Einklang-Konzert
Der Nachklang des Sommers

Greven -

Ein aufrechter Kontrast zum Schock vom Wahlsonntag und auch ohne Worte ein vielstimmiges Zeichen für Weltoffenheit, Toleranz und Menschlichkeit: Mit 35 Musikern aus 15 Nationen schickte die Einklang-Philharmonie im Ballenlager dem Nachall des Sommers noch einen Gruß hinterher.

Dienstag, 26.09.2017, 11:09 Uhr

Johanna Pichlmair berührte die Zuhörer mit dem kraftvollen, offenen und strahlenden Ton ihrer Storioni-Violine.
Johanna Pichlmair berührte die Zuhörer mit dem kraftvollen, offenen und strahlenden Ton ihrer Storioni-Violine. Foto: Hans Lüttmann

Dass der mit einem plötzlichen Dur-Triumph endete, klang etwas aufgesetzt, gewollt und befremdlich, aber diese Schlussakkorde muss man einem 15-jährigen Komponisten nachsehen.

Das war’s denn auch schon mit der Kritik an einem herrlichen, auch temperaturmäßig wundervollen Spätsommerabend, der dem kalendarischen Herbst noch ein paar sonnige Stunden abtrotzte.

Mit einer temperamentvollen musikalischen Rarität, Franz Schuberts Ouvertüre „in italienischem Stil“, die so gar nicht nach Franz Schubert klang, begann dieses Konzert. Der sonst eher menschenscheue, in sich gekehrte Grübler Schubert hatte wohl etwas über Rossini und dessen Mega-Erfolge gelästert und behauptet, sowas könne er auch. Tja, er kann es, und ausgerechnet damit fing sein musikalischer Siegeszug an.

Den setzte anschließend die 27-jährige Violinistin Johanna Pichlmair mit einer famosen, teils furiosen Interpretation des Violinkonzerts des böhmischen Musikanten Antonín Dvorák fort. Ob es an ihrer Violine aus der Cremonischen Werkstatt des berühmten Lorenzo Storioni lag, an ihrem steiermarkschen Temperament oder gar daran, dass Johanna Pichlmairs Ur-Oma ebenfalls Dvorák hieß – selten hört man einen so hinreißend eleganten Ton das Glück und die Verheißungen eines warmen Sommers besingen: alle Sätze non troppo, ein wenig giocoso und ein Adagio, das ausklang wie ein abziehendes Abendgewitter, dem am Horizont die Luft ausgeht.

Warum, fragte Orchesterleiter Joachim Harder in der Einführung, zu der schon etliche Zuhörer vor dem Konzert ins Kesselhaus gekommen waren, warum spielt man eigentlich immer nur den bekannten Mendelssohn? Den „Sommernachtstraum“, die „Italienische Sinfonie“ und das Violinkonzert? Für den Abschluss dieser Saison hat Harder ein völlig zu Unrecht verkanntes Werk des Romantikers herausgesucht, das in vielerlei Hinsicht zu überraschen vermag; nicht nur, weil diese, die erste Sinfonie (c-moll), des damals erst 15-jährigen Felix ist. Was für eine Energie, welcher Überschwang der ersten beiden Sätze, dieser fließende Strom mit seiner Streicher-Bläser-Mischung, dann das geheimnisvoll anmutende, ja weihevolle Menuett im dritten Satz – das ist Musik für den Geist, das Herz und die Seele, geniale Klänge eines pubertären Jugendlichen. Und der Schluss in Dur, con fuoco, mit Feuer – nun ja, eben ein 15-Jähriger.

Dafür sprüht seine Sinfonie vor jugendlicher, ausgelassener Spontaneität, lässt die Töne wie jene Tropfen goldenen Lichts fallen, die Hermann Hesse beschwört, nimmt die Zuhörer auf poetisch-träumerische Höhenflüge mit und nagelt sie bei der nächsten Reprise mit abenteuerlustiger Rasanz auf den Stühlen fest. So klingt, nein klang der Sommer.

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