Die Grünen im Aufwind – ein Interview
„Wir erfahren viel Zustimmung“

Greven -

ie Grünen befinden sich zurzeit auf einen Höhenflug. In den zahlreichen Umfragen hat die Partei mächtig zugelegt und teilweise sogar die SPD überholt. Dazu ein Gespräch mit Dr. Michael Kösters-Kraft (62), Fraktionsvorsitzender der Grünen im Grevener Rat, Ratsmitglied seit 1999 und ganz frisch gewählter Sprecher der Kreis-Grünen.

Freitag, 12.10.2018, 17:40 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 12.10.2018, 17:32 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 12.10.2018, 17:40 Uhr
Dr. Michael Kösters-Kraft, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Grevener Rat.
Dr. Michael Kösters-Kraft, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Grevener Rat. Foto: Peter Beckmann

Herr Kösters-Kraft, Sie als Chef der Grevener Grünen werden doch zurzeit angesichts der hervorragenden Umfragewerte vor Freude kaum in den Schlaf kommen, oder?

Dr. Michael Kösters-Kraft: Da muss man ganz klar sehen: Das sind Umfragewerte. Damit haben wir so unsere Erfahrungen gemacht.

Trauen Sie den Umfragen nicht?

Kösters-Kraft: Ich sehe schon, dass wir viel Zustimmung erfahren. Aber wir haben früher erfahren, dass die Partei in den Umfragen gut lag, diese Werte aber bei Wahlen nicht bestätigt wurden. Eine positive Tendenz merken wir aber deutlich, durch Eintritte in die Partei, durch Rückmeldungen im Gespräch, durch Kontakte in unserem neuen Fraktionsbüro in der Marktstraße. Wir registrieren eine deutliche Anerkennung unserer Arbeit.

Aber worin ist dies begründet? Spielen da Themen wie Hambacher Forst, Dieselabgase und Klimaerwärmung eine Rolle?

Kösters-Kraft: Diese Themen spielen sicherlich eine große Rolle dabei. Den Menschen wird immer klarer, dass der Klimawandel real ist. Wir bekommen die Auswirkungen deutlich zu spüren, nicht nur durch die lange Hitze und Trockenheit, auch durch die urbane Sturzflut vor drei Jahren in Greven und weltweit anderen Naturkatastrophen. Wir als Partei haben jahrelang vor den Klimawandel gewarnt, haben das Szenario dargestellt, was jetzt real geworden ist. Darauf wurde nicht reagiert. Und gerade jetzt, bei der aktuellen Diesel-Krise und beim Thema Hambacher Forst, wird die Macht der Unternehmen deutlich. Da fragt man sich wirklich, wer da eigentlich den Hut auf hat: Die Politik oder Autohersteller und Energieunternehmen.

Aber gerade das Thema Hambacher Forst ist für die Grünen ja nicht gerade ein Ruhmesblatt.

Kösters-Kraft: Ja, das stimmt natürlich. Aber wir haben es in der rot-grünen Koalition immerhin geschafft, das Braunkohle-Abbaugebiet zu verkleinern. Und man darf sicherlich nicht vergessen, dass wir in der Koalition der kleinere Partner waren. Da kann man nicht alles durchdrücken, was man sich vorstellt.

Was wird denn hier in Greven unternommen gegen den Klimawandel?

Kösters-Kraft: Greven ist Klimakommune, und es wird an einigen Stellschrauben gedreht. Jetzt aktuell die gute Idee, das Rathaus und andere städtische Gebäude mit Erdwärme zu heizen.

Was der Nabu allerdings nicht so toll findet.

Kösters-Kraft: Ja, da muss man sich die Argumentation genau anschauen, da muss man eine Abwägung zwischen CO²-Ausstoß und Eingriffe in die Natur und deren Folgen treffen. Wir geben uns wirklich Mühe, an vielen Stellen CO² zu mindern, gleichzeitig sind wir aber Gesellschafter am FMO. Dort sollen die Fluggastzahlen und die Flugbewegungen steigen. Aber Flugzeuge verursachen nun mal die meisten CO²-Einträge in den höheren Luftschichten. Und das ist nun mal besonders klimaschädlich.

Heißt also keine Urlaubsreise mehr mit dem Flieger, und das Auto möglichst auch stehen lassen . . .

Kösters-Kraft: Viele sind auf das Auto angewiesen, um zur Arbeitsstelle zu kommen. Viele Gewerbegebiete sind mit Bus oder Bahn gar nicht erreichbar. Aber man sollte sich wirklich bei jeder Autofahrt überlegen, ob das notwendig ist und auch die Fliegerei in Frage stellen.

