Interview mit Landwirt Matthias Langkamp
„Unseren Tieren geht es gut“

Landwirt zu sein ist aktuell nicht einfach. Von vielen Seiten stehen die Landwirte in der Kritik. Matthias Langkamp ist schon länger Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Greven, dem insgesamt über 250 Landwirte angehören. Redakteur Peter Beckmann sprach mit dem Oberlandwirt über dessen Beruf im jetzt und in der Zukunft.

Samstag, 17.02.2018, 14:02 Uhr

Matthias Langkamp ist Landwirt aus Leidenschaft. Und seit Jahren ist er auch der Vorsitzender des landwirtschaftlichen Ortsverbandes Greven.
Matthias Langkamp ist Landwirt aus Leidenschaft. Und seit Jahren ist er auch der Vorsitzender des landwirtschaftlichen Ortsverbandes Greven. Foto: Pf

Zu Beginn die Klärung von zwei Begriffen: Sind Sie Landwirt oder Bauer? Ist Bauer ein Schimpfwort für Sie?

Matthias Langkamp : Um mit Ihrer zweiten Frage zu beginnen: Bauer ist für mich kein Schimpfwort. Ganz im Gegenteil. Landwirt ist lediglich die Bezeichnung für den Ausbildungsberuf. Jeder, der die landwirtschaftliche Ausbildung erfolgreich absolviert hat, darf sich Landwirt nennen. Bauer oder Bäuerin ist nur der, der auf eigener Scholle selbständig wirtschaftet und den Hof von Generation zu Generation weiter gibt. Also: ich bin Landwirt und Bauer, und das sehr gerne.

Der zweite Begriff: Wir haben Sie bislang – fälschlicherweise – immer als Ortslandwirt betitelt. Welche Funktion haben Sie wirklich und wo liegt der Unterschied zwischen diesen beiden Ämtern?

Langkamp: Ja, „Ortslandwirt“ ist ein kurzer und eingängiger Titel. Tatsächlich bin ich aber Vorsitzender des landwirtschaftlichen Ortsverbandes Greven. Der Ortsverband wiederum gehört zum Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband . Unsere Aufgabe ist die politische Interessenvertretung der Landwirtschaft in Greven und die Öffentlichkeitsarbeit. Ortslandwirte gibt es auch in allen Orten des Kreises. Sie sind ehrenamtliche Vertreter der Landwirtschaftskammer, also der Fachbehörde. Sie werden besonders gehört, wenn es um Grundstücksverkäufe geht. In Greven gibt es vier Ortslandwirte für die Bezirke rechts und links der Ems, für Schmedehausen und für Gimbte.

Können Sie als Landwirt – und vor allem als Schweinezüchter – eigentlich angesichts der drohenden afrikanischen Schweinegrippe noch ruhig schlafen?

Langkamp: Die Afrikanische Schweinepest ist eine echte Bedrohung. Ich bin wie meine Berufskollegen in großer Sorge, das ist klar. Wir setzen alles daran, einen Ausbruch der ASP zu verhindern. Dafür haben wir mit dem Kreis Steinfurt und den Jägern an einem Tisch schon Maßnahmenpakete entwickelt. Sollte die ASP irgendwo in Deutschland auftreten, fürchten wir als Schweinehalter aber starke Verwerfungen im Markt. Dabei reden wir nicht von einem Ausbruch in unseren Ställen. Schon ein Nachweis der ASP bei einem verendeten Wildschwein in Ostdeutschland würde ausreichen für einen Exportstopp von deutschem Schweinefleisch. Für Menschen ist der Erreger aber ungefährlich.

Ihre Kollegin und NRW-Landwirtschaftsministerin Christina Schulze Föcking bezog aufgrund von Aufnahmen in dem Schweinestall ihres Hofes mächtig Prügel. Ihr, oder besser gesagt ihrem Mann, wurde eine wenig artgerechte Haltung der Schweine vorgeworfen. Ein Film zeigte verletzte und verdreckte Tiere mit offenen Wunden und verbissenen Schwänzen. Ist das normal, oder war das alles nur hochgepuscht? Wie geht es den Tieren in Ihren Ställen?

Langkamp: Den Tieren in unseren Ställen geht es gut. Die Arbeit mit den Tieren ist das tägliche Brot meiner Familie. Wir versorgen und pflegen unsere Tiere nach bestem Wissen und Gewissen. Dass aber Tiere auch einmal krank werden können, liegt in der Natur der Sache. Das ist auch grundsätzlich keine Frage der Haltungsform. Wenn Krankheiten auftreten, sind wir zusammen mit dem Hoftierarzt bemüht, mit der passenden Behandlung die Gesundheit der Tiere wieder herzustellen. Am besten ist es natürlich, auch hier vorzusorgen und Krankheiten zu verhindern. Mit verschiedenen Forschungsprojekten sind wir Bauernfamilien auf dem Weg, die Ursachen von Erkrankungen zu erkennen und unsere Praxis weiter zu entwickeln und zu verbessern.

Klar ist: im Paradies leben auch ihre Tiere sicher nicht. Ist das letztendlich das Ergebnis des extremen Wettbewerbs und der Haltung der Verbraucher geschuldet, die immer billigeres Fleisch kaufen wollen?

