Roland Böckmann vor der letzten Polen-Fahrt
Schluss nach fast 40 Jahren

Reckenfeld -

Die Poleninitiative ist ihm eine Herzensangelegenheit. Und doch musste Roland Böckmann nun diese Entscheidung treffen: Nach fast 40 Jahren ist bald Schluss mit den Hilfstransporten.

Donnerstag, 28.03.2019, 21:04 Uhr aktualisiert: 28.03.2019, 21:20 Uhr
Roland Böckmann in seinem Keller, in dem sich die Sachspenden, vor allem Kleidung, türmen. Bald findet der 86. und letzte Transport statt.
Roland Böckmann in seinem Keller, in dem sich die Sachspenden, vor allem Kleidung, türmen. Bald findet der 86. und letzte Transport statt. Foto: Oliver Hengst

„Strapaze? Ach was, das ist eine reine Willenssache“, sagt Roland Böckmann . Bald startet er wieder Richtung Polen, mit einem Lkw voller Textilien und Hilfsmittel. Es wird die 86. Fahrt – und zugleich die letzte. Böckmann hat beschlossen, die Tradition nach fast 40 Jahren nicht fortzusetzen. Er selbst wird bald 86 Jahre alt, die Empfängerin der Spenden, Schwester Bertrada, ist 89. Zuletzt war sie häufig krank, so dass schon ein halbes Jahr lang kein Transport mehr stattfinden konnte. Es wird auch immer schwerer, Fahrer zu finden, die Böckmann begleiten (und den Lkw steuern, denn das macht Böckmann schon seit Jahren nicht mehr selbst). Auch dieses Mal gestaltet sich das schwierig. Zudem zieht Böckmann im Sommer um, hat dann keinen Platz mehr, um Kartons zu lagern.

Also: Schluss. Leicht fiel ihm der Entschluss nicht. Wahrlich nicht. „Ich habe mit mir gekämpft“, sagt er und schaut ernst. „Aber letztlich hat die Vernunft gesiegt. Bertrada weiß noch gar nichts von dem Entschluss.“

Es gibt nicht wenige in Reckenfeld, die sagen: Böckmann kann gar nicht ohne seine Polenfahrten, es wird nicht seine letzte Fahrt. „Doch. Sicher. Ganz sicher“, beteuert er. Alles hat seine Zeit. Und die Zeit der Polenfahrt – sie endet nun. Samstag hin, Sonntag zurück, ein letztes Mal. Falls sich ein Fahrer findet (Kontakt: ✆ 0 25 75/24 52). Eigentlich wollte Böckmann schon dieses Wochenende los, nun peilt er das kommende an.

Sobald der Lkw beladen ist und der Diesel startet, wird Böckmann auf dem Beifahrersitz Platz nehmen, die alte Polen-Straßenkarte auf dem Schoß. Wie immer. Es gibt zwei mögliche Routen, über Berlin oder via Dresden. Beide Strecken kennt er aus dem Eff-Eff, fände das Ziel auch ohne Karte. Dennoch nimmt er sie mit – und zieht sie auf jeden Fall den digitalen Helfern vor, die heute üblich sind.

„Wir wollten eigentlich nur einmal fahren“, erinnert er sich an die erste Fahrt 1981, damals mit Willi Fieseler. Im Laufe der Jahre wechselten die Mitfahrer und Helfer, Böckmann blieb als Konstante dabei. „Ich wollte helfen. Ich hatte soviel über Polen gelesen und darüber, wie miserabel es den Menschen geht.“

Bei der ersten Fahrt steuerten sie willkürlich ein Krankenhaus in Kattowitz an, bei der zweiten Fahrt eine Kirchengemeinde. Ohne Voranmeldung. „Wir haben einfach beim Pastor geschellt. Der war ganz schön überrascht“, erinnert er sich mit einem Schmunzeln. Irgendwann knüpften die Franziskanerinnen Münster Kontakt zu Böckmann – der Beginn einer langen Kooperation. Der ersten Fahrt zu Schwester Bertrada Mitte der 80er folgten viele weiter. Zunächst eine im Jahr, in Spitzenzeiten waren es bis zu vier jährlich. Böckmann „folgte“ Bertrada an vier Orte – je nachdem, wo die Ordensschwester gerade tätig war. Zunächst war das ein Kinderheim (weshalb damals auch Spielzeug und Süßigkeiten transportiert wurden), später dann Senioreneinrichtungen. Manche der Sachspenden werden heute auch an andere befreundete Einrichtungen verteilt.

Trotz EU-Mitgliedschaft und großer wirtschaftlicher Fortschritte – die Hilfsbedürftigkeit vieler Menschen in Polen ist nach wie vor groß. Davon ist Böckmann nach seinen vielen Besuchen überzeugt. „Viele alte Menschen haben eine sehr geringe Rente.“ Auch in manchen Heimen, in denen Kinder mit Behinderung leben, fehle es oft am nötigsten. Vor allem in ländlichen Gebieten gebe es nach wie vor viele, die von der positiven Entwicklung (noch) abgeschnitten sind.

Deshalb nahm er viele Jahre lang Strapazen in Kauf, die er nicht als solche empfand. Kriegsrecht, scharfe Kontrollen, russische Grenzposten, die mit „Sachspenden“ überzeugt werden sollten, Schnee und Eis, schlechte Straßen, Lkw-Defekte. Böckmann könnte Bücher mit Anekdoten füllen. Letztlich alles nebensächlich. Das Strahlen der Menschen, wenn sie den Lkw auf den Hof einbiegen sehen, war und ist der schönste Lohn. Ein Mal noch.

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