Interview mit Kita-Stadteltern
„Nicht alles auf Kitas abwälzen“

Der Kita-Stadtelternrat (www.kita-stadteltern-greven.de)versteht sich als Anlaufstelle für Eltern von Kita-Kindern. In Greven laufe vieles gut, aber längst nicht alles sei paletti, wie im Interview deutlich wird.

Freitag, 08.02.2019, 19:19 Uhr aktualisiert: 12.02.2019, 09:06 Uhr
Sven Lueke ist Vorsitzender der Kita-Stadteltern Greven, Laura Peloso stellvertretende Vorsitzende. Dass Eltern für ihre Kinder nicht immer einen Platz in der Wunsch-Kita bekommen, ist ein Thema, um das sich das Gremium kümmert.
Sven Lueke ist Vorsitzender der Kita-Stadteltern Greven, Laura Peloso stellvertretende Vorsitzende. Dass Eltern für ihre Kinder nicht immer einen Platz in der Wunsch-Kita bekommen, ist ein Thema, um das sich das Gremium kümmert. Foto: Oliver Hengst

Die Betreuung von Kindern im Kindergartenalter – in Greven seit Jahren ein Dauerthema. Zeitweise hatte die Stadt Mühe hinterherzukommen und den Bedarf zu decken. Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt. Sven Lueke und Lauras Poloso von den Kita-Stadteltern kennen dennoch einige Baustellen, die bearbeitet werden müssen. Im Interview mit Redakteur Oliver Hengst sprachen sie unter anderem über Elternbeiträge, Kita-Vielfalt und den Trend, Kinder immer früher in die Kita zu geben.

Wofür setzt sich das Gremium ein?

Sven Lueke: Wir sind die Kita-Stadteltern Greven. Die offizielle Bezeichnung wäre Jugendamtselternbeirat. Diese recht sperrige Bezeichnung haben wir bewusst gewechselt. Kita-Stadteltern Greven – das ist ein gesetzliches Gremium, und wir sind dafür da, die Interessen aller Eltern zu vertreten, die Kinder in Kitas in Greven haben. Das sind Interessen einer durchaus unterschiedlichen Elternschaft. Wir haben Alleinerziehende, wir haben das klassische Modell Mutter / Vater / zwei Kinder, wir haben Eltern, die haben keine Unterstützung von Großeltern, andere wiederum leben mit den Großeltern in einem Haus. Diese Eltern haben sehr unterschiedliche Betreuungsbedarfe und Anliegen.

Manche dieser Interessen werden sich mit anderen beißen. Das ist doch sicher nicht einfach, das immer unter einen Hut zu bekommen . . .

Lueke: Genau, das ist die große Schwierigkeit, die wir haben. Deshalb ist es auch wichtig, dass wir Rückmeldungen von möglichst vielen Eltern bekommen.

Die Kita-Stadteltern Greven sind eher unbekannt. Woran liegt das?

Lueke: Das hat mehrere Ursachen. Ein Grund ist sicher, dass wir keine Ressourcen haben, wir sind ein rein ehrenamtliches Gremium. Wir können „nur“ unsere Arbeitskraft einbringen, aber wir haben keine Ressourcen für Öffentlichkeitsarbeit, Flyer oder ähnliches. Deshalb sind wir sehr darauf angewiesen, dass Eltern aktiv mitmachen und uns unterstützen, aber auch, dass sie mit uns kommunizieren, uns ihre Probleme mitteilen, Feedback geben.

Was die Betreuungssituation in Greven angeht: Ist hier „alles paletti“ oder gibt es viele Baustellen?

Laura Peloso: Es ist nicht alles paletti. Es gibt tatsächlich Baustellen. Es sind dieses Jahr nach unserer Kenntnis alle Kinder untergekommen, aber nicht immer in der Wunsch-Kita. Bei manchen ist der Zweit- oder Drittwunsch zum Tragen gekommen. Es kommt teilweise auch vor, dass in keiner der drei Kitas, die Eltern bei der Anmeldung angeben können, ein Platz zu bekommen ist. Das ist dann schon etwas schwierig.

Empfinden Sie es als ungerecht, dass es nicht immer in der Wunsch-Kita klappt?

Peloso: Ich glaube, es ist für Eltern schwierig, das zu verstehen. Wir als Gremium versuchen, immer auch ein bisschen beide Seiten zu sehen. Wir haben einen sehr hohen Fachkräftemangel, insofern können die Kitas gar nicht mehr Kinder aufnehmen. Allerdings werden in Greven auch viele Kitas neu gebaut. Wir hoffen, dass sich das Problem so irgendwann erledigt, dass alle Betreuungswünsche erfüllt werden können. Aber im Moment ist das schwierig.

Wäre es gerechter, wenn es für Kitas verbindliche Einzugsbereiche gäbe?

Lueke: Momentan ist es nicht angedacht. Man muss auch sagen: Die Stadt kommt schon ziemlich gut hinterher mit neuen Plätzen. Dass die Wunsch-Kita nicht immer drin ist, ist in Einzelfällen durchaus ärgerlich, ganz klar. Das lässt sich aber nicht immer vermeiden. Man muss positiv hervorheben: Es läuft in Greven ganz gut. In Münster ist das ganz anders, dort kommt man mit Plätzen gar nicht hinterher.

In NRW gibt es ein beitragsfreies Jahr, ein zweites soll kommen, das ist doch aus Elternsicht erfreulich . . .

