Gespräch mit Vertretern der Flüchtlingshilfe
Die Mühen des Einzelfalls

Vor zwei Jahren war die Flüchtlingskrise auf ihrem Höhepunkt. Damals mussten Stadt und Ehrenamtliche jeden Tag Krisen bewältigen. Wie hat sich die Situation entwickelt? Monika Gerharz sprach mit Heinz Kues und Dr. Bernhard Hülsken von der Flüchtlingshilfe St. Martinus.

Samstag, 02.09.2017, 16:09 Uhr

Sprache ist die Eintrittskarte für die deutsche Gesellschaft. Darum finanziert die Flüchtlingshilfe weiterhin Kurse für jene Migranten, die keinen Anspruch auf einen Integrationskurs haben, den der Staat bezahlt.
Sprache ist die Eintrittskarte für die deutsche Gesellschaft. Darum finanziert die Flüchtlingshilfe weiterhin Kurse für jene Migranten, die keinen Anspruch auf einen Integrationskurs haben, den der Staat bezahlt. Foto: oh

Herr Kues , Herr Hülsken , vor zwei Jahren haben wir uns unterhalten, als täglich Tausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Damals war Krisenmanagement angesagt. Stehen Sie heute vor den Mühen der Ebene?

Bernhard Hülsken: In der Tat. In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Brisanz raus. Aber die Mühen der Ebene sind eine genauso große Herausforderung – Stichwort Arbeit. Und wie zu Anfang müssen wir auch heute noch Sprachkurse für Menschen mit geringer Bleibeperspektive organisieren, weil diese vom Staat nicht bezahlt werden.

Heinz Kues: Das ist eine wichtige Aufgabe, weil sehr viele von denen, die angeblich kein Recht auf einen Sprachkurs haben, doch bleiben. Ohne Sprache aber haben sie keine Zukunftsperspektive. Wir denken deshalb über ein Sprachcafé zur besonderen Sprachförderung nach.

Erschreckend ist immer wieder, wie wenig Flüchtlinge bisher Arbeit gefunden haben. Wie sieht es damit in Greven aus?

Hülsken: Im Moment steht für die meisten das Sprachenlernen im Vordergrund. Wer beispielsweise studieren will, braucht Sprachniveau B2 oder C1 – das ist nur knapp unter Muttersprachlerniveau. Bis jemand so weit ist, dauert es.

Oft wird behauptet, dass die Hälfte der Flüchtlinge keinen Schulabschluss habe. Stimmt das?

Hülsken: Über die Hälfte kann keinen Schulabschluss nachweisen, und nur zehn bis 20 Prozent haben einen Abschluss wie das Abitur. Aber das heißt nicht, dass der Rest nichts kann. In Syrien gibt es nun mal kein Duales Ausbildungssystem. Es ist eher wie in Italien – es gibt viele mit hervorragenden Kenntnissen und Fähigkeiten. Das stellt uns vor die Mühe des Einzelfalles: Über Praktika müssen Arbeitssuchende ihren Arbeitgeber überzeugen. Darum gehört es zu den mühseligsten Aufgaben, Arbeit für die Flüchtlinge zu finden. Am besten läuft es über persönliche Paten.

Kues: Das gilt übrigens auch für die Suche nach Wohnungen: Sie geht zu einem erheblichen Teil über Ehrenamtliche. Ohne sie liefe wenig. Zum Thema Wohnungen gibt es auch eine gute Zusammenarbeit mit dem Wohnungskümmerer der Stadt, Berthold Böing.

Die Wohnungsfrage wird immer drängender, schließlich können die Flüchtlinge nicht über Jahre in Provisorien am Stadtrand leben. Was sollte geschehen?

Hülsken: Wir von der Flüchtlingshilfe waren von Anfang an gegen die Container für 250 Menschen in der Wentruper Mark. Da gibt es keine Nachbarschaft, da ist Integration viel schwerer möglich. Schön wäre es, wenn die Stadt Greven eine eigene Wohnungsbaugesellschaft hätte. Aber wenn die jetzt aus dem Boden gestampft werden würde, dauert es einige Jahre, bis etwas vorangeht. Ich setze mehr darauf, dass Hausbesitzer noch einmal prüfen, ob sie nicht doch noch Wohnraum anbieten können. Wir wollen, dass im Rahmen des Integrationskonzeptes Wohnen eine entsprechende Kampagne angeschoben wird.

Bleibt dies nicht ein Kleckern? Könnten Sie nicht die Firma Sahle dafür begeistern, in Greven wieder einmal großzügig in Wohnbau zu investieren?

Hülsken: Da sind wir sofort dabei.

