In der Gaststätte Kaltefleiter traf sich einst ein „Fettclub“
Saus und Braus statt Kriegssorgen

Gimbte -

Alte Tagebücher mit handschriftlichen Notizen eines „Fettclubs“ gibt es in der Gaststätte Kaltefleiter. Junge Männer gründeten den Club 1917 – mitten im Krieg.

Samstag, 16.02.2019, 10:09 Uhr
Heinz-Wilhelm Kaltefleiter stöbert in den alten Tagebüchern, die die jungen Männer einst mit allerlei Geschichten und Anekdoten füllten. Rund 100 Jahre später werfen die Bücher ein interessantes Licht auf die damalige Zeit.
Heinz-Wilhelm Kaltefleiter stöbert in den alten Tagebüchern, die die jungen Männer einst mit allerlei Geschichten und Anekdoten füllten. Rund 100 Jahre später werfen die Bücher ein interessantes Licht auf die damalige Zeit. Foto: Oliver Hengst

Während um sie herum die Welt in Trümmern lag,

  Foto: Oliver Hengst

ließen es sich die fünf jungen Herren gut gehen. „Die haben in Saus und Braus gelebt“, sagt Heinz-Wilhelm Kaltefleiter und schlägt ein Buch auf. Vergilbt, am Rande teilweise ausgefranst, der Einband schon etwas abgegriffen. Kein Wunder, das Buch ist rund 100 Jahre alt. Was der Gimbter Gastwirt da in den Händen hält: das Tagebuches eines Clubs, der stammtischartig immer wieder bei Kaltefleiters zusammengekommen ist und deren Mitglieder immer, wenn sie da waren, etwas eingetragen haben. Die nannten sich die „Fettbrüder“ und ihren Club folglich den „Fettclub“. Warum? „Weil sie wohl gut gelebt haben und immer fett gegessen haben“, sagt Kaltefleiter. Vier ältere und einen neueren Band gibt es, der erste ist allerdings nicht mehr auffindbar. Rekonstruieren lässt sich dennoch, dass sich der Club im Mai 1917 gegründet hat.

Die (anfangs) fünf jungen Männer aus Münster waren offenbar alle Mitglied des SC

  Foto: Oliver Hengst

Münster 08 (möglicherweise Hockey-Spieler) und unternahmen regelmäßig Ausflüge nach Gimbte. Manchmal brachten sie auch Gäste mit. Man traf sich in wechselnder Besetzung. Die Tagesordnung, handschriftlich notiert, war aber im Grunde immer gleich: „Kaffee, Spaziergang zur Ems, Doppelkopp, Abendessen, Doppelkopp“, so steht es auf einer Seite notiert. Zu den Mitgliedern zählten Karl Ostermann , genannt Wagner (entstammt der Familie, die die Holzhandlung Ostermann und Scheiwe im Hafen Münster betrieb), Hans Klein, genannt Bismark, Dr. Maximilian Ostrop sowie zwei weitere Männer namens „Ernst“ und „Karla“.

Es ist bei den Treffen feucht-fröhlich zugegangen, eingeheftete Rechnungen belegen das.

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„Essen war recht günstig, aber Sekt war damals sehr teuer“, sagt Kalte­fleiter. Einmal ist notiert: Drei Flaschen für 60 Mark. Für damalige Verhältnisse sehr viel Geld. Dass die Handschrift im Buch bisweilen ins Unleserliche abrutscht, mag dem Genuss des einen oder anderen Getränkes geschuldet sein. Und vielleicht auch dies: Immer wieder haben die Fettbrüder, vermutlich ganz gezielt, Fettflecken eingearbeitet.

Trotz dieses Benehmens darf man wohl davon ausgehen, dass die Herren aus „besserer Gesellschaft“ kamen. Dem Kreis junger Männer mangelte es offenbar an nichts. Und das in Kriegszeiten. Allein der Umstand, dass sie nicht an die Front mussten, deutet darauf hin, dass sie Kontakt zu einflussreichen Persönlichkeiten hatten.

Kriegssorgen waren ihnen offensichtlich fremd. Auf einer Seite notierten sie 1918: „Die Schlacht nähert sich dem Ende.“ Wer aber einen militärischen Zusammenhang annimmt, ist auf dem Holzweg. Es ging, wie so häufig, eigentlich fast immer, ums Essen, ums sehr reichliche Essen. „Noch ist ein halber Pfannkuchen übrig, auch die Schüssel Kartoffelsalat ist noch nicht geleert. Sogar Hans streikt. In den Annalen des Fettclubs noch nicht dagewesen! Ein trauriges Kapitel.“

Neben tagebuchähnlichen Eintragungen wie diesen enthalten die Bände Fotos, kunstvolle

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Zeichnung, Doppelkopf-Spielstände, Rechnungen, gar Strafbefehle wegen Nichtzahlens eines Bahntickets, auch hier und da frivole Andeutungen, Prahlerei und vielerlei Blödsinn.

So gab es offenbar auch immer wieder interne „Reimwettbewerbe“, die mal dieser, mal jener gewann. Die Ansprüche jedoch scheinen nicht besonders hoch gewesen zu sein. Mit „Ich bin ein großer Maxe, und fahre gerne Taxe“ hat es einer der Fettbrüder immerhin mal zum Tagessieg geschafft.

Zu den Besuchen in Gimbte gehörte bisweilen auch ein Bad in der Ems. Damals gab es dort noch eine Badeanstalt. „Deshalb hieß das hier damals ,das sündige Dorf‘, auch wenn nicht nackt, sondern natürlich mit Badekleidung gebadet wurde. Aber das reichte schon aus, um als sündig zu gelten“, berichtet Kaltefleiter.

Die Einträge in den „Fettbüchern“ werden mit den Jahren seltener, Mitte der 1930er Jahre reißen sie ganz ab, um erst 1949 wieder einzusetzen. In den Jahren danach gibt es vereinzelte Eintragungen von Überlebenden der ursprünglichen Runde oder deren Nachkommen.

1983 – zum 75-jährigen Bestehen des SC Münster 08 – gab es nochmal eine „Gedenkveranstaltung“ bei Kaltefleiter. Zu diesem Anlass wurde auch ein neues, das fünfte Fettbuch, angelegt. Die ersten Seiten wurden benutzt, die letzte Eintragung datiert aus dem Jahr 1997.

Wer Interesse an den Büchern hat, kann sie sich bei Kaltefleiters ansehen – der Seniorchef wird jedoch peinlich genau darauf achten, dass sie auch wieder ihren Weg zurück in das eigens vorgesehene Schränkchen finden. Schade genug, dass bereits ein Exemplar abhanden gekommen ist.

  Foto: Oliver Hengst

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