Lyrikerin Lina Atfah über die Unterschiede zwischen deutscher und arabischer Literatur
„Mein Text braucht diese Wörter“

Greven -

Lina Atfah stamm aus Salamiyah in Syrien. Sie hat Literatur studiert und auf arabisch Gedichte und Erzählungen veröffentlicht. Seit ihrer Flucht lebt sie mit ihrem Mann in Wanne-Eikel. An diesem Wochenende begleitet Atfah den Frauenliteraturtag im Begegnungszentrum Hansaviertel, in dem Frauen aus verschiedenen Kulturen über ihre Erfahrungen schreiben.

Freitag, 09.08.2019, 20:50 Uhr aktualisiert: 13.08.2019, 20:45 Uhr
Lina Atfah und ihr Mann Osman Yousufi im Begegnungszentrum im Hansaviertel. Sie ist Lyrikerin, er hat Physik in Syrien studiert. Beide beteiligen sich an dem Programm „Weiter Schreiben“, das geflüchtete Autoren unterstützt, ihre Arbeit fortzuführen.
Lina Atfah und ihr Mann Osman Yousufi im Begegnungszentrum im Hansaviertel. Sie ist Lyrikerin, er hat Physik in Syrien studiert. Beide beteiligen sich an dem Programm „Weiter Schreiben“, das geflüchtete Autoren unterstützt, ihre Arbeit fortzuführen. Foto: Günter Benning

Mit der Syrerin sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning

Sie haben in Syrien Literatur studiert und hier mit dem Schreiben weitergemacht. Wie unterscheidet sich arabische und deutsche Literatur?

Atfah : Ich habe mal an einem Übersetzungsworkshop teilgenommen: „Die Poesie unserer Nachbarn“. Es waren sechs Syrer und sechs Deutsche dabei. Dabei habe ich verstanden, was der Unterschied in der Literatur ist. Die arabischen Schriftsteller arbeiten mit vielen Metaphern, Bildern und Emotionen. Sie schreiben indirekt. Die Deutschen sind sehr intensiv, direkt und scharf.

Zum Beispiel?

Atfah: Wir müssen immer etwas wiederholen. Die Deutschen fragen immer, warum müsst ihr das wiederholen? Für uns klingt das schön, wenn es auch inhaltlich auf Deutsch keinen Sinn macht. Uns kommt es auf die Melodie des Textes an. Ich kann ein Beispiel nicht vergessen, da habe ich gesagt: Ich lecke mit meiner Zunge. Die Deutschen haben gefragt, warum Zunge? Ist doch klar, dass es die Zunge ist.

Also könnte man einfach auf die Zunge in diesem Satz verzichten? Und man würde ihn trotzdem verstehen.

Atfah: Ja, das finden die deutschen Kollegen. Aber mein Text auf arabisch braucht diese Wörter.

Also, wenn jemand auf deutsch schreibt „Ich lecke“, dann würden sie vermutlich auf arabisch übersetzen „Ich lecke mit meiner Zunge“?

Atfah: Nein, nicht unbedingt. In meinem Gedicht brauche ich diese Wörter, in anderen Texten brauche ich sie nicht. Aber die Deutschen finden sie allgemein überflüssig.

Das macht es aber schwierig, sich im Alltag zu verstehen?

Atfah: Nein, ich verstehe sie. Die Deutschen sind Arbeiter-Menschen, sehr aktiv, sie haben eine andere Philosophie als wir. Und die benutzen sie in ihren Texten.

Auch beim Vorlesen kann man den Unterschied sehen, haben Sie vorhin gesagt. Wieso?

Atfah: Ich lese meine Texte mit viel Emotionen, mit Körpersprache, mit dem Herzen. Die deutschen Dichter und Dichterinnen lesen sehr nüchtern. Sie haben eben so eine Tradition, das ist modern. Sie denken, man muss ohne Emotionen vortragen. Aber auf Arabisch geht es nicht ohne Emotionen.