Lueke: Man muss immer sehen: Wer zahlt wie viel? Wir haben in Greven eine Betragsstaffelung, die sich nach dem Bruttoeinkommen richtet. Bis 24 000 Euro im Jahr zahlen die Eltern keinen Kita-Beitrag, ab 96 000 Euro zahlt man den Höchstbetrag – maximal 485 Euro monatlich bei 45 Betreuungsstunden pro Woche. Viel Geld, aber wir reden da von Leuten, die ein monatliches Nettoeinkommen von rund 4300 Euro haben. Da gibt es also sehr unterschiedliche Elterninteressen.

Sprich: Beitragsfreiheit entlastet (auch) jene, die es sich durchaus leisten könnten . . .

Lueke: Richtig. In einem Gespräch mit Eltern kam daher die Forderung auf, die Begrenzung nach oben zu streichen. Also: Wer mehr als 96 000 Euro brutto verdient, zahlt auch noch mehr Elternbeiträge. Problem: Wenn Besserverdienende irgendwann 600 oder 800 Euro zahlen müssten, würden womöglich private Kitas entstehen, die nichts mehr mit der öffentlichen Finanzierung zu tun haben. Das will man natürlich vermeiden, man will auch diese Gruppe im System halten. Es ist also ein sehr komplexes Thema. Daher sehen wir es auch als unsere Aufgabe an, die Eltern dafür zu sensibilisieren, wie die Dinge miteinander zusammenhängen.

Sie sprachen den Fachkräftemangel an. Woran hakt es?

Peloso: Ich glaube, dass es an einem Mangel an Ausbildungsplätzen liegt. Ich weiß von einer Praktikantin aus unserem Kindergarten: super engagiert, schlau – aber sie hat den Platz an der Schule nicht bekommen. Das geht natürlich nicht. Dieses Angebot muss ausgebaut werden. Der Landeselternbeirat, in dem ich bis vor Kurzem aktiv war, beschäftigt sich damit. Großes Thema sind dort auch die Betreuungszeiten.

Gutes Stichwort. Sind die Betreuungszeiten in Grevener Kitas ausreichend?

Peloso: Ich persönlich finde – mein Mann und ich arbeiten beide im Schichtdienst – dass man nicht alles auf Betreuungszeiten abwälzen darf, sondern dass der Arbeitgeber mit in die Pflicht genommen werden muss. Eine Familie, die dieses Problem hat, muss die Möglichkeit bekommen, dass zumindest einer eine feste Arbeitszeit hat.

Lueke: Das Versprechen – auch der Bundespolitik – lautet ja: Ihr könnt alles miteinander vereinbaren. Aber das ist ein Stück weit auch eine Wunschvorstellung. Man kann nicht alles auf die Kitas abwälzen. Die Kita soll betreuen, sie soll auch eine Bildungseinrichtung sein – aber das können die Einrichtungen nicht 24 Stunden gewährleisten.

Es gibt in Greven verschiedene Träger und Konzepte. Wie beurteilen Sie die Auswahl?

Lueke: Es gibt eine Trägervielfalt: konfessionelle Träger, freie Träger, Elterninitiativen. Wir begrüßen, dass man als Eltern eine Auswahlmöglichkeit hat. Denn Kita und Eltern – das muss passen.

Der Trend ist, Kinder immer früher betreuen zu lassen. Okay oder bedenklich?

Peloso: Dass Kinder immer früher in die Betreuung gegeben werden – teilweise mit unter einem Jahr – liegt auch daran, dass es eine lange Eingewöhnungszeit braucht. Heißt: Wenn Eltern ein Jahr Elternzeit haben und dann wieder arbeiten müssen, müssen sie früher mit der Eingewöhnung der Kinder in der Kita starten. Das halte ich persönlich natürlich überhaupt nicht für vorteilhaft, Kinder so früh in die Kita zu geben. Persönlich finde ich das sehr traurig. Ich meine, Kinder sollten gern auch länger zu Hause bleiben dürfen.

Lueke: Meine beiden Kinder waren mit rund eineinhalb bei der Tagesmutter und ab zwei im Kindergarten. Was ich sehr positiv fand, war, dass sie früh in Kontakt mit anderen Kindern gekommen sind. Man muss differenzieren: Wie lange sind die sehr jungen Kinder in der Kita: drei, vier Stunden am Tag oder direkt ganztägig? Da gibt es sicher Diskussionsbedarf. Man muss gucken: Wo setzt man mal Grenzen? Ich persönlich meine: Man kann nicht das ganze Leben der Arbeit unterordnen. Arbeit ist wichtig, ja. Aber gerade beim Leben mit Kindern muss man sagen: Bis hierhin und nicht weiter.

Peloso: Es ist auch ein bisschen so, dass man fast gedrängt wird: Wenn man sein Kind nicht mit zwei anmeldet, sinkt die Chance auf einen Platz mit drei in der Wunsch-Kita. Viele sehen sich daher genötigt, ihr Kind früher in der Kita anzumelden, obwohl sie es lieber noch bei der Tagesmutter lassen würden. Das ist leider so. An das Thema müssen wir auf jeden Fall nochmal ran, denn Eltern sollten sich nicht unter Druck gesetzt fühlen.

Welchen Wunsch haben Sie an die Stadt und an die Grevener Politik?

Lueke: Grundsätzlich muss man erstmal lobend erwähnen: Die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt funktioniert gut. Was wir uns perspektivisch wünschen: ein eigenes Budget. Wir reden da über keine große Summe, vielleicht 500 oder 1000 Euro im Jahr. Dann könnten wir unseren Auftrag auch besser wahrnehmen und uns mit den Eltern der Stadt vernetzen, sie könnten zu uns kommen und ihr Anliegen schildern. Dafür müssen die Eltern uns aber erstmal kennen. Daran mangelt es noch ein bisschen, da würden wir uns Unterstützung wünschen. Kontakt: jaeb-greven@gmx.de

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