Reinhard Schewe erfuhr in der Ukraine vom Mauerfall / „Ossiparty“ am 9. November
Neustart in der Schillerstraße

Reckenfeld -

30 Jahre Mauerfall, da werden Erinnerungen wach. So auch bei Reinhard Schewe, den es recht schnell nach dem Mauerfall nach Reckenfeld verschlagen hat. Schewe hilft bei der „Ossiparty“ mit, die am 9. November stattfindet.

Mittwoch, 11.09.2019, 09:04 Uhr aktualisiert: 11.09.2019, 09:30 Uhr
Reinhard Schewe zeigt in seinem Garten ein Foto, auf dem er mit Frank Weigel zu sehen ist. Schewe hilft bei der „Ossiparty“ mit, die am 9. November stattfindet.
Reinhard Schewe zeigt in seinem Garten ein Foto, auf dem er mit Frank Weigel zu sehen ist. Schewe hilft bei der „Ossiparty“ mit, die am 9. November stattfindet. Foto: ros

Der gebürtige Magdeburger, der in Burg/Hohenwarte aufwuchs, erfuhr von den Aufständen und dem Mauerfall zeitverzögert in der Ukraine. „Drei Jahre habe ich dort auf einer Baustelle, für die die DDR einen Bauabschnitt fertig stellen sollte, gearbeitet.“ Sein Job war es, die Baumaschinen instand zu halten. Kontakt nach Hause gab es nur per Post. Kollegen, die vom Heimaturlaub in der DDR zurückkamen, erzählten, dass es dort ordentlich brodelt. Zu dem Zeitpunkt rechnete jedoch niemand damit, dass die Mauer fallen würde. „Wir waren alle gespannt und haben alle Informationen aufgesaugt.“

Eine Genehmigung für den Arbeitseinsatz in der Ukraine zu bekommen, war schwierig. „Den hatte ich gestellt, weil man dort gut arbeiten und verdienen konnte. Doch eine Antwort kam lange nicht. Dann er-hielt ich eine Einladung zur Hochzeit meiner Cousine im Westen. Mir war schon klar, dass der Antrag für diese Reise in den Westen abgelehnt würde. Ich versuchte es aber trotzdem.“ So war es auch – und Reinhard Schewe , eigentlich ein geduldiger Mensch, platze der Kragen, als er immer noch keine Antwort auf die Ukraineanfrage erhielt. „Ich habe dann bei der Behörde richtig Dampf abgelassen und gesagt: Ich kann nicht in den Osten, ich kann nicht in den Westen. Das war 1986 und als ich da rausging, dachte ich nur: Gleich werde ich verhaftet.“ Doch das Gegenteil passierte. „Eine Woche später bekam ich die Auslandsarbeitserlaubnis.“ Die Zeit dort hat er als schöne Erfahrung in Erinnerung. Die Verpflegung, das Leben, die Kameradschaft waren gut. „Wir hatten es da besser als in der DDR.“

Vom Mauerfall erfuhren er und seine Kollegen erst einen Tag später. Der Zufall wollte es, dass sein nächster Heimaturlaub Ende November 1989 anstand und er dann über Berlin Schönefeld zurückflog. Direkt vom Flughafen aus ging es ins erst ins Hotel und dann gleich in den Westen. „Ich fuhr da allerdings mit gemischten Gefühlen rüber, denn ich wusste ja nicht, ob ich wieder zurück kann. Eigentlich konnte man es fast nicht glauben, dass man einfach so reisen kann und nicht nur ich dachte – hoffentlich gibt da keiner einen Schießbefehl raus.“

Klar, dass er gleich sein Begrüßungsgeld abholte und sich erst einmal umschaute. Die Menschen im Westen waren alle freundlich. Es herrschte eine große Euphorie. „Da wir im Bereich Magdeburg ja schon immer heimlich Westfernsehen geschaut haben, wusste ich natürlich so einiges. Doch alles in echt zu sehen und die vielen Eindrücke, das hat mich doch erschlagen.“

Während seines 14-tägigen Urlaubs stand die Frage an: Gehe ich wieder in den Osten zum Arbeiten oder stelle ich einen Ausreiseantrag. Schewe entschied sich für einen Neustart im Westen. „Innerhalb von 14 Tagen wurde mein Antrag auf Ausreise in den Westen genehmigt und ich musste inner-halb von drei Tagen die DDR verlassen. Mich hielt hier nichts. Ich wohnte in einer Plattenwohnung, damals die besten Wohnungen die es gab, also ließ ich erst Frau und Kind zurück und fuhr nach Reckenfeld.“ Dort wohnt sein Halbbruder, bei dem er erst einmal unterkam.

Reinhard Schewe ist ein „Stehaufmännchen“. Anfang Januar stellte er sich bei Schlick in Reckenfeld vor und bekam gleich einen Arbeitsvertrag. Nicht nur das, man bot ihm auch eine Wohnmöglichkeit in einem alten Haus an der Schillerstraße, das Schlick gerade angekauft hatte, an. Die Familie wurde nachgeholt und zwei Jahre später stand bereits das Eigenheim am Drosselweg, in dem sehr viel an Eigenleistung steckt.

Reinhard Schewe war im Laufe der Jahre weltweit auf Montage unterwegs und noch heute bei Agtos (Schlick-Ableger nach Firmenverkauf) unterwegs.

Mitte der 90er Jahre wollte er sich im Ort mehr integrieren, trat in die Re-Ka-Ge ein. „Ich liebte schon immer den Karneval und fühlte mich da gleich wohl.“

Dort war er ein paar Jahre aktiv, doch nach einer familiären Veränderungsphase pausierte er erst einmal. Doch 2004 gab es den Neustart beim Karnevalsverein. „Ich stieg als Reckenfelder Karnevalsprinz wieder in die Re-Ka-Ge ein. An meiner Seite meine niederländische Lebensgefährtin Antje.“ Der begeisterte Karnevalist bringt sich bei den Ex-Prinzen als Obmann ein und organisiert den Zusammenhalt. Beim Bühnen- und Wagenbau und überall, wo er helfen kann, ist er dabei.

Und da er gerne feiert, und seine Partnerin Antje Röhring ebenfalls, bringt er sich auch bei der „Ossiparty“ am 9. November (Deutsches Haus) mit ein. „Wir haben vor neun Jahren so eine Party privat bei uns im Garten gefeiert mit fast 100 Leuten. Es gab ein kleines Ostmuseum, typisches Essen und natürlich die große Passkontrolle mit Reinhard in Originaluniform am Schlagbaum.“ Der leidenschaftliche Bastler Reinhard Schewe wird es sich nicht nehmen lassen, für die Party einen Schlagbaum, an dem er dann die Pässe kontrollieren wird, zu bauen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6916544?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F168%2F
Klassenausflug zum Klimastreik ist nur die Ausnahme
Besonders die Schülerinnen und Schüler kamen am Freitag mit zahlreichen kreativen, selbst gemalten Transparenten zum Klimastreik auf den Prinzipalmarkt.
Nachrichten-Ticker