200 Jahre Marx, 170 Jahre Kommunistisches Manifest: Gedenktag im Gymnasium
Der Mann mit der großen Klappe

Greven -

Karl Marx steht im Mittelpunkt. Der politisch am Ende geschlagene Polit-Philosoph stand im Augustinianum im Zentrum eines buntes Marx-Abends.

Montag, 19.11.2018, 10:40 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 18.11.2018, 19:32 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 19.11.2018, 10:40 Uhr
„Die Gedanken sind frei“ zum Auftakt – nicht nur die Historiker hatten was zu bieten beim Marx-Gedenktag.
„Die Gedanken sind frei“ zum Auftakt – nicht nur die Historiker hatten was zu bieten beim Marx-Gedenktag. Foto: Stefan Bamberg

Als Christina Morina noch zur Schule ging, damals in der späten DDR, hing der Sportsfreund mit dem Rauschebart in jedem Klassenzimmer. So richtig verwunderlich ist es da nicht, dass sich die Geschichtsprofessorin von der Uni Amsterdam später ausgiebig und viel beachtet mit Karl Marx beschäftigte. Auf Einladung des „Arbeitskreises Gedenktage“ um Benedikt Faber gastierte sie am Freitagabend im Augustinianum.

Vor 200 Jahren wurde Marx geboren, vor 170 das Kommunistische Manifest veröffentlicht – die Devise am Gymi daher: Lernende aller Fächer, vereinigt Euch! Philosophen widmen sich der Marx’schen Lehre. Historiker und Sowis seiner politischen Bedeutung früher und heute, global und im Reckenfeld der 1920er. Und die Oberstufen-Musiker starten den Abend mit der Mutter aller Querdenker-Hymen: „Die Gedanken sind frei“.

Ein Text wie für Marx geschrieben – das zeigt sich rasch: Denn wenn von dessen Persönlichkeit eins in Erinnerung geblieben ist, dann seine große Klappe. „Emotional, pathetisch, motivierend“, so beschreibt Morina den Marx-Matchplan und spricht von einem regelrechten „Marx-Erlebnis“, das seine ersten Fans – anfangs freilich weniger die Proletarier aller Länder selbst, sondern vielmehr Intellektuelle aus ganz Europa – faszinierte. Weil die Idee eine ziemlich neue war: „Es ist eine Philosophie für die Praxis, für echte Menschen“, resümiert die Wissenschaftlerin.

Mit dem Appell, nicht nur die Sinne kreisen zu lassen, sondern was zu verändern, sich zu organisieren. Aber: Zunächst mal überzeuge Marx als scharfsinniger Analytiker des gesellschaftlichen Ist-Zustandes – als einer, der das Elend der Arbeiter während der Industrialisierung mit würzigen Schlagworten auf den Punkt brachte.

Eine Fähigkeit übrigens, die aktuell eher die internationale Rechte – von AfD-lern bis Donaldisten – für sich entdeckt habe: „Die heutige Linke hat diese prägnanten Begriffe nicht mehr“, bedauert Morina in der Podiumsdiskussion.

Einer der hoffentlich nicht allzu Begriffslosen ist Dominik Uhlenhake, 2018er-Abiturient und Nachwuchs-Lokalpolitiker für die Linkspartei: Er hält Marx‘ Einfluss auf den politischen Alltag zwar für begrenzt – aber: „Wichtig bleibt sein Aufruf, sich überhaupt selber zu engagieren.“

Das macht auch Uhlenhakes Abi-Kollege Fin Brockfeld – allerdings für die Junge Union: „Alle Systeme, die sich auf Marx berufen haben, waren unmenschlich.“

In der Tat, pflichtet ihm Morina bei, sei wohl kein philosophisches Konzept ebenso radikal wie erfolglos in Staatsrealität gegossen worden wie der Marxismus. Jedoch habe die Light-Version gleichfalls der Sozialdemokratie als Vorbild gedient – nicht aus jedem Marx muss also gleich ein Honecker werden. Das findet auch Leo Mayer – Ex-Vorstand der DKP (nicht zu verwechseln mit der bekanntlich verbotenen KPD) und redseliger Münchner – der vor allem mit diesem originellen Einwurf auffällt: „Komisch, dass ausgerechnet Marx im Jubiläumsjahr so enorm vermarktet wird.“ Der Kapitalismuskritiker als Motiv für Nulleuroscheine, T-Shirts, Badeenten – und, Fun-Fact am Rande: „Sein Wohnhaus in Trier ist heute ein Billig-Shop“, verrät Morina. Karl mag’s? Wohl kaum.

Was ihn, den Mann mit der großen Klappe, indes vermutlich sehr freuen würde: Dass noch heute so lebendig über ihn diskutiert wird. Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei!

Marx-Gedenktag am Grevener Gymnasium

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