Interview mit Dr. med. Horst Wedekind
„Das Herz muss trainiert werden“

Greven -

Vom 1. bis zum 30. November finden bundesweit die Herzwochen statt. „Herz außer Takt“ lautet in diesem Jahr das Motto. Denn Vorhofflimmern ist mit rund 1,8 Millionen Betroffenen die häufigste Herzrhythmusstörung und eine ernst zu nehmende Erkrankung. Auch im Grevener Krankenhaus werden dazu Veranstaltungen angeboten. Unsere Zeitung sprach zum Thema Herzerkrankungen mit Privatdozent Dr. med. Horst Wedekind, Chefarzt der Kardiologie im Grevener Krankenhaus.

Samstag, 27.10.2018, 14:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 27.10.2018, 13:52 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 27.10.2018, 14:00 Uhr
Privatdozent Dr. med. Horst Wedekind ist Chefarzt der Kardiologie im Grevener Krankenhaus.
Privatdozent Dr. med. Horst Wedekind ist Chefarzt der Kardiologie im Grevener Krankenhaus. Foto: Peter Beckmann

Fast jeder vierte Todesfall in Deutschland geht auf ein erkranktes Herz zurück. Warum gibt es diese häufigen Probleme mit dem Herz? Das war doch früher nicht so.

Dr. med. Horst Wedekind: Herzerkrankungen sind immer noch Todesursache Nummer eins, werden aber aufgrund der guten Therapiemöglichkeiten in den nächsten Jahren von den onkologischen Erkrankungen (Krebs-Erkrankungen; Anm. d. Redaktion) überholt werden. Herz und Gefäße sind bei der heutigen Lebenserwartung bis zu 80 oder 90 Jahre immer in Betrieb und damit natürlich anfällig. Früher sind die kardiologischen Erkrankungen nicht so häufig aufgetreten, weil die Menschen vor der Manifestation gestorben sind. Heute werden die Menschen älter und hoher Bluthochdruck sowie ungesunde Ernährung können länger auf den Organismus wirken.

Welche Faktoren wirken sich denn am negativsten auf das Herz aus?

Wedekind: Zusammenfassend könnte man da vom ungesunden Lebenswandel sprechen. Ganz gravierend ist da der Bluthochdruck, den jeder mehr oder weniger beim Älterwerden entwickelt. Wenn man den nicht erkennt und ganz konsequent einstellt, hat das gravierende Folgen für die Herzgesundheit. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die ungesunde Ernährung. Stichwort Fastfood. Und damit einhergehend ist der Fettstoffwechsel ebenfalls gestört.

In diesem Zusammenhang ist es erstaunlich, dass die Herzerkrankungen in den kommenden Jahren, wie Sie oben angemerkt haben, nicht mehr Todesursache Nummer eins sein sollen. Denn die Tendenz geht doch immer mehr in Richtung Fastfood und Convenience Food.

Wedekind: Da spielt die immer besser werdende Therapie eine Rolle. Immer effektiver wirkende Medikamente, aber auch unsere Aufklärungskampagnen tragen zu einem Rückgang bei. Heute können wir klar erwiesene Risikofaktoren wie etwa den LDL-Cholesterin-Spiegel, also das „böse“ Cholesterin, sehr effektiv senken. Und das macht eine Menge in Richtung Risikoreduktion für den Patienten aus.

Welche weiteren Faktoren sind entscheidend für Herzerkrankungen?

Wedekind: Das sind die Klassiker. Wobei Alkohol über die hohe Kalorienzufuhr schädlich wirkt, aber im Kontext der Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) nicht so eine wichtige Rolle spielt.

Ist aber auch oft nicht so ganz einfach . . .

Wedekind: Das ist eine Kopfsache. Die Chipstüte darf beim Aldi nicht im Einkaufswagen landen. Ist sie drin, ist alles zu spät. Dann ist sie zu Hause und dann wird sie irgendwann auch gegessen.

Alkohol und Tabak hatten wir noch nicht.

Wedekind: Das sind die Klassiker. Wobei Alkohol im Kontext der Rhythmusstörung natürlich eine Ursache ist, aber im Kontext der Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) nicht so eine Rolle spielt.

Sie haben Sport angesprochen. Dabei geht der Puls hoch, das Herz wird mehr beansprucht. Und das soll für das Herz gesund sein?

Wedekind: Ja, das ist gut, es muss trainiert werden. Am besten in Form von Intervall-Training. Also eine Beanspruchung mit kurzzeitigen Spitzen. Früher galt die Regel 220 minus Lebensalter und davon minus 20-30 Prozent der maximalen Herzfrequenz. Aber nach neuesten Erkenntnissen sollte man da eben die kurzzeitigen Spitzen dabei haben, das also der Puls so richtig hoch geht. Das gilt natürlich nicht für einen 80-Jährigen mit einer schweren Herzschwäche  . . .

