Hildegard und Antonius Schulze Grotthoff über den Beruf des Landwirt
Zu viel Gängelei und Bürokratie

Reckenfeld -

Hildegard und Antonius Schulze Grotthoff bewirtschaften einen Familienbetrieb mit langer Tradition. Sie sehen die Landwirtschaft zu Unrecht in ein schlechtes Licht gerückt und laden zum offenen Gespräch ein.

Freitag, 14.06.2019, 23:59 Uhr aktualisiert: 16.06.2019, 11:44 Uhr
Hildegard und Antonius Schulze Grotthoff
Hildegard und Antonius Schulze Grotthoff Foto: Oliver Hengst

Damit eins gleich klar ist: „Jammern – das ist nicht unser Ding“, sagt Hildegard Schulze Grotthoff. „Das ist immer noch ein schöner Beruf“, ergänzt ihr Mann Antonius. „Wir sind mit Leib und Seele Landwirte. Man lebt mitten in der und mit der Natur“, sagt er.

Aber mit dem idyllischen Bild des Landwirtes aus Bilderbüchern hat der heutige Beruf nichts mehr zu tun. Die Schulze Grotthoffs finden sich als Landwirte oft in der Rolle des Sündenbocks, des politischen Spielballs, gar des Hassobjektes wieder. Für die Öffentlichkeit seien sie oft die, die das Klima schädigen, die Bienen vertreiben und Raubbau an der Natur betreiben. Und das gefällt den Schulze Grotthoffs gar nicht.

Beide sind auf Höfen aufgewachsen. Sie ist studierte Agraringenieurin, er machte seinen Meister. Zusammen leben und arbeiten sie auf seinem elterlichen Hof in Herbern, dessen Geschichte sich bis ins Jahr 1350 zurück verfolgen lässt. Dass die nächste Generation (sie haben drei Söhne) den landwirtschaftlichen Betrieb übernimmt, ist schon ausgemacht.

Sie verdienen ihr Geld mit Ackerbau und Forstwirtschaft. Tierhaltung haben sie aus dem Repertoire gestrichen. Antonius Schulze Grotthoff führt das auch auf „Gängelei und Reglementierung“ zurück. Landwirte seien heute derart vielen Vorgaben, Gesetzen und Richtlinien ausgesetzt, dass es manchmal schlicht keinen Spaß mehr mache. Oft, das sagt er ganz offen, hätten die, die diese Vorgaben machten, keine Ahnung von der Materie. Ausbaden müssten es die Bauern. Und nicht immer fühlen sie sich vom eigenen Berufsverband gut vertreten.

Auch die überbordende Bürokratie ist ihnen ein Dorn im Auge. Beispiel Pflanzenschutz. Alle drei Jahre müsse er einen „Sachkundenachweis“ erbringen. Dann sitzt er stundenlang in Hövels Festhalle, hört Vorträge über Pflanzenschutzmittel und Geräte – erfährt aber im Grunde nichts Neues. Die Teilnahme kostet 40 Euro und einige Stunden. „Verlorene Zeit, die man da absitzen muss.“ Dagegen machen kann man nichts. Aber die Frage, wie sachkundig eigentlich die sind, die sich diese Pflichtveranstaltung ausgedacht haben, stellt er sich schon.

Dass die Schulze Grotthoffs ihren Beruf als zunehmend fremdbestimmt erleben, ist die eine Sache – dass er immer weniger rentabel ist, eine andere. Neue Vorschriften führten zum Beispiel dazu, dass sie die Sauenhaltung und Mast aufgaben. Zumindest erstmal. Früher durfte man eine Sau nach dem Abferkeln vier Wochen fixieren, so dass sich die Sau nicht aus Versehen auf die Ferkel legt und sie so tötet. Heute darf man das nicht mehr, muss zudem größere Boxen für die Haltung vorhalten. „Man müsste im Grunde neu bauen, den Stall umbauen ist nicht möglich“, sagte Hildegard Schulze Grotthoff. „Es wird ja alle fünf Jahre etwas Neues verlangt“, sagt die Bäuerin. Die nötigen Investitionen erreichten schnell sechs- bis siebenstellige Dimensionen. Ob sich das lohnt? Immer schwieriger abzuschätzen. Letztes Jahr gab es für Schweinefleisch sehr wenig Geld, aktuell gehe es wieder, weil China viel aufkaufe. „Aber will man auf dieser Grundlage kalkulieren?“, fragt sie. Eher nicht. Folge: Sie schafften die Tiere ab. Und weitere Betriebe werden wohl folgen. „Viele werden aufgeben und das holt man dann nicht zurück“, prognostiziert sie. „Es ist schade, dass die Stimmung so kippt.“

Womit wir beim nächsten großen Problem wären: dem Image. „Die Landwirte sollen für eine schöne Landschaft sorgen“, sagt sie. Und er ergänzt: „Und sie sollen bitteschön die Rohstoffe liefern – und das möglichst günstig.“ Fleisch, Getreide, Holz – alles müsse billig, billig sein, weil der Markt danach verlange. Könne ein deutscher Landwirt zu diesen Preisen nicht liefern, schaue er in die Röhre. Denn der Markt ist längst international. Irgendwer liefert schon zum Wunsch-Preis. Dass die Geiz-ist-geil-Mentalität vieler Verbraucher aber nicht kompatibel sei mit der idyllischen Landwirtschaft, die sich diese Menschen wünschten, machten sich viele nicht bewusst.

