Interview mit Gesamtschul-Leitung
„Wir sind das etabliertere G9-System“

Greven -

Exakt 61 Kinder aus Greven, die die Emsdettener Hauptschule besuchen – diese Zahl schreckte just die Politik auf. Manche meinen, die Gesamtschule hätte alle diese Schüler aufnehmen können. Doch deren Schulleitung argumentiert im Interview: Wir nehmen Schüler aller Leistungsniveaus auf, müssen aber auf ein ausgewogenes Verhältnis achten. Mit Redakteur Oliver Hengst sprachen Sandra Rindelhardt und Ingo-Krimphoff auch über G9 am Gymnasium.

Samstag, 02.12.2017, 06:12 Uhr

Sandra Rindelhardt und Ingo Krimphoff würden begrüßen, wenn es in Greven weiterhin Alternativen gäbe: Abitur nach acht oder nach neun Jahren.
Sandra Rindelhardt und Ingo Krimphoff würden begrüßen, wenn es in Greven weiterhin Alternativen gäbe: Abitur nach acht oder nach neun Jahren. Foto: bam

Mehrfach wurde zuletzt geäußert: Es gibt in Greven eine Schule, die alle Schüler aufnehmen kann. Warum tut Sie es nicht?

Ingo Krimphoff: Wenn damit die Gesamtschule gemeint ist, dann muss man sagen: Sie untersteht Regularien. Es gibt ein ganz klar festgelegtes Auswahlverfahren, das bei Überhangsituationen durchgeführt werden muss. Nach diesem Verfahren kann es eben sein, dass einige Schüler hier nicht zum Zuge kommen.

Rindelhardt: Mit ist wichtig zu sagen: Wir sind eine Gesamtschule. Wir sind eben nicht Hauptschule, die auch noch andere nehmen kann, wenn Plätze frei sind. Wir stehen als Gesamtschule für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den verschiedenen Leistungsniveaus. Wir haben im letzten Jahr unsere Zahlen offen legen müssen. Und da ist deutlich geworden, dass wir bei den Leistungsschwächeren unseren Anteil leisten.

Was entscheidet über die Aufnahme: Das Verhältnis der einzelnen Schulempfehlungen in den Grundschulen?

Krimphoff: Es ist nicht die Schulempfehlung. Wir bilden Durchschnittsnoten und bilden dann drei Töpfe. Kinder aus Orten, die eine eigene Gesamtschule vorhalten – etwa Münster – , müssen damit rechnen, bei Überhangsituation abgelehnt zu werden. Und dann wird im Zweifelsfall das Losverfahren angewendet. Der Grund für die drei Töpfe: Wir haben hier erlebt, dass eine 2,5 im Schnitt in eine gymnasiale Empfehlung gemündet ist, aber auch mal in eine Realschul- oder Hauptschul-Empfehlung. Die Kolleginnen und Kollegen an den Grundschulen schauen ja auch aufs Kind, und nicht nur auf die Leistung und sprechen dann eine Empfehlung aus.

Wie beurteilen Sie die Zahl von 61 Kindern aus Greven, die die Hauptschule Emsdetten besuchen?

Krimphoff: Wenn von 61 Grevener Schülern an der Hauptschule Emsdetten gesprochen wird, so sind die nicht in alle in einer Jahrgangsstufe, sondern verteilen sich vermutlich auf fünf bis sechs Jahrgänge. Wenn man das herunterrechnet, relativiert sich die Zahl wieder. Wobei es für jedes einzelne Kind, für jeden einzelnen Jugendlichen herausfordernd ist, nach Emsdetten zu fahren. Allerdings haben wir hier an der Gesamtschule sicher Schüler, die einen weiteren Weg in Kauf nehmen, etwa aus Reckenfeld. Aber sicher: Das ist keine schöne Situation. Man muss auch sehen: Nicht alle der 61 Schüler sind aufgrund der Aufnahmesituation in Emsdetten, sondern oft ist es auch so, dass Schulkarrieren im gegliederten System nicht so verlaufen wie man sich das als Eltern vielleicht vorgestellt hat. Es kann immer etwas passieren im Laufe einer Schulkarriere, es gibt immer wieder Einbrüche. Deshalb sind wir von unserem Gesamtschul-System auch so überzeugt. Schwächephasen ziehen hier keinen Schulwechsel nach sich. Anderswo läuft man hingegen Gefahr, dass es zu einem Schulwechsel kommt.

