Ausprobiert: Beim Kung-Fu
„Etwas durch harte Arbeit Erlerntes“

greven -

Ein Schlag ins Gesicht. Fäuste fliegen durch die Luft, der erste Gegner ist erledigt, danach der zweite, dann der dritte. Jackie Chan wirbelt zehn Meter hoch durch die Luft, ein Bein nach vorn ausgestreckt, das andere angewinkelt, die Hände in Kampfposition und weiter. In zwei Minuten hat er alle zehn Gegner umgelegt.

Samstag, 29.06.2019, 00:00 Uhr aktualisiert: 29.06.2019, 01:00 Uhr
Sabine Hofer kriegt es heute ab: Marco Schmitt zeigt mir eine Form des Kung-Fu. Die Ausführung üben wir noch einmal.
Sabine Hofer kriegt es heute ab: Marco Schmitt zeigt mir eine Form des Kung-Fu. Die Ausführung üben wir noch einmal. Foto: Hannah Schrand

Marco Schmitt lacht. „Ganz so sieht unser tägliches Training nicht aus“, antwortet er, als ich ihm begeistert über meine Vorstellung von der Kampfsportart Kung-Fu berichte.

In dem Kurs, den der Trainer einmal wöchentlich mittwochs ab 18.30 bis 20.30 Uhr für Erwachsene und Jugendliche beim SC Greven 09 gibt, geht es um sehr viel mehr, als nur um das „coole Aussehen“.

Der Sport, der traditionell nur auf das Ausschalten des Gegenübers ausgelegt ist, ist für Schmitt eine Bewegungsmeditation. Der ganze Körper arbeitet bei den rund 200 Formen (Abläufe der Schläge und Tritte). Der Gegner wird „gelesen“: Sein nächster Schritt wird im Voraus erkannt und kann so abgewehrt werden.

„Man braucht gar nicht viel Kraft“, erklärt mir Sabine Hofer, die schon seit fünf Jahren den Kampfsport betreibt, später, als wir uns in der Halle gegenüberstehen. „Gerade als Frau ist das das Schöne am Kung-Fu. Durch die richtige Ausführung der Technik lässt sich die Energie des Gegners umlenken und man kann sie gegen ihn verwenden.“

Aber das stellt sich als nicht gerade einfach heraus. „Au Lau Tsai“, heißt die erste Abfolge der Handbewegungen, die Schmitt mir zeigt. Meine Gegnerin deutet einen Schlag an, ich blockiere und leite ihn seitlich um, ziehe sie dann an meine Hüfte, um ihr den letzten Schlag mit der freien Faust oder dem Ellbogen zu verpassen.

Wie Jackie Chan fühle ich mich zwar nicht, aber Schmitt ist begeistert. „Man muss immer die Stärken stärken“, so der Sifu (Großmeister).

Seit 1989 macht Schmitt Kung-Fu. Der Sport hat sein Leben verändert: Die mentale Dimension, die der Kampfsport mit sich bringt, faszinierte den jungen Mann. Er holte das Abitur nach und beendete das Studium der Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität als Diplom-Psychologe.

Heute möchte er neben der psychologischen Arbeit der Kung-Fu-Lehrer sein, den er früher gern gehabt hätte. Er will das Beste aus seinen Schülern rausholen, um sie auf ein verantwortungsbewusstes und eigenständiges Leben vorzubereiten. Oder dabei zu begleiten: Schließlich ist sein ältester Schüler 63 Jahre alt „und total fit“.

Das Verantwortungsbewusstsein eines Lehrers, der seine Schüler zu Kampfmaschinen ausbildet, muss hoch sein. „Aggression ist unspezifische Energie“, so der Meister des Kung-Fu. „Es ist viel mehr eine Unruhe mit dem Label der Aggressivität.“ Er möchte Aggressionen stets mit Offenheit, Distanz und Höflichkeit entgegentreten. „Ein guter Trainer zeigt seinen Schülern den Weg. Gehen muss ihn aber jeder selber.“

Zum Abschluss zeigt Schmitt mir eine letzte Bewegung. Ein Bein greift hinter die Beine des Gegenübers, die Hände liegen auf seinen Schultern. Nur mit der Kraft und der Bewegung meiner Hüfte soll ich Sabine Hofer zu Fall bringen. Obwohl mir die Koordination schwer fällt, schaffe ich es, meine Gegnerin zu greifen und nur mit dem Schwung meiner Hüfte umzustoßen. Schon liegt sie vor mir.

„Die Tradition ist auch ein wichtiges Thema in vielen Kung-Fu Vereinen“, berichtet Trainer Schmitt. „Wir wollen der Tradition zwar im gewissen Sinne nachgehen, sie aber an den Europäer anpassen.“ In seiner ersten Kung-Fu-Stunde habe er drei Stunden in einer Position auf einer Stelle stehen müssen. Das würde er heute nicht mehr mit seinen Schülern machen.

Er will zeitgemäß den traditionellen Kung-Fu überdenken und seinen Schülern entweder in den Trainingsstunden oder über Youtube-Videos sein Wissen mitgeben.

Zufrieden gehe ich aus der Stunde raus. Zwar bin ich noch nicht zum Jackie Chan mutiert, laut Großmeister Schmitt kann das aber noch werden. Und ich spüre, warum Kung-Fu übersetzt heißt: „Etwas durch harte Arbeit Erlerntes“.

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