Katholische Jugendliche und die Nazis
Rätselhafte Trümmer im Wald

Greven -

Dies ist eine Geschichte von jungen Katholiken. Von Hitlerjugend und SA. Von Jugendlagern in Fuestrup an der Ems. Heinz-Ulrich Eggert hat sie recherchiert.

Samstag, 12.08.2017, 06:08 Uhr

Das Dach der kleinen Christophorus-Kapelle liegt auf dem Waldboden. Das kleine Bild bietet einen Eindruck aus der Kapelle..
Das Dach der kleinen Christophorus-Kapelle liegt auf dem Waldboden. Das kleine Bild bietet einen Eindruck aus der Kapelle.. Foto: Walter Lindstrot / Johannes Lunau

Efeu rankt über der Betonkuppel. Glasscheiben sind herausgebrochen. Aus einem Stein im Unkreis ragt ein Haken. „Daran hat die Glocke gehangen“, sagt Dr. Heinz-Ulrich Eggert .

Die Christophorus-Kapelle aus den 50er Jahren.

Die Christophorus-Kapelle aus den 50er Jahren. Foto: BAM

Der Historiker aus Münster stand 2013 bei einer Fahrradtour in die Fuestruper Berge vor der Ruine einer vergessenen Kapelle. Sie löste Erinnerungen in ihm aus. „Als junge NDer haben wir dort gezeltet, in der Nähe war ein 100 Meter breiter Ems-Strand. Für Jungs ein toller Ort.“

Der Bund Neudeutschland (ND) war eine katholische Organisation, der Wald ein Treffpunkt für Jugendliche aus dem ganzen Bistum in den 50er Jahren Aber die Christophorus-Kapelle, vor deren Trümmern er stand, führte Eggert zu einem viel älteren katholischen Jugendzentrum. „Auf nach Fuestrup“ heißt die Studie, die er vier Jahre später veröffentlicht – das Ergebnis intensiven Spurensuche.

Eggert fragte sich erst einmal in der Nachbarschaft bei den Bauern durch. „Einer erzählte mir, seine Tante habe Anfang der 30er Jahre in der Kapelle geheiratet“, sagt er. Und dann erfuhr er von dem Jugendzentrum St. Christopher, das dort vorher gestanden hatte. Es gehörte dem Katholischen Jugend- und Jungmännerverein und dem Katholischen Gesellenverein.

Jugendliche aus Münster und dem Bistum hatten sich dort versammelt. Nebenan war ein Zeltplatz. „In den Sommerferien gab es dort zum Beispiel eine große Aktion der Caritas Münster für Kinder aus armen Familien“, sagt Eggert. Sie machten Stadtranderholung.

Das Haus wurde 1931 gebaut. 1936 brannte es ab. In diesem Jahr waren die katholischen Jugendverbände von den Nazis verboten worden. Hinter dem Brand, vermutet man, standen SA und Hitlerjugend.

Der Historiker recherchierte penibel, grub im Stadt-, Staats- und Bistumsarchiv. „Es gibt wenig Akten“, sagt er, „viel verdanke ich den lokalen Zeitungen.“

Jungscharführer wurden abgeführt und in Einzelhaft genommen.

Jungscharführer wurden abgeführt und in Einzelhaft genommen. Foto: BAM

Bei manchen Ereignissen war er auf Zeitzeugen und deren Kinder angewiesen, die offiziellen Medien schwiegen. 1934 etwa wurden drei katholische „Jungscharführer“, die mit Kindern im Wald zelteten, von Hitler-Jugend (HJ) und SA festgenommen und nach Münster abgeführt. Der Vorwurf: Sie hätten eine HJ-Flagge verbrannt.

Die drei Verhafteten verbrachten vier Wochen in Einzelhaft, wurden nachts streng verhört. Und erst freigelassen, als Jugendpräses Reinhold Friedrichs mit persönlichem Druck und in vollem Ornat im Polizeirevier auflief ein Gerichtsverfahren erzwang.

Einer der Angeklagten, der Elektriker Schmitz-Hübsch berichtete seinen Kindern, er habe sich nachher wie Freiwild gefühlt. Seine Geschichte findet sich erstmals in Eggerts Buch.

Noch bis in die 60er Jahre waren die Fuestruper Berge ein beliebter Ausflugsort für katholischen Jugendgruppen. Danach nahm die Bundeswehr das Gelände für Übungen in Beschlag. Zeltlager waren nur als Ausnahme möglich.

Das ausgebrannte Landheim St. Christopher im Jahr 1936

Das ausgebrannte Landheim St. Christopher im Jahr 1936 Foto: WN

Die kleine Kapelle wurde im Lauf der Zeit zerstört, zerschlagen, die Eisentür in die Ems geworfen. Motorradfahrer haben ringsum den Hügel zerpflügt Eggert: „Das alles hat nirgendwo Aufsehen erregt.“

Das Buch

„Auf nach Fuestrup, Der Fall Fall des vergessenen Jugendzentrums in den Fuestruper Bergen“ von Heinz-Ulrich Eggert, ist in der Reihe „Kleine Schriften auf dem Stadtarchiv Münster“ beim Aschendorff Verlag erschienen, 238 Seiten, ISBN 978-3-402-13118-3, 19,80 Euro

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