Über das Mittelmeer (2.)
Die Flucht nach Europa

Der zweite Teil der Fluchtgeschichte von Sohela Mohammad berichtet von der Flucht aus Syrien in die Türkei und dann nach Griechenland.

Freitag, 15.06.2018, 16:54 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 15.06.2018, 16:54 Uhr
Mit dem Schlauchboot, das man im Hintergrund sieht, kam die Familie mit vielen anderen nach Griechenland, auf die Insel Chios.
Mit dem Schlauchboot, das man im Hintergrund sieht, kam die Familie mit vielen anderen nach Griechenland, auf die Insel Chios. Foto: Soleha Mohamed

Wir hatten uns wegen der Kämpfe in unserer Heimatstadt Hasaka in das Dorf Gabaka gerettet. Dort lebte die Familie meines Mannes, auch seine Großeltern wohnten dort. Sie nahmen mich, meinen Mann Majed und unsere Söhne Olyar und Yosef für einen Monat bei sich auf. Yosef war gerade geboren worden.

Wie weit das von Hasaka entfernt war? Soweit wie Greven von Wuppertal. Ich weiß das, weil meine Eltern heute in Wuppertal leben. Denn auch sie waren in dieser Zeit geflohen.

Von Gabaka aus ging es auf beschwerlichen und sehr anstrengenden Wegen über das syrische Hinterland in die Türkei. Wir hatten nichts außer ein paar Papieren und unseren Ausweisen dabei.

Natürlich gelingt so eine Flucht nur mit Hilfe. Und mit Geld. Wir wollten nach Izmir in der Türkei, denn meine Familie war bereits dort angekommen, mein Bruder und auch meine Eltern.

Ich kann hier nicht in voller Länge über all das Leid berichten, das wir in unserem Heimatland erlebt haben. Angefangen von der Knappheit an Milch für die Kinder, bis hin zum Ausfall der meisten Dienste für die Grundversorgung. Es gab wegen der Kämpfe in meiner Heimatstadt kein Wasser, keinen Strom, die Busse verkehrten nicht richtig, es gab kein Internet und so weiter.

Ich vermute aber mal, dass all das irgendwie „normal“ ist in einem Land, dem der Krieg seinen Stempel aufgedrückt hat.

In Izmir, der drittgrößten türkischen Stadt, die an der Küste der Ägäis gelegen ist, hatte meine Familie eine kleine Wohnung gemietet. In der wohnten wir mit neun Personen. Als Flüchtlinge konnten wir dort nicht arbeiten. Wir hatten aber noch etwas Geld übrig, denn wir hatten unsere Eigentumswohnung in Hasaka an einen Bekannten verkauft.

Von Izmir aus begann schon nach drei Wochen eine neue Art von Unglück. Nämlich die Flucht nach Deutschland – wir waren auf der Suche nach einem sicheren und beständigen Leben, weit weg von Kriegen und dem Konfessionalismus. Wir wollte eine vielversprechende, gesicherte Zukunft für unsere Kinder.

Für die Flucht über das Meer braucht man Hilfe. Wir hatten einen Mann gefunden, der alles organisiert hat. Auch das kostet Geld pro Kopf der Reisenden.

Am 26. August 2015 bestiegen wir ein Schlauchboot an der türkischen Küste. Es war neun Meter lang, und wir waren fast 60 Leute. Wir trugen Schwimmwesten, mein Bruder begleitete meine kleine Familie.

Und dann begann die Überfahrt über das Mittelmeer, das wir voller Horror und Todesangst vor meterhohen Wellen durchqueren mussten. Das Wasser drohte mehrmals, unser Schlauchboot zum Kentern zu bringen. Ich hielt mein jüngstes Kind in den Armen umklammert, während unser zweiter Sohn von meinem Mann gehalten wurde. Er schrie voll Verzweiflung: „Mama, wir werden sterben!“

Ich sagte ihm ein paar Sprichworte vor, die ich von meiner Mutter gelernt hatte. Damals, als wir auch in einer schwierigen Lage waren, obwohl ich selbst nicht daran glaubte, was ich meinem Sohn zusicherte.

Dann endlich erreichten wir die griechische Insel Chios, und es begannen ein neues Leben und neue Schwierigkeiten. Es begannen die Mühsale eines langen Marsches zu Fuß und des Transports mit Bussen und Zügen durch eine ganze Anzahl von Ländern: Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich.

  (Fortsetzung folgt am kommenden Samstag, 23.6.)

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