24-jähriger Drogenhändler vor Gericht
Päckchen aus dem Darknet

Greven/Münster -

Lange Freiheitsstrafe für einen Drogendealer. Das Geschäft lief per Post und Darknet ab. Umschlagplatz: Eine Wohnung in Greven.

Freitag, 02.03.2018, 09:03 Uhr

Drogen aus dem Darknet – die beschafffte eine Bande im Kreis Steinfurt im großen Stil 
Drogen aus dem Darknet – die beschafffte eine Bande im Kreis Steinfurt im großen Stil  Foto: dpa

Wegen Beihilfe zum bandenmäßigen Handeln mit Betäubungsmitteln über das sogenannte „Darknet“ wurde ein 24-jähriger Mann aus Steinfurt am Mittwoch vor dem Landgericht Münster zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt. Es ist die sechste Verurteilung in diesem Prozess. Die beiden Köpfe der Bande sind noch auf freiem Fuß.

Die Gruppe führte seit 2015 große Mengen Drogen, darunter Ecstasy, LSD, MDMA-Kristalle, Amphetamin, Cannabis und Kokain, manchmal auch Heroin und Crack aus den Niederlanden ein und verkaufte sie auf Plattformen im sogenannten „Darknet“, einem anonymen, rechtsfreien Raum im Internet.

Der nun verurteilte 24-Jährige war innerhalb der Bande für das Verpacken und den Versand zuständig. In wechselnden Bunkerwohnungen in Greven, Reckenfeld und Norwalde lagerte und verpackte er die Drogen. Für bis zu 1000 Euro pro Woche beschaffte er Versandtaschen, Luftpolsterfolie und Vakuumierverpackungen, sowie DVD-Hüllen zur Tarnung. Anfangs waren es nur zehn Briefe am Tag. Diese Zahl steigerte sich jedoch schnell auf 60 bis 70 Briefe täglich. 16 bis 20 Kilogramm Drogen wurden so wöchentlich verschickt.

Um keine DNA-Spuren zu hinterlassen, wurden Ganzkörperschutzanzüge, Haarnetze, Einmalhandschuhe und Mundschutze getragen. Die Kommunikation innerhalb der Gruppe lief über sogenannte „Iron-Phones“, die eine Nachverfolgbarkeit der Kommunikation unterbinden.

Der Staatsanwalt verglich das hochprofessionelle Vorgehen und die verschickten Mengen mit einem Discounter, wohingegen die üblichen Ausmaße solcher Bandenaktivitäten eher einem Tante-Emma-Laden glichen.

Die Schwachstelle des Internet-Versandhandels war die Auslieferung der Sendungen. Die Polizei hatte mehrfach ein weibliches Bandenmitglied beobachtet, wie sie dutzende identische Briefe in verschiedene Briefkästen in Greven und Umgebung einwarf. Im Februar 2017 erfolgte dann bei der Einfuhr aus den Niederlanden der Zugriff durch die Polizei. Der 24-Jährige floh mit mehreren Bandenmitgliedern in die Niederlande.

Dort mietete er mehrere Wohnungen mit Hilfe eines gefälschten Ausweises an. Doch es kam zum Streit unter den Flüchtenden, woraufhin der Angeklagte wieder nach Steinfurt zurückkehrte. Im Juni 2017 stellte er sich schließlich bei der Polizei in Greven.

Der Werdegang des 24-jährigen Mannes aus Steinfurt ist geprägt von Drogen und Gewalt. Sein kasachischer Vater war alkoholabhängig, oft kam es zu gewalttätigen Übergriffen gegen die Mutter oder ihn, erzählt der Angeklagte. In der Schule hatte er früh Probleme. Mehrere Schulwechsel waren die Folge. Seit seinem 14. Lebensjahr ist er Cannabisabhängig.

Immer wieder nahm er auch harte Drogen wie Kokain und Amphetamin. Er verließ die Schule schließlich ohne Schulabschluss, unternahm aber mehrere Anläufe, den Hauptschulabschluss nachzuholen. Mehrmals begann er Ausbildungen im Garten- und Landschaftsbau, die er jedoch nicht abschloss.

Bereits 2012 wurde er wegen schwerer Körperverletzung zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zwei Monaten verurteilt, weil er mit einem Motorradhelm auf einen Passanten eingeschlagen hatte. Weitere Anklagen folgten, da er unter Alkohol- und Drogeneinfluss einen Bekannten mit einen Aschenbecher verletzte und einen anderen mit einer Kopfnuss den Kiefer gebrochen hatte. Während der Schilderung dieser Taten grinst der Angeklagte, als handle es sich um Dummejungenstreiche. Zwei stationäre Aufenthalte in Entwöhnungskliniken waren gefolgt von einem baldigen Rückfall.

Schließlich kam er mit der Darknet-Bande in Kontakt. Man lockte ihn mit dem Versprechen, bis zu 10 000 Euro im Monat zu verdienen, sagt der 24-Jährige. Er nahm dieses Angebot an, um seinen Cannabis-Konsum zu finanzieren. Tatsächlich beschränkte sich sein monatlicher Verdienst aber auf 500 bis 1000 Euro.

Bei der Urteilsbegründung erklärte der Richter, dass man sich für eine verhältnismäßig geringe Freiheitsstrafe von „nur“ vier Jahren und neun Monaten entschieden habe, um die Kooperationsbereitschaft des 24-Jährigen zu honorieren. Er habe im Verfahren ein umfassendes Geständnis abgelegt und weitere Details zur Ermittlung der Hauptverantwortlichen geliefert. Zudem sei er „nur ein ausführender Gehilfe gewesen“, der keinen Einfluss auf die Aktivitäten der Gruppe gehabt habe.

Der Angeklagte nahm das Urteil regungslos entgegen. Er schien sich völlig bewusst zu sein, was ihn erwartete. Emotionslos entschuldigte er sich für seine Taten und sagte, dass er sein Verhalten zutiefst bereue. Vom Ausmaß der Aktivitäten habe er nichts gewusst. Während der Flucht habe er eingesehen, dass er so nicht weiter machen könne und beschlossen den eingeschlagenen Weg zu verlassen. Er versprach, nicht noch einmal vor einem Gericht sitzen zu wollen.

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