Interview mit Grevener Jugendlichen
„Ich habe meinen Namen gefunden“

Vor wenigen Tagen ist eine alte Frau verurteilt worden, die leugnet, dass im Dritten Reich sechs Millionen Juden ermordet worden sind. „Unverständlich“, kommentieren die elf Jugendlichen, die vor kurzem mit der Abenteuerkiste in Krakau in Polen waren, diese Haltung. Denn sie haben bei einem Besuch im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ungeheure Mengen an Zeugnisse dieser Vernichtung gesehen. Die Stunden, die sie dort verbracht haben, wird keiner von ihnen je vergessen. Redakteurin Monika Gerharz sprach mit den Reiseteilnehmern, alle zwischen 14 und 18 Jahren alt, darüber, was die Begegnung mit den Schrecken des Nationalsozialismus mit ihnen gemacht hat – und was sie von dieser Fahrt mitnehmen.

Samstag, 09.12.2017, 14:12 Uhr

Das Tor zum Schrecken: Die Inschrift „Arbeit macht frei“ über dem Lager Auschwitz werden die Grevener Jugendlichen, die mit der Abenteuerkiste nach Auschwitz gefahren sind, gewiss nicht wieder vergessen.
Das Tor zum Schrecken: Die Inschrift „Arbeit macht frei“ über dem Lager Auschwitz werden die Grevener Jugendlichen, die mit der Abenteuerkiste nach Auschwitz gefahren sind, gewiss nicht wieder vergessen. Foto: Sven Thiele

Auschwitz ist kein Museum wie andere. Vieles sieht genauso aus wie während der Schreckensherrschaft der Nazis. Überall gibt es Spuren der Häftlinge. Was hat Sie besonders verstört?

Anna-Lena Bassen : Ich war am meisten geschockt von dem Galgen dort – und von den Kinderzeichnungen. Die stammen von Kindern, die im Lager waren. Sie haben Zeichnungen gemacht von den Zügen, die ankamen, von Leuten, die im Stacheldraht hängen, von Gehenkten.

Lotta Siemann: Mich hat das Buch mit den Namen der Ermordeten erschreckt. Es ist heftig, wie riesig das ist. Ich habe zweimal meinen eigenen Namen gefunden, obwohl der eher selten ist. Da war ich schon schockiert. Vielleicht waren das weitläufige Verwandte von mir.

Jens Schütte : Die Berge an Haaren, die ausgestellt waren und die den Häftlingen abgeschnitten worden waren – das fand ich schrecklich.

Lea Saatze: Aus den Haaren wurden Teppiche gemacht – es war für mich furchtbar zu sehen, wie man noch in dieser Situation versucht hat, alles in Geld umzuwandeln.

In Auschwitz wurden Menschen nicht nur vernichtet, sie wurden vorher auf unmenschlichste Art gequält. Wie sehr geht das unter die Haut?

Jens Schütte: Für mich waren die Stehkammern, in die mehrere Häftlinge auf allerengstem Raum zur Strafe gepfercht wurden, am schrecklichsten. Um das ertragen zu können, muss ich mich wirklich um Abstand bemühen, sonst reißt es mir den Boden unter den Füßen weg.

Lea Saatze: Wenn man bedenkt, dass dort Menschen erstickt sind, weil Schnee das Atemloch zugeweht hat . . .

Wie kommen Sie mit solchen Bildern im Kopf klar?

Ewelina Wojnar: Der Guide war betont sachlich. Das hat mich am Anfang gestört, aber im Laufe der Führung war ich froh darüber. Sonst hätte man es nicht aushalten können.

Lea Saatze: Man musste gar nicht die Gefühle ins Spiel bringen. Die Dinge sprachen für sich. Bei der Führung selbst war ich erst mal auf der sachlichen Schiene, es war eine Art Taubheitsgefühl, vielleicht war das ein Schutzmechanismus. Als wir aber zu Hause waren, da ist mir alles richtig nahe gegangen.

Hat das Entsetzen alles überlagert, oder haben Sie das Gefühl, den Menschen nähergekommen zu sein, die damals nach Auschwitz deportiert worden sind?

Malvin Baumscheiper: Das Haus mit den Familienbildern in der Sauna ist mir unter die Haut gegangen. Das waren ganz normale Leute, die sich hier ausziehen und duschen mussten und von denen die meisten ermordet wurden.

Jens Schütte: Ganze Familien wurden ausgerottet, das wird einem hier bewusst.

Lea Saatze: Es wird einem klar, dass man den Menschen gar nichts gelassen hat, nicht mal Fotos. Und die Familien wurden dort getrennt – wenn man bedenkt, wie alleine die plötzlich waren!

Hat diese Fahrt nach Auschwitz Ihnen etwas gegeben für die Zukunft – sehen Sie beispielsweise unsere Gesellschaft jetzt anders?

Ewelina Wojnar: Ich bin in Polen geboren und in der Nähe von Auschwitz aufgewachsen und war schon mehrmals da. Neu war für mich diesmal eine Ausstellung, die die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel eingerichtet hat und die das jüdische Leben vor dem Krieg zeigt. Dort sieht man: Das waren Menschen wie wir, die sind völlig unschuldig gestorben. Dadurch ist mir klar geworden, was Hass und Fremdenfeindlichkeit anrichten können.

Lotta Siemann: Vielen ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, was aus solchem Hass entstehen kann. Darum sollten möglichst viele nach Auschwitz fahren, grade solche, die den Holocaust leugnen.

Suntje Senghove: Genau. Durch solche krassen Erlebnisse wird einem schon klarer, das auch heutzutage Menschen schnell in Schubladen gesteckt werden – „die“ Türken, „die“ Flüchtlinge – und wie gefährlich das ist.

Meist finden Fahrten nach Auschwitz als Schulfahrten statt. Sie sind allerdings „freiwillig“ mit der Abenteuerkiste gefahren. Ist das besser?

Anna-Lena Bassen: Ich fand gut, dass es keine Pflichtveranstaltung war. Denn Pflichtveranstaltungen sind von vornherein uninteressant.

Malvin Baumscheiper: Genau. Ich war mal mit der Klasse im Lager Esterwegen im Emsland, das war eine Pflichtveranstaltung, und bestimmt die Hälfte hat sich nicht wirklich dafür interessiert.

Suntje Senghove: Ich finde es aber ganz wichtig, dass man die Führung mit Menschen macht, die man kennt, damit man darüber reden kann. Man muss sogar sehr viel darüber reden, um alles zu verarbeiten. Bei anderen Themen ist es so, dass es irgendwann mal gut ist. Aber Auschwitz lässt sich gar nicht totsprechen.

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