Armut in Greven
„Unsere Kunden sind arm“

Greven -

In Greven und Reckenfeld werden insgesamt etwa 1630 Menschen von der Tafel mit Lebensmitteln unterstützt. „Ja, die Menschen, die zu uns kommen, sind arm“, erklärt Brigitte Rensmann von der Reckenfelder Tafel. Ihre Kollegin Ernestine Thye schränkt aber ein: „Hungern müssten unsere Kunden nicht, wenn es die Tafel nicht gäbe.“ Aber: Sie müssten auf Vieles verzichten

Samstag, 17.03.2018, 12:03 Uhr

Ein Anblick, der nicht die Regel ist: Die Regale bei der Tafel sind voll, die ehrenamtlichen Mitarbeiter haben beim Einräumen und Sortieren alle Hände voll zu tun.
Ein Anblick, der nicht die Regel ist: Die Regale bei der Tafel sind voll, die ehrenamtlichen Mitarbeiter haben beim Einräumen und Sortieren alle Hände voll zu tun. Foto: Peter Beckmann

Heute, an diesem einen Tag, heute sieht es gut aus. Die Regale sind voll, die ehrenamtlichen Helfer haben gut zu tun, die diversen Lebensmittel einzuräumen. Aber: „Das ist nicht immer so“, sagt Ingrid Koling, Leiterin der Grevener Tafel.

Heute werden wieder viele Menschen, die Tafelmitarbeiter sprechen respektvoll von Kunden, zur Kirchstraße kommen und Lebensmittel mit nach Hause nehmen. Chaos? Drängeleien? Probleme mit männlichen Flüchtlingen? „Gibt es bei uns nicht“, sagen Ingrid Koling und die beiden neuen Leiterinnen der Reckenfelder Tafel, Brigitte Rensmann und Ernestine Thye , unisono. Schließlich haben die Kunden verschiedenfarbene Ausweise, und reihum ist die eine Farbe mal an Platz 1, mal an Platz 2 und mal an Platz 3. „Das klappt hervorragend.“

Aber: Wer sind die Kunden der Tafel? Und: Sind diese Menschen arm? Nun: In Greven und Reckenfeld werden insgesamt etwa 1630 Menschen von der Tafel mit Lebensmitteln unterstützt. „Wir bieten eine Unterstützung mit Lebensmitteln und keine Vollversorgung“, betonen die Tafelleiter unisono. Erschreckend: Unter den Menschen, die von der Tafel unterstützt werden, sind etwa 600 Kinder unter 18 Jahren.

Thema Armut: „Ja, die Menschen, die zu uns kommen, sind arm“, erklärt Brigitte Rensmann. Aber – der designierte Gesundheitsminister Jens Spahn lässt grüßen: „Hungern müssten unsere Kunden nicht, wenn es die Tafel nicht gäbe“, erklärt Ernestine Thye. Hat Spahn also Recht?

Grundsätzlich ja, in der Realität wohl kaum – so sind sich alle einig. „Wir unterstützen unsere Kunden mit Lebensmitteln, damit sie sich durch diese Ersparnis etwas leisten können, was für jeden Menschen eigentlich normal ist “, erklärt Helmut Henrich, Leiter der Gesamttafel der Caritas. Denn: Besonders mit Kindern sei das Leben in Armut schwierig. „Für Familien ist es ein täglicher Kampf über die Runden zu kommen“, erklärt Henrich. Da müsse gespart werden für Dinge des täglichen Lebens aber auch für kaputte Waschmaschinen oder Stromnachzahlung. „Das ist inzwischen bei den Hartz IV-Sätzen mit eingepreist“, so Henrich.

Ein Teil der Tafel-Kunden seien Flüchtlinge, ein Teil allein stehende Frauen mit Kindern, ein Teil ältere Menschen, deren Rente nicht reicht. „Und die kommen immer mehr zu uns“, verdeutlicht Henrich. Für viele sei dieser Schritt sehr schwer. „Es kommt oft vor, dass die alten Menschen weinen, wenn sie das erste Mal zu uns kommen“, erklärt Koling. Viele würden aber auch gar nicht erst kommen – vor lauter Scham.

Probleme zwischen Ausländern und Deutschen gebe es in Greven und Reckenfeld nicht. „Wir wissen eigentlich auch gar nicht, wen wir als Ausländer zählen sollen und wen nicht“, verdeutlichen die Tafelleiterinnen.

Henrich sieht es als künftige Aufgabe, auch die Rentner zu erreichen, die nicht mehr mobil sind. „Da wäre es schön, wenn die von zu Hause abgeholt werden könnten, damit sie die Lebensmittel, aber auch Kontakt zu anderen Menschen bekommen.

Denn Henrich ist sicher, dass das Thema Altersarmut ein immer größeres werden wird. „Gerade hier mit den vielen Betrieben in der Logistikbranche, in der nur Niedriglöhne gezahlt werden, ist die Altersarmut vorprogrammiert.“ Da müsse auf vielen Ebenen etwas verändert werden.

Und alle, die bei der Tafel helfen, haben einen Traum. „Wünschenswert wäre es, dass die Menschen nicht mehr wegen der Armut zur Tafel gehen, sondern um Lebensmittel zu konsumieren, die sonst vernichtet werden“, fasst Henrich zusammen.

Allein: Daran glauben – siehe oben – mag er so recht nicht.

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