Gesamtschüler beschäftigen sich mit dem Thema „Gewalt“
Kalkulierte Eskalation rührt an

Greven -

Und plötzlich drohte die Veranstaltung aus dem Ruder zu laufen. Die Schüler emotional packen – das war durchaus das Ziel. Aber so sehr, dass einige wutentbrannt den Saal verlassen, sich draußen unter Tränen über diesen „ekelhaften Typ“ empören? „Ich dachte, ich sitze Hitler gegenüber“, sagt eine Schülerin, sichtlich aufgewühlt.

Dienstag, 26.06.2018, 18:49 Uhr

Die vermeintliche Podiumsveranstaltung im Begegnungszentrum Hansaviertel entpuppte sich als Theaterstück. Die Neuntklässler der Gesamtschule wurden erst später eingeweiht: Nazi „Thorsten“ (links), sein Widerpart Richard (rechts) und alle anderen sind Schauspieler.
Die vermeintliche Podiumsveranstaltung im Begegnungszentrum Hansaviertel entpuppte sich als Theaterstück. Die Neuntklässler der Gesamtschule wurden erst später eingeweiht: Nazi „Thorsten“ (links), sein Widerpart Richard (rechts) und alle anderen sind Schauspieler. Foto: Oliver Hengst

Wen sie meint: Thorsten, der eingeladen war, bei der Podiumsdiskussion vor Neuntklässlern der Gesamtschule über Gewalterfahrungen zu sprechen. Thorsten war nicht freiwillig da. Er hat eine Haftstrafe abgesessen. Teil der Bewährungsauflage: die Teilnahme an diesem „Affenzirkus“, wie er sagt. Thorsten nimmt kein Blatt vor den Mund, berichtet freimütig, wie das war, als er den Asia-Laden „plattgemacht“ hat. Jenen Laden, in dem früher „einer der letzten deutschen Läden im Viertel“ ansässig war. Bis die „Asien-Fresse“ kam, um einen „stinkenden Drecksladen“ aufzumachen. Seine Freundin, früher Verkäuferin im Vorgänger-Laden, verlor ihren Job. Da wurde Thorsten aktiv.

Am Dienstag berichtete er vor den Schülern (fünf Klassen in zwei Gruppen) davon, wie das war, den Ladeninhaber durch sein eigenes Blut zu schleifen. Er hatte es verdient, sagt Thorsten. Er sei nicht besser als das restliche „Pack“. Verächtliches Nazi-Jargon, Aggression pur. Da wurde es einigen Schülern zu viel. Einer war kurz davor aufzuspringen und Thorsten „eine aus Maul“ zu geben. Andere forderten „Kopf ab“ oder schrien ihn wüst an. Und die meisten saßen angesichts der Eskalation fassungslos daneben.

Was sie bis dahin nicht wussten: Thorsten heißt in Wahrheit Halil Yavuz (ja genau: türkischer Abstammung!) und ist Schauspieler. So wie alle anderen auf dem Podium. Die vermeintliche Diskussion – ein Fake, ein Theaterstück. Das erfuhren die Schüler erst später.

„Unser Ziel ist es, die Schüler emotional zu packen. Wir wollen einen Impuls setzen, sich mit dem Thema Gewalt auseinanderzusetzen“, sagt Thomas Peters, der den Moderator gibt. Schauspieler Andy Zingsem spielt den Widerpart zu „Nazi-Throsten“. Der dunkelhäutige Schauspieler rät in seiner Rolle als Richard: „Wenn ihr eine Cousine oder einen kleinen Bruder habt, bringt ihnen bei, sich zu verteidigen.“ Und viele nicken oder applaudieren. Die Nazis, die einen Freund von ihm überfallen haben, nennt er „Mongos“. Die Stimmung ist aufgeheizt. Ein Vergewaltigungsopfer, eine junge Frau, die eine Mitschülerin in den Selbstmord trieb, ein Lehrer, der ausrastete und einen Schüler schlug, komplettieren das vermeintliche Podium. Vielschichtig. Keine leichte Kost.

Zingsem sagt bei einer Zigarettenpause (da kennen die Schüler die Hintergründe noch nicht): „Ich habe das jetzt 1500 Mal gespielt. Und jedes mal ist es anders. Es gehen oft welche raus. Aber gleich ein Dutzend wie hier ist schon ungewöhnlich.“ Er ahnt: Die Szene muss irgendeinen tiefliegenden Konflikt angerührt haben.

Die Schüler werden mit ihren Emotionen nicht allein gelassen. Lehrer und die Schulsozialarbeiter Hans Thellmann sowie Claudia Termöllen-Gausling sind dabei, haben ein Auge auf ihre Schüler und verhindern, dass die Sache tatsächlich eskaliert. Emotional packen – hat geklappt.

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