Von Greven nach Kalkutta: Michael Tast
Im Namen von Mutter Teresa

Greven -

Seit 1995 lebt der Grevener Michael Tast in der westbengalischen Hauptstadt Kalkutta. Seit über 20 Jahren helfen er und seine Frau Naro Menschen, die sich selbst nicht helfen können oder keine Rechte haben. Die indische Ordensgründerin Mutter Teresa persönlich lud ihn in das Mutter-Haus in Kalkutta ein.

Samstag, 15.09.2018, 07:50 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 15.09.2018, 07:31 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 15.09.2018, 07:50 Uhr
Von Mutter Teresa persönlich eingeladen: Michael Tast hilft in Kalkutta Kranken, Geschundenen und Unterdrückten.
Von Mutter Teresa persönlich eingeladen: Michael Tast hilft in Kalkutta Kranken, Geschundenen und Unterdrückten. Foto: Paula-Lina Taube

„Ich habe eben eine Nachricht von meinem Sohn bekommen: Bei uns steht 50 Zentimeter hoch das Wasser.“

Michael Tast meint keinen vollgelaufenen Keller, denn Keller gibt es in seiner Heimatstadt Kalkutta überhaupt nicht. In Indien ist Monsunzeit. Seit 1995 lebt der gebürtige Grevener in der westbengalischen Hauptstadt.

Wie kommt man vom überschaubaren Greven in eine 7000 Kilometer entfernte 18-Millionen-Stadt?

1987 hat der Kaufmann Tast eine Firma für Im- und Export von Lederwaren gegründet. Seitdem ist er immer wieder geschäftlich nach Fernost gereist. Kalkutta, die Stadt, die über große Gerbereien verfügt, wählte er als günstigen Standort für sein Unternehmen aus.

Durch und durch Geschäftsmann könnte man meinen. Doch längst ist es nicht mehr seine Arbeit, die ihn dort hält. Überhaupt spricht der 71-Jährige kaum über seinen Beruf. Viel lieber erzählt er von dem, was er und seine zweite Frau Naro ehrenamtlich tun.

Sie stammt aus dem indischen Staat Nagaland, nordöstlich von Bangladesh. Seit über 20 Jahren helfen die Tasts Menschen, die sich selbst nicht helfen können oder keine Rechte haben.

Die indische Ordensgründerin Mutter Teresa persönlich lud ihn in das Mutter-Haus in Kalkutta ein. Sie hatten sich zuvor auf einem Flug kennengelernt. „Was dort für die Kranken getan wird, ist toll“, sagt der ehemalige Schüler des Augustinianums.

Begeistert von dem sozialen Engagement der Little Sisters of Charity halfen Tast und seine Frau zunächst im Sterbehaus. Die Arbeit sei ihm jedoch sehr nahe gegangen: „Ich habe noch heute Tränen in den Augen, wenn ich daran denke. Ich habe nie versucht zu zählen, weil ich es nicht fertiggebracht habe, wie viele dort im Sterben lagen und gepflegt wurden. Das können wir uns hier in der westlichen Welt gar nicht vorstellen, unter welchen Bedingungen die Menschen dort zum Teil sterben müssen.“

Seit zwölf Jahren konzentrieren sie die Tasts ausschließlich auf das Waisenhaus, welches sie mit Lebensmitteln versorgen. Außerdem bieten sie vergewaltigten Mädchen und Frauen in zwei Frauenhäusern Zuflucht und Hilfe. „Ein großer Missstand in Indien“, sagt Tast traurig. „Ein Kamel und ein Esel sind mehr wert als eine Frau. Manche Männer meinen sie können mit einer Frau machen, was sie wollen.“

Um Religionsstreit zu vermeiden sind die Häuser in unterschiedlichen Stadtteilen, getrennt nach Muslimen und Hindu – bis zu 96 Mädchen und Frauen finden dort eine Bleibe.

„Es ist kein leichter Job aber ein befriedigender. Jede Frau und jedes Mädchen hat ein besonderes Schicksal. Sich damit auseinanderzusetzen und nicht daran zu zerbrechen ist manchmal schwer“, sagt Michael Tast mit belegter Stimme. „Ich bin zu sensibel. Meine Frau ist da stärker und dafür liebe und bewundere ich sie.“

Doch aufhören könnte er nicht: „Wenn Sie einmal sehen, wie groß die Notwendigkeit ist, wie sehr Hilfe benötigt wird, dann können Sie das nicht mehr vernachlässigen oder vergessen.“

Wann immer er zu Besuch in Deutschland ist, verbringt er die Zeit in Osnabrück bei seiner Tochter aus erster Ehe, das passe ihm gut, weil es „nur ein Katzensprung von Greven“ entfernt ist. Obwohl er gerne seine deutsche Familie besucht, gibt er doch zu: „Ich freue mich auf jeden Rückflug. In Deutschland vermisse ich die Chili-Schärfe des indischen Essens.“

Doch ganz zurück nach Deutschland? „Um Gottes willen, nein!“, dafür sei er inzwischen zu sehr mit Indien verbunden. Nur eine typisch deutsche Freizeitbeschäftigung vermisst Tast in Kalkutta: die Gartenarbeit, denn er wohnt im 20. Stock eines Wohnkomplexes mit weitläufiger Parkanlage – ideal für lange Spaziergänge mit seinem belgischen Schäferhund, der als fünftes (indisches) Familienmitglied die Tasts bewacht. Kein Vergleich zu Kalkuttas Slums.

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