Preispolitik der Kassen sorgt für Lieferengpässe in Grevener Apotheken
Mangelware Medikament

Greven -

Eine ältere Frau steht am Tresen der Adler-Apotheke. Als die Apothekerin ihr Rezept eingescannt hat, muss sie die Kundin enttäuschen: „Das Medikament ist nicht auf Lager.“ Ein Problem, das alle Apotheken der Stadt betrifft.

Donnerstag, 06.06.2019, 19:35 Uhr aktualisiert: 10.06.2019, 16:42 Uhr
Germania-Apotheke: Wie überall in Greven fehlen hier oft die verschriebenen Medikamente. Die Apotheker müssen nach Alternativen suchen.
Germania-Apotheke: Wie überall in Greven fehlen hier oft die verschriebenen Medikamente. Die Apotheker müssen nach Alternativen suchen. Foto: Sina-Marie Hofmann

Der Filialleiter der Allesgut-Apotheke, Daniel Feldkamp , erlebt es täglich mehrfach: Bei 100 Verschreibungen ist bei 20 bis 30 Kunden nicht das passende Medikament verfügbar. Dann müssen Alternativen gesucht werden.

Doch woran liegt das? 2007 war es erstmals möglich, Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Pharmaherstellern abzuschließen. So sollten Kosten im Gesundheitssystem gespart werden.

Pharmahersteller gewähren den Krankenkassen einen Rabatt auf ein bestimmtes Medikament oder ein Sortiment. Dafür werden den Kunden der jeweiligen Kasse dann nur die Medikamente dieser Hersteller ausgegeben.

Daniel Feldkamp hat nichts gegen Einsparungen im Gesundheitssystem. Doch erleben er und seine Kollegen täglich die Nachteile des Ganzen.

Denn durch die Preissenkungen ist es den Pharmaunternehmen nicht mehr möglich, bezahlbare Wirkstoffe in Deutschland zu fertigen. Deshalb wurde die Produktion in Länder wie Indien oder China verlagert. Wenn es dort zu Schwierigkeiten kommt, gibt es Lieferengpässe, mit denen Apotheker deutschlandweit konfrontiert sind.

Viele der Pharmakonzerne erhalten zusätzlich von den selben Herstellern ihre Wirkstoffe, was Ilse Mentrup von der Adler Apotheke als weiteres Problem schildert.

Firmen, die nicht im Rabattvertrag sind, verringern ihre Produktion. Daraus folgt, dass auch von diesen Produzenten nicht genügend Medikamente auf Lager sind.

Christoph Brautlecht von der Germania Apotheke bedauert dies: „Wir waren früher die Arzneimittelküche Europas.“ Auch Alles-Gut-Apotheker Feldkamp beklagt die Abhängigkeit zu anderen Ländern.

Zurzeit gibt es circa 200 Präparate, die deutschlandweit nicht lieferbar sind. Darunter Impfstoffe, Blutdrucksenker und Mittel gegen Krebs. Zudem gab es im vergangenen Jahr einen großen Rückruf valsartanhaltiger Arzneimittel. Das Mittel gegen hohen Blutdruck wurde in China produziert – und durch chemische Verunreinigungen während der Herstellung sollen krebserzeugende Stoffe entstanden sein.

Zurück zu der älteren Frau in der Adler Apotheke: Welche Möglichkeiten hat sie, ihr Medikament doch zu erhalten?

Wenn das Medikament in einer anderen Grevener Apotheke vorrätig ist, tauscht man sich aus. Doch alle befinden sich im selben Notstand . Weshalb meist der Hersteller angerufen werden muss. Dort wird nachgefragt, zu welcher Zeit das Medikament verfügbar ist. Da diese Vorgehensweise zur Tagesroutine geworden ist, legt die Adler Apotheke für solche Fälle Ordner an.

Ist der Produzent nicht lieferfähig, kontaktiert die Apothekerin den Arzt der Kundin. Dieser muss ein anderes, geeignetes Medikament finden.

Jetzt muss noch ein neues Rezept ausgestellt werden und die Kundin kann endlich mit ihrer Arznei nach Hause gehen.

Doch dieses Vorgehen kann unangenehme Folgen haben: Mehrkosten, Nebenwirkungen oder den kompletten Verzicht auf neue Medikation.

Auch die Apotheker müssen sich arrangieren. Das Prozedere bedeutet einen immensen Personal- und Kostenaufwand. „Dass die Personalkosten nicht erstattet werden, ist ärgerlich. Aber das Wohl der Kunden liegt uns mehr am Herzen“, sagt Daniel Feldkamp.

Auch wenn alle Apotheker unzufrieden mit der Situation sind, freuen sie sich über das Verständnis ihrer Kunden. Germania-Apotheker Christoph Brautlecht findet, dass sich ein Land wie Deutschland so etwas nicht erlauben könne. Und Ilse Mentrup fordert: „Das muss Thema in der Politik werden.“

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