Tucholsky-Abend in der Stadtbibliothek
Zwischen Ernst und Heiterkeit

Greven -

Aus Musik und Wort entstand am Sonntag ein stimmiger Abend zwischen Ernst und Heiterkeit, in dem sich die Biografie und die Wirkung Tucholskys in sieben Stationen entfalteten.

Montag, 28.01.2019, 23:53 Uhr aktualisiert: 29.01.2019, 00:00 Uhr
Ein Bild der glücklichen Kartenbesitzer: Die Stadtbibliothek war am Sonntag komplett ausgebucht.
Ein Bild der glücklichen Kartenbesitzer: Die Stadtbibliothek war am Sonntag komplett ausgebucht. Foto: Alfred Riese

„Oh, hochverehrtes Publikum, sag mal: bist du wirklich so dumm...“ Die satirische Zuhörerbeschimpfung, die Kurt Tucholsky 1931 dichtete, verfing am Sonntag in den voll besetzten Reihen in der Stadtbibliothek nicht. Die Damen und Herren waren ja so klug gewesen, sich rechtzeitig Karten zu sichern für diesen Abend mit Texten im Zeichen des großen Lyrikers, wortgewaltigen politischen Journalisten und bissigen Satirikers aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dass dessen Lyrik, Essays und Einlassungen mehr als 80 Jahre nach seinem Tod Bedeutung haben, unterstrich das vortragende Duo in jeder der mehr als 90 Minuten.

Bernd Vogt , früherer Leiter des Clemens-Brentano-Gymnasiums in Dülmen, glänzte durchweg als ausdrucksstarker Rezitator, zurückhaltender Erzähler und präziser Einordner der Zeilen in die Zeiten. Patrick Gremme, Apotheker in Dülmen und auch gerne mal rockig unterwegs, begleitete die Texte passgenau sowie einfühlsam an Keyboard und Gitarre und mit seinem Gesang. Aus Musik und Wort entstand ein stimmiger Abend zwischen Ernst und Heiterkeit, in dem sich die Biografie wie auch das literarische Wirken und die Wirkung Tucholskys in sieben Stationen entfalteten. Das zu Anfang der satirischen Beschimpfung ausgesetzte Publikum quittierte das Gesamtwerk mit langem Applaus.

Der wohlhabende Lebemann aus jüdischem Elternhaus, der bedeutende Autor der „Weltbühne“, der Lyriker, der Elend und Sorgen der Arbeiter doch so treffend aufgriff, der Liebhaber vieler Frauen, der Bloßsteller der Spießer und am Ende an seinem Heimatland zu Tode Verzweifelte: Er begeistert immer noch.

Und er kann Sorgen machen, so aktuell kommen seine Befunde aus der vermeintlichen Vergangenheit daher. Tucholsky wirkte in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten der Weimarer Republik, zuletzt in den Jahren der aufkommenden Nazi-Herrschaft. Das anti-militaristische „Drei Minuten Gehör“ über Krieg zum Wohle der Reichen und Mächtigen und zum Elend für die einfachen Menschen kombinierte das Vortragsduo, das zum vierten Mal in Greven bei einer Gemeinschaftsveranstaltung von KI und Stadtbibliothek gastierte, mit Reinhard Meys „Nein, meine Söhne geb´ ich nicht“. Zu Tucholsky Mahnung zum Klassenkampf in „Die freie Wirtschaft“ erklang Konstantin Weckers empörte Liedzeile über das große Kapital: „Wir zahlen Steuern und sie setzen ab“.

„Als wäre es gestern geschrieben worden“, stellte Rezitator Vogt leise fest und legte seinen Zuhörern Fritz J. Raddatz´ „Kurt Tucholsky – eine biografische Momentaufnahme“ ans Herz.

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