Mittelalterliches Ambiente im Wohnviertel
Neben den Zinnen wächst das Gras

Greven -

Ein kleiner Burgturm mitten im Wohnviertel. Das ist ein Hingucker. Jan Czwikla verwirklicht sich damit einen kleinen architektonischen Traum.

Dienstag, 08.08.2017, 15:08 Uhr

Der kleine  Turm enthält die Garage und eine Umkleide.
Der kleine  Turm enthält die Garage und eine Umkleide. Foto: Günter Benning

Die ganz große Zeit der Grevener Raubritter liegt jetzt schon etwas zurück. 1278 ließ der münsterische Bischof Eberhard von Diest die Burg Schöneflieth zerstören. Es gab zwar einen Nachfolgerbau, aber den kauften 1812 vier ehrbare Grevener Kaufleute. Und sie verscherbelten die Steine. 1843 war alles weg. Heute erinnert nur ein künstlicher Umriss neben der Bundesstraße ans dunkle Mittelalter.

Beziehungsweise, wer durch die Konradstraße fährt, quasi mitten in der Stadt, fühlt sich plötzlich zurückkatapultiert.

Neben einem 40er-Jahre- Wohnhaus ragt ein Sandsteinturm mit „Schießscharten“ und Zinnen über einer Garage. Eine Wendeltreppe führt außen ins oberste Kämmerchen. Auf der steigt gerade Jan Czwikla herunter, braun gebrannt, sonst aber ohne Ähnlichkeiten mit vergangenen Raubrittern wie dem Dietrich von Schönebeck.

Czwikla ist selbstständiger Zahntechniker. Und ein Freund der klassischen Architektur. Der ganz klassischen, münsterländischen. Am liebsten, sagt er, „hätte ich vor unser Haus so eine Fassade gesetzt wie auf dem Prinzipalmarkt.“ Glatt hoch, seitlich abgestuft. Das wäre ein Hingucker geworden.

Aber Experten hätten ihn darauf hingewiesen, grinst er, dass so viel Sandstein soviel kosten würde, dass er auf die Inneneinrichtung verzichten müsste. Also: Der Turm als Kompromiss.

Czwikla hat das Haus an der Konradstraße von seiner Großmutter halb geerbt, halb erworben. „Früher hatte mein Großvater hier eine Schneiderwerkstatt“, sagt er.

Man kann es sich kaum noch vorstellen, es gab eine Werkstatt und einen Verkaufsraum. Heute ist das alles offener Wohnbereich mit Luft, Sandstein und Herzliebe. Das dunkle Treppenhaus ist verschwunden. Stattdessen gibt es eine Wendeltreppe über der begehbares Glas Licht hereinfallen lässt.

Ob er gerne Architekt geworden wäre? „Vielleicht“, sagt der Zahntechniker, „aber ich hätte wahrscheinlich keine Kunden gefunden, bei denen ich meine Vorstellungen verwirklichen kann.“

Sein Burgturm als krönende Überdachung der Garage sieht übrigens von weitem größer aus als er ist. Man kann über eine kleine Treppe eine kleine Kammer unterm Dach erreichen, aus der auch Rapunzel ihr Haare hätte heraushalten können.

Aber, praktisch wie der Grevener ist, hat er hier einen Wasseranschluss installiert. Es ist gerade soviel Platz, dass es für eine Umkleide und eine Dusche reicht (genug für Rapunzel).

Beides kann dann benutzen, wer im Schwimmteich hinterm Haus seine Runden gedreht hat. Der macht ungefähr zwei Drittel des Gartens aus, besitzt einen kleinen Wasserfall und ist 1,40 Meter tief. Ein Erholungsgelände für die dreiköpfige Familie Czwikla.

Das Haus selbst übrigens wurde 1949 gebaut. Seit zwölf Jahren lebt der Zahntechniker schon darin: „Seit zehn Jahren bauen wir um.“

Irgendwann muss natürlich auch Schluss sein. Jetzt muss noch eingesät werden. Auf dem Turm entsteht ein begrüntes Dach. Übrigens, besteigen darf man es nicht – dafür haben Czwiklas nebenan eine hübsche große Dachterrasse.

Und warum muss es Mittelalter sein? Dafür habe er ein Faible, sagt Czwikla. Und wenn er sehe, wie lieblos und naturvernichtend moderne Wohnhäuser in der Stadt gebaut würden, dann wolle er doch etwas dagegensetzen: „Architektur, die irgendwie zeitlos ist.“

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