Kues: Es stimmt schon: Man kann nicht nur den Mangel verwalten, es muss neu gebaut werden, und wir suchen deshalb immer wieder – auch erfolgreich – den Kontakt zur Wohnungswirtschaft. Wohnen ist für jeden Menschen ein existenzielles Thema. Provisorien lassen sich immer nur über einen begrenzten Zeitraum ertragen. Kinder können sich auf so engem Raum nicht kindgerecht entwickeln. Darum muss preiswertes Wohnen – übrigens nicht nur für Flüchtlinge – im Rahmen der Stadtentwicklung dringend angegangen werden.

Gibt es unter den Flüchtlingen Menschen, die mit dem Gedanken spielen, angesichts der schwierigen Lebensumstände in Deutschland wieder in ihre Heimat zurückzukehren?

Hülsken: Kaum. Die meisten sind froh und glücklich, in Sicherheit zu sein. Ausnahmen gibt es, wenn jemand seine Familie nicht nachholen darf und verzweifelt ist. Da gibt es im Einzelfall schon solche Gedanken. Ich halte es für völlig falsch, dass man den Familiennachzug ausgesetzt hat. Das ist unmenschlich und ein Zeichen von Abschottung. Wir sollten stattdessen viel mehr über die Chancen dieser großen Flüchtlingsbewegung, aber auch über die Förderung von Entwicklung in den Herkunftsländern nachdenken.

Vor zwei Jahren hat es in Greven eine überwältigende Hilfsbereitschaft gegeben. Gefühlt Hunderte haben sich ehrenamtlich eingebracht oder gespendet. Wie sieht das heute aus?

Kues: Bei der Spendenakquise kann man durchaus von Mühen der Ebene sprechen, obwohl wir noch immer großzügig unterstützt werden. Wir brauchen mittlerweile regelmäßiger Geld als zu Anfang, um neben den Sprachkursen auch anteilig Hauptamtliche zu bezahlen, etwa Beratung für Ehrenamtliche durch eine Mitarbeiterin des Caritasverbandes Emsdetten-Greven oder eine Bundesfreiwillige. Ich würde mir wünschen, dass die Stadt Greven dafür einen festen Zuschuss gewähren würde. Die Unterstützung durch die Flüchtlingsberatung des freien Trägers ist existenziell wichtig für unsere Arbeit und muss finanziell abgesichert werden.

Hülsken: Die Bereitschaft der Grevener, sich für Flüchtlinge zu engagieren, war und ist enorm, das war kein Strohfeuer. Zu Hochzeiten hatten wir bestimmt 250 Engagierte. Viele sind immer noch dabei, besonders als Paten oder in der Betreuung von Kinder- und Jugendgruppen. Manches haben wir aber auch bewusst abgegeben: Die Schulen kümmern sich um viele Aufgaben, die wir am Anfang übernommen hatten, und das soll ja auch so sein. Eines möchte ich unterstreichen: Die Grevener Bürger haben unser Engagement mitgetragen, das war schon etwas Besonderes. Die Spendenbereitschaft war riesig, und wir haben kaum Hassmails bekommen.

Die Kanzlerin hat im Herbst 2015, als Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, gesagt: Wir schaffen das. Haben wir es in Greven geschafft?

Hülsken: Wir haben es noch nicht geschafft, die Mühen der Ebene liegen noch vor uns. Aber ich fände es ein Armutszeugnis, wenn wir es nicht schafften als reiche, demokratische Gesellschaft. Vor dem Hintergrund unserer Geschichte steht es uns gut an, uns um Menschen in Not zu kümmern.

Kues: Die Flüchtlinge sind für unsere alternde Gesellschaft eine Chance. Wenn wir es schaffen, sie gut zu integrieren – und ich glaube, dass das möglich ist – sind sie die jungen Arbeitskräfte, die wir ja dringend brauchen.

Hat Sie die Arbeit in der Flüchtlingshilfe verändert? Haben Sie es je bereut, sich engagiert zu haben?

Kues: Es war phasenweise sehr viel Arbeit, es gibt immer wieder auch Konflikte – aber insgesamt ist es eine sehr bereichernde Tätigkeit. Ich habe so viele Menschen unterschiedlichster Couleur kennengelernt, und es sind Freundschaften entstanden.

Hülsken: Ich bin durch die Arbeit bei der Flüchtlingshilfe nicht gerade ein Revoluzzer geworden – aber kantiger. Wenn jemand mit plakativen Sprüchen kommt und behauptet, man könne Schwierigkeiten mit einfachen Rezepten lösen, dann ist das für mich schwer zu ertragen.

Die nächste Etappe der Ebene liegt vor Ihnen. Auf welches Ziel steuern Sie zu?

Hülsken: Wir wünschen uns, dass wir die Flüchtlinge mehr und mehr für Arbeit qualifizieren, so dass sich „Alt“-Deutsche und Neueinwanderer wie selbstverständlich begegnen und es normal wird, dass wir im Stadtbild von Greven Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, Religion oder Staatsangehörigkeit begegnen. „Greven ist Farbe“ – so lautet auch das Motto unseres Kunstprojektes der Doppelporträts am Beach.

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