendler (53) auf einer Klassenfahrt in London ihren Mann kennen. Jetzt lebt die Armenierin in Greven: „Aber meine Sprachkenntnisse reichen nicht aus, um zu unterrichten.“ In der Möbelbrücke näht und bastelt sie. Vor allem aber lernt sie Alltagsdeutsch: „Das finde ich spannend.“ Außerdem ist sie für die Lebenshilfe tätig und betreut Kinder. „Hier gibt es nette Kollegen.“

    Foto: Günter Benning
  • Die Umlaute sind schwer“, sagt Ehab Alhussein Alkanan (26). Der Syrer lebt seit zwei Jahren in Greven, seine Familie ist in Damaskus. Er hatte Englisch studiert. In Deutschland, sagt er, „brauche ich eine Ausbildung.“ Dafür aber muss er noch besser die Sprache lernen. „Es gibt einen großen Unterschied zwischen der Sprache in der Schule – und der Straße.“ In der Möbelbrücke baut er gerade Frösche für Kunsthandwerkermärkte.

    Foto: Günter Benning
  • Zuerst hatte er Probleme, sich in der Möbelbrücke „einzureihen“, sagt David Goldschmidt (19). Er hat einen Hauptschulabschluss und würde gerne eine Lehre machen: „Aber oft braucht man da doch den Realschulabschluss.“ In der Möbelbrücke macht er alles: Gartenarbeit, Möbel aufarbeiten, das Lager in Schuss halten. „Wenn man merkt, dass die Leute einem nichts Bösen wollen, sondern einen geregelten Arbeitsablauf wollen, finde ich es hier gut.“

    Foto: Günter Benning
  • Individuell gestaltete Möbel im Lagerraum.

    Foto: Günter Benning
  • Individuell gestaltete Möbel im Lagerraum.

    Foto: Günter Benning
  • Individuell gestaltete Möbel im Lagerraum.

    Foto: Günter Benning
  • Foto: Günter Benning
  • Susanne Fischer (l.) und Inge Timpf arbeiten seit zehn Jahren hauptamtlich in der Möbelbrücke.

    Foto: Günter Benning
  • Foto: Günter Benning
  • Foto: Günter Benning
  • Foto: Günter Benning
  • Der Bundesfreiwilligendienstler Max Menge.

    Foto: Günter Benning

Sie und die Hauswirtschaftsmeisterin Inge Timpf sind seit zehn Jahren im Projekt. Und obwohl derzeit von Vollbeschäftigung und Arbeitskräftemangel gesprochen wird, sind ihre Kurse immer voll. Fischer: „Die Leute, die vor zehn Jahren Probleme im Arbeitsmarkt hatten, gibt es auch noch.“

Und die können vielschichtig sein. Wie bei der russischen Lehrerin, der die Praxis des Sprechens fehlt. Oder dem Langzeitarbeitslosen mit Rückenproblemen. Fischer: „Es gibt Leute, die nicht im Stehen arbeiten können.“ Bei Jugendlichen geht es oft um Disziplin, um Zuverlässigkeit. Mitunter gibt es hier auch Schüler, die nach sieben Jahren aus dem Schulsystem gekippt sind. Da ist es eine Herausforderung, ihnen Mut zu machen.

„Manchmal“, freut sich Susanne Fischer, „kommen sie mit ihrem ersten Zeugnis nach unserem Kurs direkt zu mir.“

Die Möbelbrücke ist ein Übergang. Ein halbes Jahr dauern die Kurse in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter. Dann sollen die Teilnehmer das haben, was die Pädagogen „alltagspraktische Fertigkeiten und Schlüsselqualifikationen“ nennen.

Wenn sie überdies noch kreativ werden, umso besser. In der Werkstatt sägt gerade der Syrer Ehab Alhussein Alkanan an einer Froschfigur. Sie besteht aus Styropor, wird noch bemalt und auf Kunsthandwerkermärkten verkauft: „Ich lerne hier neue Worte“, sagt er, „und neue Freunde kennen.“

Fast alle Teilnehmer der Kurse kommen aus Greven, selten mal einer aus Nordwalde. Auch die Kundschaft ist lokal. „Wir bieten hier alles für eine komplette Wohnungseinrichtung“, sagt Inge Timpf, „einschließlich Deko und Küchenutensilien.“ Manchmal gibt‘s auch Designerschnäppchen und antike Möbel auf Lager. Allerdings haben die Brücken-Mitarbeiter es aufgegeben, alle gebrauchten Möbel anzunehmen. Susanne Fischer: „Altdeutsche Schränke gäbe es genug – aber die will heute keiner mehr haben.“

Für die Teilnehmer soll eine Lehre wichtig sein: „Durch Upcyceln alter Möbel kann man sich auch mit wenig Geld gut einrichten.“

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