Gespräch über das neue Integrationskonzept mit Beate Tenhaken
„Schön, das Greven bunter wird“

Greven -

Beate Tenhaken hat in dieser Woche das Integrationskonzept für die Stadt Greven vorgestellt. Mit der Leiterin des Fachbereichs Soziales, Jugend und Bildung sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Freitag, 09.11.2018, 18:40 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 09.11.2018, 18:38 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 09.11.2018, 18:40 Uhr
Beate Tenhaken hat mit den beteiligten Ehrenamtlichen aus Greven in dieser Woche das neue Integrationskonzept der Stadt vorgestellt.
Beate Tenhaken hat mit den beteiligten Ehrenamtlichen aus Greven in dieser Woche das neue Integrationskonzept der Stadt vorgestellt. Foto: Günter Benning

Hat sich die Lage rund um die Geflüchtete entspannt?

Tenhaken: Ja. Zum einen, weil wir mehr Routine haben und wissen, was auf uns zukommt. Wir wissen, wo unsere Aufgaben sind, wir haben ein supergutes Netzwerk in Greven. Das trägt alles zur Entspannung bei. Gleichzeitig haben die Zahlen der neuen Geflüchtete deutlich nachgelassen. In diesem Jahr hatten wir um die 70 Zuweisungen – und nicht wöchentlich 70. Außerdem haben wir städtische Unterkünfte, die wir belegen können. Die hatten wir ja 2015 noch gar nicht.

Bundesweit prägt das Thema Geflüchtete immer noch die politische Diskussion. Warum haben die Leute so ein Problem damit? Nicht nur in Greven hat sich die Lage doch entspannt.

Tenhaken: Ich glaube, das ist eher politisch motiviert. Ich habe natürlich auch mit Menschen zu tun, die sagen, die Geflüchtete kriegen alles, wir kriegen nichts. Aber wenn man dann fragt, was es denn eigentlich weniger gibt, weil Geflüchtete bei uns leben, dann kommt häufig ganz wenig. Keiner hat doch Einschränkungen, weil in einer Stadt wie Greven 1000 Geflüchtete leben. Wir haben doch, wenn wir uns engagieren, eher einen Gewinn.

Das neue Integrationskonzept heißt ja nicht „Flüchtlingskonzept“. Zielt es weiter?

Tenhaken: Ja, wir wollen, dass alle Menschen hier gut und gerne zusammenleben. Dafür braucht es bestimmte Bausteine. Wir beziehen auch die Menschen ein, die schon lange in Greven leben, aber doch vielleicht das Gefühl haben, nicht wirklich integriert und eine Sondergruppe zu sein. Das können Menschen sein, die schon 30, 40 Jahre hier leben. Unser Konzept bezieht sich auf die gesamte Gesellschaft.

Die Flüchtlingsnot hat ja einen Kick in die Migrationspolitik gebracht. Man kann sehen, dass viel erreicht werden kann, wenn man behördliches und gesellschaftliches Engagement vernetzt. Ist das eine neue Qualität?

Tenhaken: Keiner kann es allein so gut machen wie Menschen, die sich zusammentun. In Greven haben wir ganz viele wertvolle Erfahrungen gemacht mit Menschen, die einfach Lust haben, in diesem Feld zu arbeiten. Das ist eine gute Motivation. Da wir uns sehr früh zusammengeschlossen in der Steuerungsgruppe, die Ehren- und Hauptamt zusammengebracht hat, haben wir eine hohe personelle Kontinuität. Es macht viel Freude, hier zu arbeiten.

In ihrem eigenen Fachbereich arbeiten Migranten – das ist überall eine Forderung von Migrationsbeiräten, etwa in Münster. Hilft das bei der Arbeit?

Tenhaken: Da bauen wir jeden Tag im Zusammenarbeiten Vorurteile ab. Wir ergänzen uns gegenseitig durch erweiterte Sprachkompetenzen. Wir haben hervorragend ausgebildete Mitarbeiter bei uns, die mehrsprachig unterwegs sind. Da können wir kulturell viel lernen. Das befruchtet alle.

Greven ist durch die Textilindustrie schon immer eine Stadt mit hohem Migrantenanteil gewesen. Man hat die Leute aber gerne in ihren Subkulturen gelassen. Was wäre, wenn es so ein Integrationskonzept schon vor Jahrzehnten gegeben hätte?

Tenhaken: Vor 25, 30, 40 Jahren gab es keine Integrationsbemühungen. Man nahm an, die Leute gehen wieder. Hätte es damals ein Integrationskonzept gegeben, sähe Greven heute bunter aus, wir hätten mehr Nachbarn und Freunde aus anderen Ländern. Da ist man früher viel separierter gewesen. Es ist schön, dass Greven jetzt bunter wird.

So ganze viele Migranten hat man immer noch nicht als Nachbarn?

Tenhaken: Es mischt sich aber mehr. Zum Beispiel, weil uns Wohnungen angeboten werden. Wir haben da konkrete Anfragen: ‚Wir haben oben eine Wohnung frei, da könnte eine kleine Familie wohnen, wenn über Ehrenamtliche Betreuung oder Hilfe geleistet wird‘. Solche Dinge kann man ja heute ansprechen, auch Ängste.

Mittlerweile haben in Grevens Grundschulen teilweise über 50 Prozent der Kinder Migrationshintergrund. Ändert sich in der Schule das Selbstverständnis? In Gesellschaften wie den USA ist Vielfalt ja lange normal.

Tenhaken: Die ganz jungen Kinder werden einen ganz anderen Blick dafür bekommen. Heute löst ein Dunkelhäutiger noch immer Fremdheitsgefühle aus. Das ist letztlich die Barriere, die wir in uns haben. Wir haben Vorurteile. Und das ist noch deutlich anders als in Ländern wie Amerika. Fremd ist man nicht mehr, wenn man sich mal verabredet hat, zusammen im Sportverein Sport macht und sich gegenseitig besucht.

Greven hat in den letzten drei Jahren etwa 1000 Geflüchtete empfangen. Weniger als 400 wohnen aber noch in städtischen Unterkünften. Ist es abzusehen, dass die überflüssig werden?

Tenhaken: Wir haben schon deutlich reduziert. Wir trennen uns möglichst von allen angemieteten mobilen Raumsystemen. Wir werden aber rund 350 Plätze behalten müssen. Alle können wir nicht abbauen.

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