Sie meinen die Realschule?

Krimphoff: Oder das Gymnasium. Auch dort kann ja ein Schulwechsel notwendig werden.

Hier werden also Schüler nach der sechs (anderswo Orientierungsphase) nicht abgeschult?

Krimphoff: Wir haben ja keine Orientierungsphase und keine Versetzungssituation bis in die Stufe 9.

Der Fall, dass Kinder die Gesamtschule verlassen, weil festgestellt wird, dass sie nicht der richtige Förderort ist, tritt nicht ein?

Krimphoff: Der ist bei uns sehr gering. Es gibt ab und zu mal Eltern, die uns bitten, dass ihr Kind die Schule wechseln soll, weil wir eine sehr große Schule sind und ihre Kinder eher ein kleinräumiges, überschaubareres System brauchen. Aber wir schulen nicht ab.

Emsdetten hat keine Gesamtschule, Kinder von dort können also hier angemeldet werden. Stimmt es, dass viele Emsdettener Kinder die Grevener Gesamtschule besuchen?

Krimphoff: Richtig ist, dass Emsdettener Eltern ihre Kinder hier anmelden können. Aber wenn ich auf unsere aktuellen Schüler blicke, so kenne ich eigentlich nur eine Schülerin, die aus Emsdetten kommt. Emsdettener gehen eher nach Saerbeck oder inzwischen vielleicht nach Ibbenbüren. Eigentlich haben wir hier bei uns bis auf einige Ladbergener fast nur Grevener Kinder.

Rindelhardt: Und auch die Zahl der Kinder aus Ladbergen ist deutlich zurückgegangen.

Das Grevener Gymnasium kehrt voraussichtlich zu G9, dem Abitur nach neun Jahren, zurück, also zu einer Schulzeit, die die Gesamtschule schon hat. Führt das zu verschärfter Konkurrenz?

Krimphoff: Ich glaube schon, dass Eltern sich Gedanken machen. Dass sie sich fragen: Wollen wir G8 oder G9 für unser Kind, wollen wir G9 am Gymnasium oder G9 im etablierten System Gesamtschule? Wir haben in den letzten Jahren hier sehr gute Arbeit geleistet. Wir haben die Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe 1 so vorbereitet, dass sie nun in die Oberstufe einsteigen können. Dass jetzt trotzdem nochmal einige Eltern ins Nachdenken kommen – das ist klar. Die Situation, die wir jetzt haben, ist politisch gewollt. Ich würde mir für Greven wünschen, dass wir hier Vielfalt erhalten. Dass es eine G8- und eine G9-Situation gibt. Denn es gibt eine große Anzahl Kinder, die mit G8 gut klar kommen, und es gibt Kinder, die dieses eine Jahr länger benötigen.

Rindelhardt: Ich bin an einer Stelle ein bisschen gelassener, weil ich glaube, dass wir trotz G9 am Gymnasium hier an der Gesamtschule einen Vorteil haben. Am Gymnasium wird es – unabhängig davon, ob die Entscheidung nun in der Klasse sechs oder sieben ansteht – nur die Wahlmöglichkeit der zweiten Fremdsprache geben. Wir haben hier neben der Möglichkeit der zweiten Fremdsprache auch den Wahlpflicht-Bereich, wo man Naturwissenschaften, Arbeitslehre oder Darstellen und Gestalten wählen kann, so dass wir hier ein vielfältigeres Angebot haben, und das – wenn ich an die Naturwissenschaften denke – gerade auch für die leistungsstarken Schüler. Am Gymnasium müssen sie sich auf die zweite Fremdsprache konzentrieren. Den Vorteil werden wir weiterhin gegenüber einem G9-Gymnasium haben.

Mit welchen weiteren Argumenten werben Sie bei den laufenden Info-Veranstaltung für die Gesamtschule?

Rindelhardt: Zum Beispiel: unsere Kontinuität im Klassenlehrer-System. Ich sehe darin eigentlich nur Vorteile. Am Gymnasium gibt es häufiger personelle Wechsel. Und ganz wichtig: Wir sind mittlerweile eigentlich das etabliertere G9-System. Am Gymnasium muss man jetzt erstmal anfangen, alles neu zu stricken. Zumindest in den ersten zwei, drei Jahren spielt uns das glaube ich noch ein bisschen in die Karten.

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