Ehrenamtsbeauftragte Ulrike Penselin im Gespräch
Die Kraft der Herzensanliegen

Der Titel des Programms ist sperrig. Wer kann sich schon etwas unter dem Begriff „Erfahrungswissen für Initiativen“ vorstellen? Monika Gerharz sprach mit Ulrike Penselin, die das Programm betreut, über EFI.

Freitag, 19.01.2018, 23:01 Uhr

Die EFIs sind für sie eine Herzensangelegenheit: Ulrike Penselin kümmert sich im Rathaus um bürgerschaftliches Engagement.
Die EFIs sind für sie eine Herzensangelegenheit: Ulrike Penselin kümmert sich im Rathaus um bürgerschaftliches Engagement. Foto: privat

Die Grundidee von EFI ist es, Erfahrungswissen von Älteren für die Gesellschaft zu mobilisieren. Über welche besonderen Erfahrungen verfügen Senioren, von denen Jüngere profitieren können?

Ulrike Penselin : Eines vorweg: Es geht nicht in erster Linie darum, dass gezielt Jüngere vom Engagement der EFIs profitieren. Es geht darum, dass Menschen gemeinsam eine Herzensangelegenheit verwirklichen können. Davon profitieren dann die Gemeinschaft und die EFIs selbst. Durch die gemeinsame Begeisterung für ein Projekt entstehen beispielsweise private Netzwerke – ein wichtiger Faktor mit zunehmendem Lebensalter, wenn Familienangehörige nicht vor Ort sind und gegenseitige Unterstützung an Bedeutung zunimmt.

Trotzdem noch mal nachgefragt: Was bedeutet „Erfahrungswissen“?

Penselin: Erfahrungswissen ist erst einmal Lebenserfahrung – Berufserfahrung, Erfahrung mit Beziehungen und Familien. Das ist ein Wissen, das ältere Menschen den Jugendlichen einfach aufgrund ihres Lebensalters voraus haben. Aber es ist auch erworbenes Wissen, das für Initiativen genutzt werden kann – vom Organisationstalent bis zum Computerwissen.

Sind solche beruflichen Erfahrungen denn noch wichtig in Zeiten, da Jüngere den Älteren erklären, wie das Internet geht?

Penselin: Natürlich gibt es Bereiche, in denen die Älteren von den Jüngeren lernen können. Aber man sollte sich nicht täuschen, was das konkrete Wissen Älterer etwa über EDV angeht. Da hat sich seit unserem ersten Seminar 2009 viel verändert. Menschen, die heute in den Ruhestand gehen, haben fast ihr ganzes Berufsleben mit Computern gearbeitet, und viele haben sich ein großes Wissen angeeignet.

Früher haben Rentner ihre Erfahrungen gerne in Vereine eingebracht – der Banker wurde Kassierer. Heute sind die Menschen zurückhaltender, wenn es um solche Bindungen geht. Sind die EFI-Projekte dafür eine Alternative?

Penselin: Es geht bei EFI nicht um einen Ersatz von Engagement in Vereinen. EFI bietet älteren Menschen die Möglichkeit, ihre Engagementidee zu finden, zu entwickeln und die passende Organisationsform in einem Team selbst zu wählen. Auch EFI-Initiativen wählen die Organisationsform eines Vereins, etwa McJob und das EFI-Magazin 53plus. Aber die Organisationsform ist sekundär.

Sind Initiativen kurzlebiger und unverbindlicher als Vereine?

Penselin: Nicht zwangsläufig. Eine unserer ersten Initiativen, der Computertreff, besteht seit 2010.

Was kann getan werden, um Initiativen stabil zu halten?

Penselin: Bürgerschaftliches Engagement ist ja grundsätzlich freiwillig, und dazu gehört auch, dass man es ohne schlechtes Gewissen beenden kann. Wesentlich für die Nachhaltigkeit einer Initiative ist sicher, dass die Chemie zwischen den Engagierten stimmt, und dass die gewählten Rahmenbedingungen zu den Interessen und zur Lebenssituation der Engagierten passen. Es muss bei der gewählten Zielgruppe auch ein Bedarf für das Engagement bestehen. Das alles ist aber nicht starr und kann sich ändern. Und dann muss man eben schauen, ob die Engagementidee angepasst, die Initiative mit anderen Engagierten fortgeführt oder ein Schlusspunkt gesetzt wird.

Die einzelnen EFIs agieren ja nicht völlig für sich, sondern es gibt auch regelmäßige Treffs aller EFIs. Wie wichtig ist diese EFI-Kultur?

Penselin: Sie trägt ganz entscheidend zur langfristigen Stabilität der einzelnen Initiativen bei. Neben der Organisation der Orientierungsseminare und der Begleitung einzelner Initiativen sehe ich da eine wichtige Rolle der Engagementförderung bei der Stadt.

EFI wurde auch ins Leben gerufen, um deutlich zu machen, dass Ältere für eine Gesellschaft eine wichtige Ressource sein können, um das Leben der jüngeren Generation zu bereichern und zu erleichtern. Haben Sie den Eindruck, dass dieser Bewusstseinswandel in Greven schon erfolgt ist?

Penselin: Eine der Zielsetzungen des EFI-Programms ist es auch, ein neues Altersbild zu prägen. Also nicht vorwiegend ältere Menschen mit Hilfsbedürftigkeit zu verbinden, sondern auch die Aktivität, Vitalität und das Engagement älterer Menschen mehr wahrzunehmen. Ich würde allerdings ältere Menschen nie als „Ressource“ betrachten. Diese Sichtweise würde sie zum Objekt machen. Es geht einfach darum, dass viele ältere, nicht mehr berufstätige Menschen einfach noch fit und aktiv sind und Spaß daran haben, sich einzumischen und die Gemeinschaft mitzugestalten. Ich denke, dieser Bewusstseinswandel hat stattgefunden, die aktive Gruppe der Älteren ist nach meinem Eindruck sehr präsent.

Zu Beginn des Projekts wussten viele Grevener mit dem Begriff „EFI“ nichts anzufangen. Haben Sie und die Menschen, die die Seminare mitgemacht haben, es geschafft, aus EFI eine bekannte „Marke“ zu machen?

Penselin: Ja, ich glaube, viele EFI-Initiativen sind in Greven bekannt, nicht zuletzt natürlich auch wegen regelmäßiger Berichterstattung in der Zeitung. Aber trotzdem könnte eine intensivere Öffentlichkeitsarbeit den Bekanntheitsgrad noch steigern.

Können Sie ganz kurz beschreiben, wie eine Stadt wie Greven von den EFIs profitiert?

Penselin: Greven profitiert insgesamt von jedem und jeder einzelnen engagierten Person, ganz egal, ob es sich um EFIs handelt oder nicht. Die Besonderheit des EFI-Programms ist, dass es sich an eine spezielle Zielgruppe wendet und Interessierten einen Rahmen bietet, in einem Team die eigenen Engagement-Interessen zu entdecken und Ideen bis zur Umsetzung zu entwickeln.

Zuletzt eine persönliche Frage: Welchen Spaß haben Sie mit und an den EFIs?

Penselin: Ich bin bei jedem Orientierungsseminar immer aufs Neue fasziniert von der positiven Wirkung des Konzeptes, also wie schnell sich aus den bunt zusammengewürfelten Teilnehmenden eine Gruppe bildet, die sich in wertschätzender Atmosphäre austauscht und gemeinsam mit viel Spaß Ideen entwickelt.

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