Geschichte einer Abschiebung
„Als hätte ich den Jungen verraten“

Reckenfeld -

Saeed Yakubu war eigentlich schon gut in Deutschland angekommen. Er lebte in einer Unterkunft in Recklenfeld, hatte eine Arbeit und lernte Deutsch. Jetzt soll er abgeschoben werden. Vor allem die Art und Weise bereitet seinen ehrenamtlichen Betreuern Sorgen.

Samstag, 02.02.2019, 09:06 Uhr
Ganz so martialisch wie hier auf dem Foto ging es bei der Abschiebung von Saeed Yakubu nicht zu. Aber über die Art und Weise, über die „Falle im Rathaus“, die dem 22-Jährigen gestellt wurde, echauffiert sich Hubert Höflich mächtig.
Ganz so martialisch wie hier auf dem Foto ging es bei der Abschiebung von Saeed Yakubu nicht zu. Aber über die Art und Weise, über die „Falle im Rathaus“, die dem 22-Jährigen gestellt wurde, echauffiert sich Hubert Höflich mächtig. Foto: dpa

Nein, sagt Hubert Höflich. Es gehe nicht um die Tatsache, dass. Es gehe um die Art und Weise, über die er sich aufregt. Und als er erzählt, hat er die Tränen in den Augen. Er und seine Frau Monika haben sich in den vergangenen Monaten und Jahren um Saeed Yakubu (22 Jahre), der in Reckenfeld lebte, gekümmert. Und um dessen Schicksal geht es bei dieser Geschichte.

Yakubu wurde in Ghana geboren als Kind einer Frau aus Ghana und eines Vaters von der Elfenbeinküste. Da die Familie seiner Mutter den Vater ablehnte, nahm dieser den Jungen im Alter von drei Jahren mit in die Elfenbeinküste. Als der Vater erschossen wurde, war Saeed Yakubu zehn Jahre alt. Er schlug sich als Helfer in einer Autowerkstatt durch, gelangte später nach Libyen, wo er in einem Steinbruch arbeitet. Dann wurde er von Schleusern nach Italien gebracht, von wo er nach Deutschland reiste und einen Asylantrag stellte. Papiere hatte er nicht.

Seit 2015 ehrenamtlich betreut

Saeed Yakubu wohnte in einer Unterkunft in Reckenfeld, arbeitete bei der DHL , lernte Deutsch und wurde von den Höflichs seit 2015 ehrenamtlich betreut. „Im März 2018 wurde sein Asylantrag abgelehnt, seitdem war er ausreisepflichtig“, erklärt Kirsten Weßling von der Pressestelle der Kreisverwaltung. Ihm sei bei einer freiwilligen Ausreise finanzielle Unterstützung zugesagt worden, diese Möglichkeit habe er aber nicht genutzt.

Und jetzt widersprechen sich die Aussagen. Dabei geht es um die Beschaffung von Ausweispapieren, um einen Antrag auf Staatenlosigkeit und weiteres. Hat Saeed Yakubu mitgewirkt, hat er den Antrag gestellt? Die Höflichs sagen ja, der Kreis widerspricht. Das ist aber letztendlich für diese Geschichte nebensächlich.

Geldforderung der Stadt

Denn: Der entscheidende Tag ist der vergangene Montag. „Saaed hatte am Samstag ein Schreiben der Stadtverwaltung ohne Briefmarke und Stempel im Briefkasten, in dem er aufgefordert wurde, am Montag um 14 Uhr in das Büro des Leiters des Sozialamtes, Josef Gaida, zu kommen“, erzählt Höflich. Als Grund wurde angegeben, es gebe noch eine Geldforderung der Stadt.

Yakubu und Höflich kamen der Einladung nach. Und dann geschah etwas, das Höflich regelrecht in Rage brachte. „Wir waren noch nicht ganz in Gaidas Büro, als sich rechts und links die Türen öffneten und Polizei im Raum stand“, erinnert sich Höflich. „Man hatte uns förmlich eine Falle gestellt.“ Besonders enttäuscht ihn, dass er einige der Beteiligten persönlich kennt, ja sogar duzt.

Wir waren noch nicht ganz in Gaidas Büro, als sich rechts und links die Türen öffneten und Polizei im Raum stand.

Hubert Höflich

Während er diese „Räuberpistole“ erzählt, hat er mit den Tränen zu kämpfen. „Ich hatte das Gefühl, als hätte ich den Jungen verraten“, sagt Höflich. Aber er sagt auch: „Natürlich war das rechtens, aber die Art und Weise des Vorgehens kann ich wirklich nicht verstehen.“

Für die Stadtverwaltung stand das Vorgehen außer Frage. „Wir sind verpflichtet, und es ist natürlich auch unser Anspruch, dass wir andere Behörden bei der Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben unterstützen. Werden wir also um Amtshilfe gebeten, dann leisten wir sie auch“, erklärte Klaus Hoffstadt, Pressesprecher der Grevener Stadtverwaltung.

Von Greven zum Frankfurter Flughafen

Und auch die Kreisverwaltung habe Gründe für das Vorgehen gehabt. „Es gab Hinweise, dass Saeed Yakubu nicht an seiner Meldeadresse anzutreffen sei“, sagte Weßling. Yakubu sei auch nicht aus der Unterkunft abgeholt worden, weil zu befürchten gewesen sei, dass es dort zu Solidarisierungsaktionen und Tumulten kommen könnte. „Dort leben auch Kinder, deswegen wollten wir das vermeiden.“

Letztendlich wurde Saeed Yakubu im Grevener Rathaus in Gewahrsam genommen und zum Frankfurter Flughafen gebracht, von wo er mit einer Linienmaschine nach Ghana gebracht werden sollte. „Er hat allerdings Widerstand geleistet, woraufhin der Pilot die Mitnahme verweigerte“, erklärte Weßling. Saeed Yakubu sitzt deshalb zur Zeit in der JVA Büren in Abschiebehaft. „Man wollte ihn nach Ghana bringen, weil die Elfenbeinküste nicht als sicheres Abschiebeland anerkannt ist“, vermutet Höflich.

Kreis ist zu Abschiebungen verpflichtet

Weßling rechtfertigt das Vorgehen der Ausländerbehörde noch einmal. „Eine Abschiebung ist mit einem ziemlichen Aufwand verbunden und deshalb wollten wir sichergehen, dass wir Saeed Yakubu auch erreichen.“ Der Kreis sei verpflichtet, eine Abschiebung durchzuführen. „Wir entscheiden aber nicht, wer abgeschoben wird und wer nicht.“

Und auch Hubert Höflich betont noch einmal, dass es ihm um die Art und Weise des Vorgehens gehe. „Das hätte man anders machen können.“ Er als Ehrenamtlicher werde immer wieder für die Betreuung der Flüchtlinge gelobt. „Aber wenn es dann um solche wichtigen Entscheidungen geht, sind wir Ehrenamtlichen plötzlich nicht mehr gefragt. Das konterkariert unsere Arbeit.“

Wie es derweil mit Saeed Yakubu weiter geht, ist unklar. „Ich konnte zumindest mit ihm in der JVA telefonieren“, erklärt Höflich.

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