Interview mit Historiker Christoph Spieker
„Am Anfang war Gewalt“

Greven -

Wenn über Grevener Geschichte gesprochen wird, dann ist der Mann nicht weit weg. Gemeint ist der Münsteraner Historiker Christoph Spieker. Vor einigen Wochen war er Gast-Referent im Grevener Kesselhaus auf und berichtete im Rahmen der Grevener Mahnwache über die Zeit der Displaced Persons in Greven und Reckenfeld.

Montag, 16.07.2018, 15:44 Uhr

An vielen Kapiteln hat der Historiker Christoph Spieker mit geschrieben. Schwerpunkte seiner Forschung ist die lokale Geschichte vor Ort. Dazu gehört natürlich auch die Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegsgeschichte.
An vielen Kapiteln hat der Historiker Christoph Spieker mit geschrieben. Schwerpunkte seiner Forschung ist die lokale Geschichte vor Ort. Dazu gehört natürlich auch die Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegsgeschichte. Foto: Luca Pals

Wenn über Grevener Geschichte gesprochen wird, dann ist der Mann nicht weit weg. Gemeint ist der Münsteraner Historiker Christoph Spieker. Seit 2003 ist Spieker, der Geschichte, Kulturgeschichte und Philosophie studierte, Leiter des Geschichtsortes Villa ten Hompel in Münster. Als Historiker trat er vor einigen Wochen als Gast-Referent im Grevener Kesselhaus auf und berichtete im Rahmen der Grevener Mahnwache über die Zeit der Displaced Persons in Greven und Reckenfeld. Im Interview mit Luca Pals, Mitarbeiter dieser Zeitung, sprach er über die Zustände von damals und den Sinn für heute.

Geben Sie uns einmal einen Einblick in die Arbeit eines Historikers.

Christoph Spieker: Ich beschäftige mich natürlich sehr viel mit der Zeitgeschichte vor Ort. Im Speziellen beschäftige ich mich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der Nachkriegsgeschichte. Als Historiker versuche ich eine Brücke von der Geschichte von damals zu heute zu schlagen.

Das haben Sie auch während der Mahnwache vor einigen Wochen im Kesselhaus gemacht und haben dabei über Displaced Persons gesprochen. Warum war es wichtig, dieses Thema einmal zu erzählen?

Christoph Spieker: Viele Menschen wissen über das Thema nicht ausreichend Bescheid. Damals wie heute gilt allerdings: Diese Menschen kamen nicht freiwillig hier hin. Deswegen habe ich meinen Vortrag auch mit den Worten „Am Anfang war Gewalt“ eingeleitet.

Wann war diese Gewalt in Greven beendet?

Christoph Spieker: Der Zweite Weltkrieg war bereits im April in Greven beendet. Maßgeblichen Anteil hatten dabei die Kanadier.

Woher kamen die Displaced Persons von damals?

Christoph Spieker: Die meisten kamen natürlich aus dem Osten – aus Polen und der damaligen Sowjetunion. Letztere wurden meistens als Kollaborateure im Krieg angesehen und konnten daher nicht zurück kommen. Es gab aber auch viele aus den Benelux-Staaten oder Italien und Frankreich – diese kehrten schnell in die nahe Heimat zurück.

Um wie viele Menschen handelte es sich?

Christoph Spieker: Von den Jahren 1945 bis 1950 gab es dabei immer Schwankungen wie viele Menschen hier waren. Besonders zu Anfang sind genaue Zahlen schwierig zu bemessen, weil nach Kriegsende die Registrierungsmöglichkeit für viele Menschen gar nicht gegeben war. Auf dem Höhepunkt waren es etwa 8000 Menschen im September 1945. Man kann sagen: Greven hatte eine besondere Bedeutung, weil der Dortmund-Ems-Kanal als natürliche Grenze ausgemacht wurde. Darüber hinaus durften die Menschen nicht hinaus und stauten sich in Greven. In Reckenfeld waren besonders Polen untergebracht. Insgesamt waren in diesem Zeitraum genau so viele Displaced Persons wie eigentliche Grevener vor Ort.

Warum gab es in Reckenfeld besonders viele Polen?

Christoph Spieker: Mit der Zeit gab es immer mal wieder Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Nationen. Man muss sich ja vorstellen: Das sind alles Menschen mit verschiedensten Gefühlen wie Wut, Enttäuschung und dem Wunsch, nach Hause zurückzukehren. Daher haben die Verantwortlichen die Menschen mit der Zeit nach Nationen umgesiedelt.

Wie haben die Grevener dies alles aufgenommen?

Christoph Spieker: Es gab solche und solche Meinungen. Einige traten mit Demut als Kriegsverlierer an die Situation heran, andere zeigten absolutes Unverständnis, dass sie ihre Wohnungen verlassen mussten. Das trat vor allem an der Saerbecker Straße ein. Dort wurden viele Häuser für die Zwangsarbeiter aus Kriegszeiten geräumt. Die Zentrale war im heutigen Café Spontan. Viele wurden allerdings auch als Personen dritter Klasse angesehen und lebten auf der Straße.

Gibt es noch Erben der damaligen Zeit in Greven?

Christoph Spieker: Die Menschen von damals haben sich auf der ganzen Welt verteilt. So leben „Grevener“ in Amerika, Kanada und Australien. Berichte von damals werden von uns Historikern zusammengefasst, die Gebäude – besonders in der Saerbecker Straße – zeigen Spuren von damals. Und natürlich alte Quellen im Stadtarchiv.

Mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik: Was können wir aus der Geschichte der Displaced Persons lernen?

Christoph Spieker: Wie gesagt: Damals wie heute ist es so, dass die Menschen, die zu uns kommen, nicht freiwillig hier hin kommen, sondern vor Krieg, Gewalt oder Hungersnöten zu uns fliehen. Hinter all diesen Zahlen muss immer der einzelne Mensch gesehen werden. Es ist falsch, immer nur aus der Sicht einer Gruppe die Situationen zu analysieren. So arbeite ich auch in diesem Gebiet – aus der Sicht der Alliierten, aus Sicht der Grevener und aus der der Displaced Persons.

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