Sicherheitsdienst überfordert
Bis zu 80 nächtliche Chaoten auf dem Dorfplatz

Reckenfeld -

Nächtliche Besucher des Kirchplatzes, die mit Lärm und Müll den Unmut der Anwohner auf sich ziehen – das ist in Reckenfeld kein unbekanntes Thema. Doch nun scheint das Phänomen eine neue Dimension erreicht zu haben. Es geht nicht „nur“ um ein paar Jugendliche, sondern um eine große Gruppe – und um erhebliche kriminelle Energie.

Mittwoch, 05.12.2018, 08:49 Uhr aktualisiert: 05.12.2018, 11:22 Uhr
Abends nach der Ausschusssitzung – auch wenn sie lange dauerte – war es ruhig. Doch an vielen Abenden müssen sich Anwohner des Dorfplatzes über Chaoten ärgern, die lärmen, pöbeln, zerstören, urinieren.
Abends nach der Ausschusssitzung – auch wenn sie lange dauerte – war es ruhig. Doch an vielen Abenden müssen sich Anwohner des Dorfplatzes über Chaoten ärgern, die lärmen, pöbeln, zerstören, urinieren. Foto: oh

Deshalb hatte sich nun der Bezirksausschuss Reckenfeld mit dem Thema zu befassen – konkret mit dem Antrag eines Bürgers, die Sitzbänke auf dem Kirchplatz abzubauen, in der Hoffnung, dass sich die „Besucher“ dann fernhalten.

Fritz Hesse (SPD) forderte ein gemeinsame Vorgehen von Stadt, Polizei und Sicherheitsdienst. Klaus Schwenken ( CDU) sprach sich dafür aus, die Mobile soziale Jugendarbeit einzubinden. Man müsse sich um diese Jugendlichen kümmern und ihnen „klarmachen, was sie anrichten, wenn sie da abends rumlärmen.“

"Da halten sich zum Teil 70, 80 Personen auf"

Jedoch, so erläuterte Bürgermeister Peter Vennemeyer, seien die Besucher kein klassisches Klientel der Jugendarbeit. „Ich würde mal die Einschränkung machen bei dem Begriff Jugendliche. Erweitern Sie das mal um den Begriff junge Erwachsene. Und das ist ein erheblich größerer Anteil.“

Niklas Ahlert (Linke) warb dafür, keinen Verdrängungswettbewerb zu beginnen, sondern mit den „Gästen“ zu sprechen und ihnen die Konsequenzen ihres Handelns aufzuzeigen.

Für Vennemeyer reicht das nicht: „Wir haben dort mehrere Einsätze unseres Sicherheitsdienstes gehabt. Die haben sich angesichts der großen Anzahl von Personen da nicht reingetraut. Wir haben versucht, das mit polizeilichen Maßnahmen zu regeln. Das hat in dem Maße auch nicht funktioniert. Wir sind im Gespräch, natürlich gehört auch die Jugendarbeit dazu, um Maßnahmen zu ergreifen, das zu verhindern. Aber da halten sich zum Teil 70, 80 Personen auf. Wer reden nicht über zehn, zwölf Leute.“ Eine Zahl, die viele Zuhörende in Erstaunen versetzte – um nicht zu sagen: blankes Entsetzen.

Privater Wachdienst, Kontrollen oder eine Videoüberwachung?

Für Ernst Reiling (Reckenfeld direkt) sind der Einsatz eines privaten Wachdienstes und engere Kontrollen der richtige Weg.  Franz-Josef Holthaus (CDU) hat sich abends selbst ein Bild von der Lage gemacht. „Es ist eine Katastrophe. Es ist ganz, ganz schlimm. Da eine Lösung zu finden, ist fast unmöglich. Ich weiß nicht, wo man da ansetzen soll.“ Das Entfernen der Bänke löse das Problem nicht, zumal sich tagsüber Menschen dort aufhalten, die man ja ausdrücklich in der Ortsmitte haben wolle.

Holthaus brachte die Möglichkeit der Videoüberwachung ins Spiel. „Die, die da wohnen, haben ein Anrecht darauf, irgendwann abends das Licht auszumachen und Ruhe zu finden.“

Andreas Hajek (CDU) hat ganz grundsätzliche Bedenken: „Es kann natürlich nicht sein, dass es hier in Reckenfeld einen rechtsfreien Raum gibt.“ Genau das sei aber der Fall, wenn sich ein Sicherheitsdienst nicht in die Situation hineintraue. Dies wiederum schüre nur neue Ängste.

Vennemeyer kündigte ein abgestimmtes Konzept an, denn der Sicherheitsdienst allein fühle sich mit der Situation überfordert. „Wir sind uns einig: Die Bänke bleiben stehen, aber das Problem müssen wir dringend lösen.“

Kommentar zum Thema

Mit den „Störern“ reden und ihnen aufzeigen, was sie anrichten – damit kommt man hier keinen Deut weiter. Mit – Pardon – Sozialarbeiterromantik bekommt man diese massive Problem ganz offensichtlich nicht in den Griff. Denn es geht hier nicht um ein paar Jugendliche, die Stress mit den Eltern haben und einen Ort zum Frustsaufen suchen. Sondern um Erwachsene, die zum Teil mit erheblicher krimineller Energie der reinen Lust an der Provokation und der Zerstörungswut frönen, die sich im Glanze ihrer vermeintlichen Unangreifbarkeit sonnen – weil sie sich bislang eben fast sicher sein konnten, dass ihnen keine ernsthaften Konsequenzen drohen. Ein untragbarer Zustand, vor allem für die direkten Anwohner, aber nicht nur für sie. 

Der Staat (ja, ein großes Wort, aber letztlich sind das doch wir alle) darf sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Gut gemeinte Appelle an die Vernunft verpuffen ungehört, man könnte ebenso gut mit Wattebällchen werfen. Also müssen Stadt und Wachdienst sowie die Polizei (vor allem diese) klare Kante zeigen und immer wieder präsent sein. Und das mit so vielen Kräften, dass die Chaoten sich nicht mehr in Sicherheit wiegen können. Man muss sie nerven, gängeln, ihnen das Leben schwer machen. Muss Personalien aufnehmen, Platzverweise erteilen (und sie konsequent kontrollieren) und die Chaoten rigoros zurückdrängen. Das dürfen die Anwohnern mit gutem Recht erwarten. Klar, die Störer werden sich womöglich andere Stellen suchen. Aber das darf keinesfalls dazu führen, dass man sie am jetzigen Standort einfach gewähren lässt.

- Oliver Hengst

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