Mahnwache in der Grevener Innenstadt
Jeder Name ist einer zu viel

Greven -

Die Liste ist über 40 Meter lang, erstreckt sich an diesem Samstagmorgen vorbei an einigen Geschäfte bin hin zur Grevener Volksbank. Die Liste, die zur Mahnwache ausgerollt worden war, zeigt die Opfer der Flucht vor Krieg, Unterdrückung und Zerstörung aus ihren Heimatländern.

Montag, 25.06.2018, 12:02 Uhr

Die Anzahl der Namen ließ die Grevener für eine Weile inne halten. Die Todesursachen der Opfer konnten ebenfalls nachgelesen werden und bewegten die Menschen.
Die Anzahl der Namen ließ die Grevener für eine Weile inne halten. Die Todesursachen der Opfer konnten ebenfalls nachgelesen werden und bewegten die Menschen. Foto: Luca Pals

Sie ist über 40 Meter lang, erstreckt sich an diesem Samstagmorgen vorbei an einigen Geschäfte bin hin zur Grevener Volksbank – sie liegt mitten in der Innenstadt: Eine beachtliche Liste, die zur Mahnwache ausgerollt worden war – eine erschreckende lange Liste: Sie zeigt die Opfer der Flucht vor Krieg, Unterdrückung und Zerstörung aus ihren Heimatländern. Sie zeigt, wie viele die waghalsige Flucht nicht überlebten.

Ausgelegt wurde die Liste am Samstagvormittag für zwei Stunden inmitten der Grevener Innenstadt. Also da, wo sie besonders viele Menschen sehen. Genau das war das Vorhaben der Verantwortlichen: Aufmerksam machen, die Menschen zum Innehalten bewegen und darüber hinaus zum Nachdenken, vielleicht auch zum Handeln. In einer Welt, in der laut aktuellsten Berichten 68,5 Millionen Menschen auf der Flucht sind, ihre Länder – und damit oft ihre Familien – verlassen müssen: laut Flüchtlingsbericht 2017 ein trauriger Höhepunkt in der Nachkriegsgeschichte ab 1945.

Dies war wohl auch ein Mitgrund für die Werkstattgruppe Politik aus Münster-Kinderhaus, welche die Liste seit 1993 erstellt, nach Greven zu kommen. Sie wollen in verschiedenen Städten aufmerksam machen. Die Liste zeigt laut Christiane Berg von der Werkstattgruppe die Namen von über 34 000 totem Flüchtlinge – die meisten aus den Sub-Sahara-Staaten, Syrien oder Afghanistan. „In den letzten Jahren ist die Liste rasant gewachsen. Die Flüchtlingszahlen nehmen zu.“

Eine beeindruckende Liste, die bei weitem nicht das ganze Grauen zeigt: „Die Dunkelziffer ist sehr hoch“, weiß Berg zu berichten. Von links nach rechts können sich die Fußgänger – bemerkenswert detailliert – informieren: „Das Todesdatum, die Anzahl der aufgefundenen Opfer – wenn vorhanden natürlich mit Namen – sowie das Herkunftsland können die Menschen nachlesen.“ Darüber hinaus zeigt die Liste die einzelnen Todesursachen und belegt jede Zeile mit der genauen Quellenangabe. Berg: „Bei den Quellen sind wir sehr genau. Diese sind sehr zuverlässig.“ Dabei seien überregionale Zeitungen sowie Flüchtlingshilfsorganisationen an erster Stelle zu nennen.

Am Anfang der Liste steht eine Trauerkerze – symbolisch für jeden Gestorbenen, die Liste beginnt Anfang des Jahres 1993. Berg erklärt: „Damals wurde das Asylrecht durch die Drittstaatenregelung verändert. Damit haben wir unsere Zählung begonnen.“

Die Drittstaatenregelung besagt, dass Menschen auf der Flucht, die über einen sicheren Drittstaat einwandern wollen, das Asylrecht untersagt werden darf.

Auf der anderen Seite der Liste saßen zwei Menschen an einer Schreibmaschine – sie aktualisieren im Minutentakt die Liste. Dass dies nötig ist, zeigt auch die Informationstafel der münsterischen Institution: Pro Minute gibt es auf der Welt 20 neue Vertriebene. Eine furchtbare Zahl.

In Kooperation mit der Grevener Flüchtlingshilfe, der Martinusgemeinde und den Grünen lockte die Aktion am Samstagmorgen einige Interessierte an, immer wieder blieben Menschen stehen, sahen sich die Liste an.

Darunter auch die Grevenerin Heide Fechner: „Es ist bedrückend und erschreckend eine so lange Liste zu sehen.“ „Ganz schlimm“, nennt sie den momentanen Zustand – sie ist Vorsitzende des Ghana-Kreises und betreut eine syrische Familie. Berg sagt: „Die klassische Mahnwache bedarf nicht vieler Informationen. Wer Fragen hat, darf aber natürlich fragen.“

Den Austausch gibt es heute Abend (19 Uhr) im Kesselhaus. Der Historiker Christoph Spieker berichtet über die Zwangsarbeit der „Displaced Persons“ im Grevener Raum. Der Politologe Olaf Bernau informiert über die aktuelle Situation.

Auch die Grevener Kooperationspartner waren am Samstag vor Ort. Darunter Heinz Kues von der Flüchtlingshilfe: „Wir wollen aufmerksam machen, damit das Thema nicht in Vergessenheit gerät.“ Alle seien klar gegen „die Politik der Abschottung“, die zurzeit im Asylstreit zwischen CDU und CSU ausgetragen werde: „Es macht mir Sorge, dass in der Diskussion Ressentiments am rechten Rand bedient werden und die eigentlichen Menschen völlig vergessen werden“, so Kues.

In Greven könne man sich weiter engagieren. Beispiel: Das Begegnungscafé findet jeden zweiten Dienstag im Monat im Hansa-Treff statt.

Michael Kösters-Kraft, Fraktionsvorsitzender der Grevener Grünen, erklärt: „Wir als Partei setzen uns stark für die Flüchtlinge ein, sind bei vielen Veranstaltungen vor Ort. Wir wollen etwas tun und nicht auf billige Parolen, wie sie zurzeit aus Berlin kommen, reinfallen.“

Die Lösung könne nur gemeinsam gelingen – wie es am Samstagmorgen in der Grevener Innenstadt deutlich vorgemacht wurde.

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