Schwarzer Freitag – wenn der Online-Handel durchdreht
Eine Riesenherausforderung

Greven -

Der Schwarze Freitag steht traditionell für den großen Börsencrash 1929 in den USA. Aber wenn heute vom Schwarzen Freitag die Rede ist, denken Online-Kunden und -Händler an die Online-Rabatt-Aktion nach dem amerikanischen Thanksgiving-Fest am 23. November. Welche Auswirkungen das für das Logistikunternehmen Fiege hat, berichten Jens und Felix Fiege im Gespräch mit Redaktionsmitglied Günter Benning.

Mittwoch, 21.11.2018, 06:35 Uhr aktualisiert: 21.11.2018, 07:14 Uhr
Felix und Jens Fiege im mobilen Büro der Hauptverwaltung des Logistikers im Grevener Airportpark.
Felix und Jens Fiege im mobilen Büro der Hauptverwaltung des Logistikers im Grevener Airportpark. Foto: Günter Benning

Was bedeutet der Schwarze Freitag für Sie?

Felix Fiege : Das ist in der E-Commerce-Welt eine Art Winterschlussverkauf. Ein großer Teil des Jahresabsatzes läuft in dieser Woche. Für die Logistik ist das eine Riesenherausforderung, weil wir an ein paar Tagen ein Vielfaches der normalen Menge bewältigen müssen.

Das heißt, vorher wenig Geschäft, nachher auch nicht?

Jens Fiege : Genau, die Kunden warten auf den Tag. Sie ändern ihr Kaufverhalten: Vor dem „Black Friday“ verzichten die meisten auf größere Anschaffungen, sie warten auf die Rabatte. Am Black Friday decken sich viele bereits mit Weihnachtsgeschenken ein. Sie kaufen Dinge, die sie in den nächsten Wochen nicht mehr einkaufen.

Wie geht das logistisch?

Felix Fiege: Wenn es geht mit dem Stammpersonal, mit Überstunden und Sonderschichten. Aber wir brauchen in dieser Zeit in den betroffenen Abteilungen Verstärkung, soweit das möglich ist. Es gibt auch klassische Kunden, die nicht so sehr an das Online-Geschäft gebunden sind, da können wir Mitarbeiter umschichten.

Alles wird schneller. Was erwarten die Kunden von Ihnen?

Jens Fiege: Inzwischen ist es so, dass der Händler erwartet, dass die Ware, die am Tag eins bestellt wird, am Tag zwei beim Kunden zugestellt wird. Selbst an Tagen wie dem „Black Friday“ haben die Kunden diese Erwartungshaltung. Das fängt bei uns an, das geht über die Paketdienstleister weiter, die in diesen Tagen ein Vielfaches des normalen Volumens ausliefern. Die Quote der Ware, die von den Kunden zurückgeschickt wird, steigt mit jedem Tag, den er warten muss.

Also, drei Tage warten ist schädlich?

Jens Fiege: : Ja, die Wahrscheinlichkeit, dass die Ware zurückgeht, wird höher. Darüber gibt es Studien, die das bestätigen. Für unsere Kunden ist es wichtig, dass wir auch zu Zeiten von sehr vielen Aufträgen diese sehr schnell bearbeiten. Das ist hartes Geschäft.

Und manche wollen es noch schneller.

Jens Fiege: Ja, einige Kunden denken jetzt schon über die Same-Day-Lieferung nach, also die Zustellung am selben Tag. An einigen Standorten machen wir das. Ein Kunde, der in diesen Regionen bei einem Online-Shop bis 15 Uhr bestellt, kann die Ware am gleichen Tag bis 21 Uhr geliefert bekommen. Das ist das Zielbild. Das wollen wir am Media-Markt-Standort Reckenfeld auch aufbauen, so dass wir in einigen Metropol-Regionen NRWs und Niedersachsens noch am gleichen Tag liefern können.

Braucht man das?

Jens Fiege: Das muss jeder für sich beantworten. Wir haben die Erfahrung gemacht, immer dann, wenn man so ein Angebot macht, nimmt es der Kunde an. Das treibt die anderen Händler dazu, es auch anzubieten.

Bei Amazon gibt es Versuche, vorausschauend zu arbeiten. Also fast direkt nach der Bestellung zu liefern. Kennen Sie das Prinzip?