Denken denn umgekehrt die Araber, dass Deutsche vielleicht gar keine Emotionen haben?

Atfah: Man hört solche Kommentare, natürlich. Auf der Bühne wird der Unterschied sehr klar. Eine Autorin hat es so beschrieben: Der deutsche Autor muss gestorben sein, nein, muss abwesend wirken. Er dürfe den Text nicht beeinflussen durch seine Gestik. In der arabischen Tradition ist es immer noch wie im Theater. Wenn man nicht aktiv und sehr kalt ist, mag das Publikum das nicht.

Was sind Ihre Vorbilder?

Atfah: Zum Beispiel Nizar Qabbani (syrischer Dichter und Diplomat in London). Er hat mit dem Publikum gesprochen, so dass jeder einzelne das Gefühl hatte, Quabbani spricht nur für ihn. Er war wirklich intelligent.

Wir haben in der Zeitung zweimal syrische Frauen die Geschichte ihrer Flucht erzählen lassen. Das war kompliziert, man musste viel über die Texte diskutieren...

Atfah: Warum?

Sie steckten voller Emotionen, waren blumig, es fehlten Fakten. Wir hatten das Gefühl, unsere Leser würden sie unsachlich finden. Da mussten wir uns gegenseitig annähern. Verstehen Sie den Konflikt?

Atfah: Das verstehe ich. Eine Schriftstellerin hat mir zu einem Text gesagt, das sei zu süß, es sei Kitsch. Manche Leute fragen mich, ob ich über die Flucht schreiben kann. Ich bin über Beirut gekommen, ich habe nichts Gefährliches unterwegs nach Deutschland erlebt. Meine Familie hat anderes erlebt. Ich kann aber nur über meine eigenen Gefühle schreiben. 

In meinen Gedichten bin ich aber nicht so "egoistisch". Ich schreibe auch über andere und erzähle ihre Geschichten. In meinem ersten ins Deutsche übersetzten Text "Am Rande der Rettung" versuchte ich, die syrische Tragödie zu dokumentieren, die Flucht, die Tyrannei, den Krieg. Ich habe nicht alles persönlich erlebt, aber ich habe viel gesehen und gehört.

Wie sollte man arabische Texte denn dann übersetzen?

Atfah: Nicht so, wie deutsche Leser das erwarten. Sondern so, wie wir sie schreiben. Da gibt es Unterschiede und die Leute sollten das auch sehen.

Gibt es einen Markt für arabische Literatur in Deutschland?

Atfah: Natürlich.  Die Deutschen haben eine sehr intensive Beziehung zu Büchern. Sie lesen gerne, sie sind neugierig auf die Neuankömmlinge. Darum rückt die syrische und irakische Literatur gegenwärtig in den Fokus. Das kann auch nur eine temporäre Welle sein, die bald enden könnte. In Leipzig habe ich sechs Lesungen gemacht. Alle waren rappelvoll. Und die Leute haben gelacht und geweint.

Für die arabische Literatur kann man allgemein sagen, dass sie nach der Phase der Kolonisation unter den politischen Diktaturen litt und schlecht war. Arabische Literatur wird heute oft ignoriert und nur diejenigen Werke, die die Erwartungen der Leser anderer Sprachen bestätigen, werden übersetzt. Es ist schwer, literarisch sichtbar zu sein, wenn man menschlich unsichtbar ist.

Zum Thema

Wie entstand dieses Interview? Dem ein und anderen mag es sehr deutsch und wenig arabisch klingen. Wir haben es auf Deutsch geführt. Lina Atfah, die noch an ihrem B2-Deutschkurs arbeitet, wurde von ihrem Mann Osman Yousufi unterstützt, der schon länger in Deutschland ist und sich auf seine Lehrerprüfung vorbereitet, um Physik zu unterrichten. Der Text wurde dann von der Lyrikerin autorisiert, die am morgigen Sonntag, 11. August, um 11 Uhr in der Stadtbibliothek liest.

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