Musikschulleiter Wolfgang Bernhardt geht Ende des Monats in den Ruhestand
Radikale Veränderungen

Greven -

Wolfgang Bernhardt war fast 19 Jahre lang Leiter der Musikschule Greven / Emsdetten / Saerbeck. Jetzt geht er zum Monatsende in den Ruhestand. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Samstag, 31.08.2019, 15:22 Uhr aktualisiert: 31.08.2019, 15:30 Uhr
Wolfgang Bernhardt geht nach fast 20 Jahren Musikschulleitung Ende des Monats in die Rente.
Wolfgang Bernhardt geht nach fast 20 Jahren Musikschulleitung Ende des Monats in die Rente. Foto: Günter Benning

Wie hat sich die Musikschul-Szene entwickelt?

Bernhardt : Es hat eine für uns radikale Veränderung gegeben. Das begann mit den Gesamtschulen, die ihren Unterricht auf den Nachmittag ausweiteten. Dann kam die OGS, die offenen Ganztagsschule in den Grundschulen hinzu. Die Gymnasien unterrichten heute alle am Nachmittag, ob sie Ganztagsschule sind oder nicht. Das war für die Musikschule ein Rieseneinschnitt, weil wir damit unsere Arbeitszeiten komplett ad Acta legen konnten. Früher kamen die Kids ab 14 Uhr zu uns, wir unterrichteten bis 18 Uhr, dann gingen wir nach hause. Heute kommen die Schüler frühestens ab 16, 16.30 Uhr. Das heißt, es mussten Entscheidungen getroffen werden, wie wir trotzdem unterrichten konnten. Das ging nur über Kooperationen.

Also die Zusammenarbeit mit den anderen Schulen?

Bernhardt: Das wichtigste Projekt war Jeki, jedem Kind ein Instrument. Da gehörten wir zu den ersten Schulen des Landes, die außerhalb des Ruhrgebietes einen Modellversuch starteten. Wir hatten sehr viele Freiheiten, was uns zugute kam. Seit 2015 sind wir bei JeKits dabei, das ist das Nachfolgemodell.

Was heißt das?

Bernhardt: Jedem Kind Instrument, Tanz und Stimme.

Das heißt, die Musikschule wurde in die Regelschule reingeholt?

Bernhardt: Ja, das ist auch aus meiner Sicht notwendig, das muss ausgebaut werden. Wir sind in guten Kooperationen, wir machen „Musik plus“, unterstützen die Bläserklassen der Gesamtschule, wir arbeiten mit dem Kolpingblasorchester in Emsdetten zusammen, da liegt wir die Bläserausbildung in unserer Hand. Wir geben elementaren Musikunterricht in zwei Kindertagesstätten, das ist ganz neu. Das soll mehr werden. Und wir sind auch in der Förderschule an der Ems mit einem Projekt aktiv.

Musikunterricht ist ja früher ein Privileg der etwas besser Gestellten gewesen. Wer Geige spielt, muss erst mal eine Geige haben. Ist das noch so?

Bernhardt: Leider ist das zum Teil noch so. Aber durch Jeki und JeKits fangen wir es zum Teil auf und erreichen auch Kinder, die sonst nicht in dem Musikgeschäft mitmachen würden. Fakt ist, dass Musikschulunterricht in Deutschland immer noch recht teuer ist. Unterricht ist an allen Musikschulen gebührenpflichtig, wobei wir da noch im Mittelbereich unterwegs sind. Zusätzlich haben wir die Sozialbefreiung, die ganz wichtig ist, sonst würden wir manche Kinder überhaupt nicht erreichen.

Was sind die Bedingungen?

Bernhardt: Wer Wohngeld berechtigt ist, ist bei Jeki und JeKits befreit. Im Kernbereich der Musikschule war es immer schon so, dass jeder, der „Hartz IV“ erhält, befreit ist. Ausnahme: Sie müssen die Mittel des Bildungsgutscheins zur Teilhabe an sportlichen und kulturellen Leistungen der Musikschule überlassen.

Wie hat sich die Nachfrage entwickelt?

Bernhardt: In den letzten Jahren massiv nach oben. 50 Prozent mehr Schüler, bei gleichbleibender Lehrerzahl. Das ist auch eine klare Aussage, was die Belastung der Lehrer angeht. Der Unterricht ist deutlich verdichtet worden, wir arbeiten mit großen Gruppen. Wir haben in Emsdetten eine Schule, wo wir für alle Kinder ein Trommelprojekt durchführen – das ist die Zukunft.

Bedeutet das für die Lehrer eine große Umstellung?

Bernhardt: Ja, aber Musikschulen sind sowieso anders strukturiert als normale Schulen. Unser Gesetz heißt einfach: Keine Schüler, kein Geld. Wer nicht erfolgreich ist, ist arbeitslos.

Wenn man die Regelschule ganzheitlich betrachtet, die ja auch der musischen Erziehung dient, dann hat sich für Sie doch ein interessantes Arbeitsfeld aufgetan?

Bernhardt: Wir sind ein Land, wo Kultur und kulturelles Denken zu den größten Schätzen gehören. Damit gehen wir grob fahrlässig um. Gerade in den letzten Jahren ist MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) das Zauberwort oft zu Lasten der kulturellen Bildung. Sogar die Industrie bemängelt das, denn Kreativität wird einem ja nicht in die Wiege gelegt, sondern muss gepflegt und entwickelt werden. Sonst verkümmert sie.

Wir haben heute in vielen Schulen sehr viele Kinder mit Migrationshintergrund. Wie macht sich das bemerkbar?

Bernhardt: Wir führen alleine vier Flüchtlingsprojekte durch. Da geht es um die Förderschulen, die Marien Hauptschule in Emsdetten und die Martini-Grundschule. In der Martini-Grundschule machen wir ein Sprachprojekt mit Flüchtlingskindern – Migration pur. In der Marien Hauptschule in Emsdetten läuft ein sehr gut angenommenes Percussion-Projekt. Die Kinder bringen ein unglaubliches Rhythmik-Gefühl mit. Das stellt alles in den Schatten, was es in der europäischen Kultur so gibt. Viele Kids sind dermaßen fit, das macht enorm viel Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Das trotz all der Verhaltensauffälligkeiten, die man bei traumatisierten Kindern erwarten kann. Musikalisch haben die ein tolles Potenzial. Sie können auch tanzen und singen. Toll! Das bringen sie von zu Hause mit.

Da ist Musik ja ein Instrument der Integration. Und der Heilung?

Bernhardt: Musik ist Manna für die Seele.

Nicht nur bei Klangschalentherapie?

Bernhardt: Nein, ich kenne das selber nach einem tollen Konzert, da möchte ich dann mindestens 10 Minuten meine Ruhe haben. Da schwebe ich einfach, da erlebe ich eine ganz starke Grundzufriedenheit. Dieses Gefühl ist wunderbar.

Was geben Sie ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg?

Bernhardt: Ich gebe ihr nichts mit. Aber ich kann ihr sagen, was sie vorfindet: Tolle Kollegen und Kommunen, die die Musikschule mittragen. Die sind uns gegenüber sehr positiv eingestellt. Die Raumfragen in Greven sind gut geklärt, in Emsdetten wünschen wir uns mehr. Insgesamt bedarf es einer geschlossenen Kulturpolitik in den Kommunen.

Sie hängen jetzt nach ihrer Pensionierung ihre Oboe nicht an den Nagel?

Bernhardt: Ganz im Gegenteil. Jetzt wird wieder geübt, mal gucken, was noch geht.

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