Felix Fiege: Da wird schon im Voraus verpackt und erst während das Paket unterwegs ist, wird der Empfänger festgelegt. Wir haben das bei bestimmten Promotionsaktionen unserer Kunden schon gemacht. Da wird die Ware vorausschauend versandfertig verpackt, bevor der Kunde sie bestellt hat und der Auftrag bei uns eingegangen ist. Wir sind sehr aktiv im Bereich Daten-Analyse, Big Data. Wir haben mit Partnern eine eigene Firma mitgegründet, die sich mit nichts anderem beschäftigt. Es geht für uns beispielsweise darum, Daten, die wir im laufenden Geschäft erheben, für Analysen zu nutzen. Ein einfaches Beispiel ist die Absatzprognose, wo anhand von historischen Daten, Preisen von Wettbewerbern und zum Beispiel Wetterprognosen die erwarteten Bestellmengen des Folgetages ermittelt werden, damit wir besser planen können. Das läuft vollautomatisch.

Und das funktioniert?

Felix Fiege: Ja, die Voraussagen sind besser als die allermeisten Prognose-Systeme, die wir oder die Kunden im Einsatz haben. Letzten Endes ist unser Westphalia Data Lab in Münster auch ein eigenes Geschäftsmodell, das sich am Markt etablieren soll und auch für Unternehmen aus anderen Branchen einen Mehrwert generiert.

Wie behaupten sich die Unternehmen in einem Markt, der von Riesenplayern wie Amazon beherrscht wird?

Jens Fiege: Amazon macht vieles selber, auch die Logistik zum Teil. Alle anderen stehen vor dem Problem, einen gleich guten Service anbieten zu müssen, aber die notwendige kritische Masse und das Volumen nicht zu haben. Wir als Dienstleister bündeln das Volumen verschiedener Kunden. Das ist ein entscheidender Faktor. Wir bekommen gerade eine ganze Menge Neukundengeschäft, weil die Leute einen Dienstleister suchen, der ihnen die Möglichkeit bietet, so zu agieren wie Amazon.

Felix Fiege: : Bei der taggleichen Zustellung ist es ja so, dass ich das nur realisieren kann, wenn auch regional Waren vorrätig sind. Amazon kann sich überall lokale Bestände leisten. Viele kleinere und selbst größere Kunden können sich die dafür notwendige Infrastruktur nicht leisten. Dafür wollen wir als Logistiker eine Plattform bieten.

Darum arbeitet Karstadt mit Ihnen zusammen?

Jens Fiege: Karstadt hat in jeder großen und mittelgroßen Stadt ein kleines Warenlager. Unser Joint-Venture bezieht sich auf die Karstadt-Logistik, geht aber daneben auch dahin, dass wir grundsätzlich diese dezentrale Struktur auch für Dritte nutzbar machen, um ganz schnelle Lieferungen für den Endkunden zu ermöglichen. Das Netzwerk, das Karstadt hat, ist ein irres Pfund. Gerade auch für den stationären Handel. Damit kann man gegen Amazon mithalten.

Ein wachsender Markt ist das Geschäft über Grenzen?

Felix Fiege: Das wächst sehr stark. Heute ist es möglich, dass deutsche Händler in China auf Plattformen wie Alibaba verkaufen und direkt an den Endkunden ausliefern können.

Das schaffen Sie aber nicht an einem Tag?

Felix Fiege: Nein, das schaffen wir nicht. Aber in fünf bis sieben Tagen ist das Paket aus Europa beim Endkunden in China. Das ist ein Markt, der sich in alle Richtungen entwickeln wird. Sowohl Markenartikel in Richtung China, wie auch umgekehrt.

Wie sehen Sie die amerikanische Politik, die sich gegen freie Märkte richtet?

Jens Fiege: Alle Bewegungen, die zu einer Erschwerung des freien Handels führen, sind schlecht. Schlecht für die Wirtschaft allgemein, schlecht für die Logistik per se auch. Das Gute ist, dass die Politik der USA dazu führt, dass sich die Handelsbeziehungen anderer Staaten in Richtung Europa tendenziell verbessern.

Felix Fiege: Ganz aktuell sehen wir sogar einen positiven Effekt. Denn einige amerikanische Hersteller, die Sorge haben, dass der Handel erschwert wird, befüllen ihre Läger in Deutschland. Was drin ist, ist drin und kann nicht mehr besteuert werden. Aber das ist nur ein kurzfristiger Effekt und einmalig.

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