Im Gegenteil: Man müsse sich als Landwirt immer wieder erklären, rechtfertigen, gar anfeinden lassen. Zum Beispiel, wenn man Gülle aufs Feld fahre. „Bei Pferdemist sagt keiner was“, sagt die Landwirtin. Der gelte sogar als Öko-Dünger. „Aber Gülle ist böse.“ Dabei sei sie ein „toller Wertstoffdünger“. In der Öffentlichkeit werde es aber so wahrgenommen, als entsorgten die Landwirte Sondermüll auf den Feldern. Dabei sei das Gegenteil der Fall. Die Gülle lasse sich dank modernster Technik zudem sehr genau dosieren. Pro Quadratmeter im Schnitt 2,5 Liter. Und in den Gülletanks werde sehr genau erfasst, wieviel Stickstoff oder Phosphat enthalten sei – entsprechend werde die Dosierung angepasst. Für derartige Details interessiere sich aber leider kaum jemand. Für eine differenzierte Betrachtung lasse das allgemeine Geschimpfe über die Bauern keinen Platz. „Es gibt leider so viele Sachen, die sind nicht mehr erklärbar“, bedauern beide.

Apropos Schimpfen: Verunreinigt die Gülle nicht das Grundwasser? Auch da rät Antonius Schulze Grothoff dazu, genauer hinzusehen. Das Einzugsgebiet des Grevener Grundwassers umfasse rund 50 000 Hektar. An einer einzigen von dutzenden Messstellen in diesem riesigen Gebiet seien die Werte erhöht. Mit der Folge, dass das ganze Gebiet rot markiert ist. Das Wasser an ihrer eigenen Messstelle (im Wasserschutzgebiet) sei tadellos: unter 5 Milligramm Nitrat pro Liter. „Alles was drunter liegt, wird gar nicht mehr ausgewiesen. Wir liegen also im niedrigsten Bereich.“ Nur nehme auch das kaum jemand zur Kenntnis.

Beim Streben nach mehr Effektivität und Wirtschaftlichkeit sei die Landwirtschaft sicher auch hier und da übers Ziel hinaus geschossen, räumt Hildegard Schulze Grotthoff ein. Ihre Zunft sei einem permanenten Wandel unterworfen. Ein Wandel, den sie aber selbst aktiv gestalten wollen. „Wir haben eine fachlich fundierte Ausbildung genossen und lernen immer noch dazu“, betont Tonius Schulze Grotthoff.

Immer sei von Nachhaltigkeit die Rede. Die Bauern, klagt Antonius, würden permanent in die Pflicht genommen. Etwa beim Klimaschutz. „Wenn alle soviel Klimaschutz betreiben würden wie wir, müssten wir darüber gar nicht reden“, sagt er. Ihre Wälder und die Ackerpflanzen „speichern COohne Ende, wir produzieren den Sauerstoff, den jeder braucht“. Und der Dank? An den Feldrändern „alle zwei Meter ein Coffee-to-go-Becher“ und im Wald jede Menge illegal abgeladener Müll. „Das entspricht nicht unserer Vorstellung von Nachhaltigkeit“, sagt der Landwirt. Über die Bauern schimpfen, aber selbst Kiesgärten anlegen, Waren aus aller Welt bestellen (und zurückschicken), Produkte mit Palmöl kaufen, aber nicht verstehen, warum in Sumatra die Wälder abgeholzt werden – die Liste könnten die Schulze Grotthoffs fortsetzten. In ihrem eigenen Garten legen sie im Übrigen großen Wert auf ein Insekten- und vogelfreundliches Umfeld. Ein großes Summen und Zwitschern zeugt davon, dass das angenommen wird.

Sie raten: Jeder solle sich an die eigene Nase fassen – und den offenen und ehrlichen Dialog mit den Landwirten suchen. Hildegard und Antonius Schulze Grotthoff sind dazu bereit.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6689841?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F168%2F
Roller-Flotte wächst: 150 neue E-Scooter für Münster
E-Scooter gehören in Münster seit einem Monat zum Stadtbild. Es wird erwartet, dass ihre Zahl noch deutlich steigt.
Nachrichten-Ticker