Eingewanderte Insekten treffen auf die heimische Tierwelt
Der Spatz mag es gerne asiatisch

Lüdinghausen -

Ob die „Südliche Eichenschrecke“, die amerikanische Kiefernwanze oder der Buchsbaumzünsler – sie alle gehören zu den Tierarten, die aus ihren ursprünglichen Verbreitungsgebieten ins Münsterland eingewandert sind. Meist dank der unfreiwilligen Hilfe durch den Menschen.

Montag, 12.08.2019, 19:00 Uhr aktualisiert: 13.08.2019, 14:48 Uhr

Schon mal das Wichtigste vorab: Sie beißt nicht, sticht nicht, hat keine Brennhaare und überträgt auch keine Krankheiten. Damit dürfte sich die aus wärmeren Gefilden eingewanderte „Südliche Eichenschrecke“ in der hiesigen Bevölkerung sicher größerer Beliebtheit erfreuen, als andere zugewanderte Tierarten, wie sagen wir mal der Eichenprozessionsspinner. Wobei „eingewandert“ ist dabei vielleicht der falsche Ausdruck.

Die mediterrane Verwandte der einheimischen „Gemeinen Eichenschrecke“ lässt sich nämlich lieber in ihre neuen Verbreitungsgebiete chauffieren – als blinder Passagier an der Pkw-Karosserie. „Die Schrecke ist in der Lage, Fahrten mit bis zu 140 Stundenkilometern zu überstehen“, erklärt Dr. Rolf Brocksieper . Der Biologe hat die blassgrüne Schrecke just in seinem eigenen Garten für die WN abgelichtet. Für ihn steht das filigrane Insekt mit den langen Fühlern beispielhaft für viele andere sogenannte Neobiota, die in Folge der Klimaveränderung bei uns auftauchen.

In der Natur gibt es nun mal keinen Stillstand.

Dr. Rolf Brocksieper

„Solche Wanderungen sind grundsätzlich zunächst einmal in der Natur völlig normal“, ordnet er den Vorgang ein. Schon immer hätten sich Fauna und Flora klimatischen Veränderungen angepasst. „In der Natur gibt es nun mal keinen Stillstand“, weiß der Vorsitzende des Trägervereins des Biologischen Zentrums. Allerdings habe der stetig wachsende globale Handel als eine Art weltweiter Beschleuniger gewirkt. So sei zum Beispiel die amerikanische Kieferwanze, die nach dem heißen Sommer 2018 vermehrt in deutschen Wohnungen für Ärger gesorgt hatte, mit Deko-Kiefer-Material über den großen Teich zu uns gekommen.

„Ob wir das nun gut finden oder nicht, wir müssen lernen, mit diesen Veränderungen zu leben.“ So wie man früher als Kind gelernt habe, dass der Kontakt mit Brennnesseln äußerst schmerzhaft sein kann, genauso müsse man sich nun auch mit den neuen Tier- und Pflanzenarten arrangieren. „Wir werden den Eichenprozessionsspinner nicht mehr los werden, so gerne wir das vielleicht auch möchten“, ist Brock­sieper überzeugt. Dafür habe sich dieser längst viel zu stark ausgebreitet.

Nichtsdestotrotz macht der Fachmann in Sachen unangenehmer Neubewohner auch Hoffnung. „In der Natur gibt es auf solche Veränderungen immer auch eine Gegenbewegung, die dann als Regulativ dienen kann. Wenn sich beispielsweise die Fressfeinde stark vermehren oder die neue Nahrungsquelle erstmal für sich entdecken müssen.“

Damit würden wir auch andere Arten treffen, das kann keiner wollen.

Dr. Rolf Brocksieper

Beispiel Buchsbaumzünsler: Der Haussperling – liebevoll hierzulande auch „Spatz“ genannt – hat die Raupen des aus Asien eingewanderten Falters nach anfänglicher Skepsis mittlerweile als eiweißreiche Nahrungsquelle erkannt und säubert zur Freude vieler Gärtner ganze Buchsbaumhecken von dem gefürchteten Schädling.

Ein Prinzip ganz ähnlich der jüngsten Initiative der Stadtverwaltung, mit dem vermehrten Aufhängen von Nistkästen die Population der heimischen Meisen anzukurbeln, auf deren Speiseplan wiederum der Prozessionsspinner steht (WN berichteten). Ausrotten lasse sich dieser damit zwar nicht, aber zumindest eindämmen, prognostiziert Brocksieper. Und das sei immer noch besser, als die chemische Keule zu schwingen. „Damit würden wir auch andere Arten treffen, das kann keiner wollen.“

Neobiota

Als Neobiota (aus dem Griechischen néos „neu“ und bíos „Leben“) bezeichnet man Arten, die sich ohne oder mit menschlicher Einflussnahme in einem Gebiet etablieren, in dem sie zuvor nicht heimisch waren. Neobiotische Tiere nennt man Neozoen, neobiotische Pflanzen werden als Neophyten bezeichnet. Zu den wichtigsten Transportmitteln für Neobiota gehört heute der weltweite Güterverkehr, der die unbeabsichtigte Verschleppung ermöglicht. 

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