Langkamp: Wie gesagt, den Tieren in unseren Ställen geht es gut, und wir arbeiten daran, zum Beispiel mit der Initiative Tierwohl, die Standards noch weiter zu verbessern. Dem Verbraucher den schwarzen Peter zuzuschieben, das wäre zu einfach. Und eines ist sicher: Auch wenn Sie das preiswerte Fleisch beim Discounter kaufen, erwerben Sie hohe Qualität.

Der Discounter Lidl plant jetzt, ähnlich wie bei Eiern, die genaue Kennzeichnung der Fleischprodukte. Daraus soll der Verbraucher erkennen können, wie die Tiere vor ihrem Tod gehalten wurden. Was halten Sie davon? Bei Eiern hat es schließlich auch funktioniert und die Legebatterien sind verschwunden.

Langkamp: Wir Bauern in Westfalen liefern grundsätzlich sehr hohe Fleischqualität. Die Verbraucher bekommen schon jetzt einen hohen Standard zum günstigen Preis. Aber natürlich kann Gutes immer noch weiter verbessert werden. Und da sind wir Landwirte immer für Transparenz. Wir können den Wunsch, der hinter der Initiative steht, einen „Haltungskompass“ einzuführen, gut verstehen. Dem Lidl-Vorstoß werden sich sicherlich die anderen Discounter anschließen. Unser Dachverband wird mit Lidl Gespräche führen, um zu überlegen, wie die Umsetzung des Haltungskompasses auch für die Landwirtschaft verträglich gelingen kann. Ein Punkt könnte da zum Beispiel die Regionalität sein. Immer mehr Verbraucher schätzen die Produkte der Landwirte vor Ort.

Landwirte stehen zusehends in der Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, Tiere nur noch als Kapital und nicht als Kreatur zu sehen. Ihnen wird vorgeworfen, für die hohen Nitrat-Werte im Boden verantwortlich zu sein und, und, und. Macht das da noch Spaß, Landwirt zu sein?

Langkamp: Erst mal: Ja! Landwirt zu sein, ist für mich immer noch der schönste Beruf der Welt, trotz der vielen Herausforderungen. Und ich glaube, dass die Grevener schätzen, was wir als Bauernfamilien Tag für Tag leisten. Öffentlichkeitsarbeit ist und bleibt dabei ein wichtiges Thema für uns. Gemeinsam mit der Landjugend und den Landfrauen sind wir aus dem Vereinsleben in Greven nicht wegzudenken. Ich erinnere nur an den Martinus-Markt. Da kommt die Landwirtschaft jedes Jahr mitten in die Stadt. Da gibt es viele Begegnungen und gute Gespräche auch mit kritischen Bürgern. Aber das Beste ist immer noch die eigene Erfahrung. Wir laden alle interessierten Bürger ein, uns gerne nach Absprache auf den Höfen zu besuchen. Viele Schulklassen nutzen schon das Angebot, im Rahmen von „Lernort Bauernhof“ die Landwirtschaft zu entdecken. Mit der Martini-Grundschule bestellen wir jedes Jahr mit den ersten und zweiten Jahrgängen den „Martini-Acker“ am Hof Wigger. Das ist ein tolles Projekt für die Grundschulkinder – und auch für uns.

Landwirtschaft wird ja immer mehr zu einer Hightech-Branche und hat immer mehr mit einem Industrie-Betrieb, denn mit einem Bauernhof zu tun. Wir bewerten Sie diese Entwicklung jenseits jeder Bauernhof-Romantik?

Langkamp: Es ist richtig, Landwirtschaft spezialisiert sich immer mehr, genau wie andere Branchen. Der Fortschritt der Technik und die Digitalisierung helfen uns in vielen Bereichen, Ressourcen schonender zu arbeiten und produktiver zu sein. So gezielt wie heute konnte zum Beispiel noch nie gedüngt werden. Das schont Boden und Wasser. Wenn Bauernhofromantik die Handarbeit mit der Forke meint, dann ist das wirklich schon lange nicht mehr die Realität. Aber die Verantwortung, die wir für Tiere, Menschen, Boden, Wasser und die Umwelt übernehmen, die ist geblieben – und das über die Generationen hinweg.

Wagen Sie einen Ausblick in die Zukunft: Geht der Trend zu immer größeren landwirtschaftlichen Betrieben weiter? Gibt es bald nur noch zwei, drei, vier Großbetriebe in Greven? Werden die Tiere künftig wieder anders und natürlicher gehalten? Wohin geht die Reise in der Landwirtschaft?

Langkamp: Das ist der Blick in die Glaskugel. Wahrsager bin ich nicht. Aber die Trends sind deutlich. Ja, die Betriebe werden wohl weniger werden. Einige der Berufskollegen werden schweren Herzens vor der zunehmenden Bürokratie kapitulieren. Das heißt, dass dann weniger Betriebe noch mehr erzeugen müssen bei knapper werdenden Flächen und klimatischen Veränderungen. Mit der WLV-Nachhaltigkeitsoffensive haben wir uns als Bauernfamilien in Westfalen auf den Weg in die Landwirtschaft der Zukunft gemacht. In verschiedenen Handlungsfeldern von der Tierhaltung über den Ackerbau bis zum Bereich Umwelt und Soziales sind die ersten Projekte schon in der Umsetzung. Die Landwirtschaft in Greven will und wird sich verändern, aber sie wird auch das bleiben, was sie ist: Der verlässliche Produzent hochwertiger Nahrungsmittel vor der Haustür, dem die Bürger vertrauen.

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