In Greven ist gerade erst ein Mobilitätskonzept erstellt worden.

Kösters-Kraft: Ja, da wird deutlich, dass wir mehr Wert auf eine fahrradfreundliche Stadt legen müssen. Wir Grünen aus dem Münsterland hatten jetzt kürzlich eine Mobilitätskonferenz. Da hat auch eine niederländische Professorin, die Konzepte zum Mobilitätswandel in den Niederlanden aufgezeigte. In den Niederlanden stehen an erster Stelle Fahrräder und Fußgänger, an zweiter Stelle der Öffentliche Personennahverkehr und erst an dritter Stelle der individuelle motorisierte Verkehr. Dieses Denken brauchen wir hier auch.

So schlimm ist die Situation für Fahrradfahrer in Greven doch nicht. Ist denn nicht der so gut wie nicht vorhandene ÖPNV das Problem?

Kösters-Kraft: Das stimmt schon, der ÖPNV in Greven ist völlig unattraktiv. Die Abstimmung zwischen Bus und Bahn funktioniert nicht, die Anbindungen der Wohngebiete sind sehr schlecht.

Aber dies vernünftig auszubauen kostet natürlich viel Geld . . .

Kösters-Kraft: Mobilität ist wichtig und wird immer wichtiger, wenn man den motorisierten Individualverkehr reduzieren möchte. Natürlich muss man da Geld in die Hand nehmen. Aber eine Verbesserung kostet nicht immer Geld, da sind manchmal ganz einfache Lösungen gefragt. Einfaches Beispiel: Wenn ich mit dem Rad von der Stadtmitte zur GBS fahren möchte, fahre ich als beste Verbindung durch die Martinistraße, das ist aber verboten. Dort wird seit Jahren gegen die Einbahnstraße gefahren. Warum wird für so etwas kein Gehirnschmalz verwendet?

Heißt letztlich: Die Stadt für Fahrradfahrer attraktiver machen.

Kösters-Kraft: Richtig, da gilt es Prioritäten zu setzen. Das ist doch eine schöne Vorstellung, ein konfliktärmerer Fahrradverkehr ist doch attraktiv.

Aber damit alleine ist es doch nicht getan. Muss da nicht auch ein Mentalitätswechsel stattfinden?

Kösters-Kraft: Ja, natürlich, der muss auch kommen. Ein guter Ansatz sind da natürlich die Pedelecs, die den Wechsel vom Auto aufs Rad einfacher machen. Das ist doch ein guter Einstieg. Und überhaupt wird ja derzeit auch in der Stadtregion Münster ein Velo-Routen-Konzept erarbeitet.

Anderes Thema: Sie haben in der Marktstraße ein Fraktions-Büro eröffnet. Was versprechen Sie sich davon?

Kösters-Kraft: Wir möchten die vielen wichtigen kommunalpolitischen Themen auch nach außen tragen, hin zu denen, die es ja auch angeht. Und das klappt auch. Die Leute kommen herein und sprechen mit uns über kommunalpolitische Themen, das funktioniert. Das Interesse an Politik ist wirklich vorhanden.

Erstaunlich, vor allem wenn man sieht, wie Wenige die Ausschuss- und Ratssitzungen besuchen . . .

Kösters-Kraft: Kommunalpolitik, die in den Ausschüssen stattfindet, ist häufig sehr speziell, oft gibt es viele Themen nebeneinander. Wenn viele Besucher bei den Sitzungen sind, geht es um Sachen, die die Leute ganz direkt betreffen. Da ist dann immer ein großes Interesse vorhanden.

Aber viele werden auch schnell durch die hoch formalen Abläufe abgeschreckt. Die Leute können und dürfen nicht mitdiskutieren.

Kösters-Kraft: Klar, in diesen Sitzungen müssen Formalien eingehalten werden. Aber natürlich könnte man bei strittigen Themen im Vorfeld dieser Sitzungen Veranstaltungen durchführen, bei denen auch die Betroffenen mitreden können. Ein gutes Beispiel wären die Planungen an der Mühlenstraße, von der ganz viele Menschen betroffen wären. Da hängt jede Menge an dem Thema.

Heißt letztendlich mehr Bürgerversammlungen, mehr Mitbestimmung?

Kösters-Kraft: Ja, so etwas finde ich wirklich wichtig.

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