Ich habe gerechnet. Wenn ein Mensch 90 Jahre alt wird und einen Puls von 80 pro Minute hat, schlägt dessen Herz rund 3,5 Milliarden Mal. Das schafft doch keine Maschine, oder?

Wedekind: Definitiv, das ist wirklich beeindruckend, das Herz ist ein enormes Wunderwerk, ein muskuläres Hohlorgan von enormer Strapazierfähigkeit.

Warum sind eigentlich Frauen für Herzprobleme empfänglicher als Männer?

Wedekind: Frauen präsentieren sich häufig mit nicht typischen Symptomen. Da werden die Erkrankungen nicht immer richtig diagnostiziert. Darüber hinaus gehen Frauen nicht so häufig zum Arzt, aber wenn sie dann beim Arzt sind, werden Beschwerden häufig nicht so ernst genommen wie beispielsweise ein „wehleidiger“ Mann. Da muss die Medizin, da müssen die Ärzte dran arbeiten. Es gibt sogar eine eigene Disziplin, die sogenannte Gender Medicine, also Geschlechter-Medizin. Aber: Insgesamt hat es besonders in den vergangenen Jahren ein Umdenken gegeben, sodass auch bei atypischen Symptomen bei Frauen an   Herzerkrankungen gedacht wird.

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Erstaunlich sind aber auch die Unterschiede, wenn man regional schaut. Die Häufigkeit der Herzerkrankungen liegt in den fünf „neuen“ Bundesländern deutlich höher, als in den anderen.

Wedekind: Das kann man sich so richtig nicht erklären. Eventuell ist die flächendeckende medizinische Versorgung etwas schlechter. Aber auch der sozioökonomische Status könnte etwas niedriger sein. Man hat festgestellt, dass Menschen mit einem niedrigen sozialen Status nicht so häufig zum Arzt gehen und weniger auf ihre Gesundheit achten.

Kommen wir mal konkret zum Grevener Krankenhaus. Welche Herzerkrankungen werden denn eigentlich hier vor Ort konkret behandelt? Und in welcher Form passiert das?

Wedekind: Natürlich haben wir in Greven das komplette Spektrum der konservativen Kardiologie (Diagnostik und Therapie einer Herzkrankheit ohne invasive Eingriffe; Anm. der Redaktion). Operativ setzen wir Schrittmacher, implantierbare Defibrillatoren und Rhythmusüberwachungsgeräte ein. Bei Herzrhythmusstörungen wie etwa Vorhofflimmern, das ist die häufigste Rhythmusstörung des Menschen, werden Elektroschockbehandlungen zur Wiederherstellung des normalen Rhythmus gemacht. In der Regelführen wir vor dieser Therapie eine Schluck-Echo-Untersuchungen durch, um Gerinnsel auszuschließen. Was hier in Greven nicht gemacht werden kann, können wir im St. Franziskus-Hospital in Münster durchführen. Dort arbeite ich ja auch zu 50 Prozent. Da gibt es eine sehr gute und enge Zusammenarbeit der beiden Krankenhäuser innerhalb der St. Franziskus-Stiftung. Die Entfernung zwischen diesen Häusern ist ja auch nicht groß. Es sind kurze Wege und es ist unkompliziert. Meine Kollegen im Franziskus bezeichnen Greven im Scherz manchmal als Standort Münster-Nord . . . Greven ist ein Grundversorgungs-Krankenhaus, das nicht alle medizinischen Spezialgebiete abdecken kann. Innerhalb der St. Franziskus-Stiftung ist die Zusammenarbeit und die Organisationsstruktur sehr gut.

Eine letzte Frage an Sie persönlich. Nach der Ausbildung standen ihnen alle Bereiche der Medizin offen. Warum wurde es gerade die Kardiologie?

Wedekind: Die Kardiologie hat mich absolut fasziniert. Ich habe mein praktisches Jahr in der Onkologie an der Uni in Freiburg gemacht. Das kam daher, dass mir der Professor in den Vorlesungen so gut gefallen hatte. Aber während des Jahres habe ich gemerkt, dass eigentlich die Kardiologie mein Fach ist. Man kann in der Kardiologie händisch viel machen – und man kann viel bewirken. Wenn man einen Menschen mit einem schweren Herzinfarkt behandelt, einen Stent setzt, und es ihm anschließend deutlich besser geht und er dadurch auch länger lebt, man ihm also Leben schenkt, das ist schon toll. Das ist ein sehr befriedigendes Erfolgserlebnis. Das hat man sicher nicht in allen Bereichen der Medizin.

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