Arbeitsbedingungen im Seniorenheim
Mitarbeiter des Gertrudenstifts: „Wir sind alle am Limit“

Greven -

Die Mitarbeiter des Seniorenheims Gertrudenstift sind mit ihrer aktuellen Situation unzufrieden. Sie beklagen nach der Übernahme des Stiftes durch die „St. Augustinus-Altenzentrums GmbH“ Nordwalde eine enorm zunehmende Arbeitsbelastung und dadurch Defizite in der Pflege der Bewohner.

Donnerstag, 12.09.2019, 09:10 Uhr aktualisiert: 12.09.2019, 12:23 Uhr
Das Alten- und Pflegeheim Gertrudenstift an der Fredenstiege verfügt über 64 Einzelzimmer und acht Doppelzimmer. Es gehörte früher zusammen mit dem Grevener Krankenhaus zur CKT, wurde nach der Insolvenz der CKT vom „St. Augustinus-Altenzentrums GmbH“ Nordwalde übernommen
Das Alten- und Pflegeheim Gertrudenstift an der Fredenstiege verfügt über 64 Einzelzimmer und acht Doppelzimmer. Es gehörte früher zusammen mit dem Grevener Krankenhaus zur CKT, wurde nach der Insolvenz der CKT vom „St. Augustinus-Altenzentrums GmbH“ Nordwalde übernommen Foto: Peter Beckmann

Auf den Punkt bringen – das ist manchmal nicht so einfach. In diesem Fall hat es eine der Mitarbeiterinnen des Gertudenstiftes mit einem Zitat versucht. „Das Gertrudenstift wurde auf den Kopf gestellt, die Seele herausgeschüttet und wurde dann wieder hingestellt.“ Hört sich hart an, für die Mitarbeiter ist es das auch, sagen sie.

Doch von vorne. In der Redaktion sitzen mehrere Mitarbeiter des Gertrudenstiftes und klagen ihr Leid. „Wir sehen es als letzte Möglichkeit, in die Öffentlichkeit zu gehen“, sagt eine Frau. Sie alle möchten namentlich nicht erscheinen, haben Angst um ihre Jobs. Wobei: Pflegekräfte finden doch überall eine Stelle? „Ja sicher“, so die Antwort. „Wir arbeiten hier im Haus aber mit Menschen. Und die wollen wir nicht im Stich lassen.“

Was konkret haben sie zu bemängeln? „Wir hatten hier vor der Übernahme ein Seniorenheim mit einem sehr guten Ruf“, erklärt eine andere Mitarbeiterin. Die Zusammenarbeit habe sehr gut funktioniert, jeder habe gewusst, was zu tun sei. „Wir hatten eingespielte Teams, die Arbeit machte Spaß.“ Aber: Der Ruf des Gertrudenstiftes sei mittlerweile bei weitem nicht mehr gut.

„Auch unsere Bewohner leiden darunter“

Nach der Übernahme des Gertrudenstiftes und des Hauses Marienfried im Jahr 2017 durch die „St. Augustinus-Altenzentrums GmbH“ Nordwalde habe sich alles geändert. In einem Pressegespräch im Vorfeld hatte Frank Lünschen , Geschäftsführer der GmbH, erklärt, dass man auch auf die Wirtschaftlichkeit der Häuser schauen und Strukturen anpassen müsse.

Im Mittelpunkt der Kritik der Belegschaft steht eben dieser Geschäftsführer Frank Lünschen. Ihm werfen die Mitarbeiter vor, dass er durch planlose Umstrukturierungen, die mit einer finanziellen Konsolidierung des Hauses begründet worden seien, für unhaltbare Zustände in der Pflege gesorgt habe. „Und das geht nicht nur auf unsere Kosten, auch unsere Bewohner leiden darunter.“

Lange Klageliste

Die Liste der konkreten Klagen ist lang. Von „Bossing“ ist die Rede. „Viele unserer Kollegen wurden in Einzelgesprächen von Herrn Lünschen herunter gemacht, er arbeitet da mit Angst und Druck.“ Langjährige und damit teure Mitarbeiter seien gemobbt worden, um diese loszuwerden. Das Personal im Haus werde falsch eingesetzt. „Service-Kräfte werden in der Pflege eingesetzt, Betreuungskräfte müssen regelmäßig im Service helfen, obwohl das nur in absoluten Ausnahmefällen erlaubt ist.“ Ein Ergebnis sei, dass die Betreuungskräfte kaum noch Zeit hätten, ihren eigentlichen Aufgaben nachzugehen. „Die bettlägerigen Bewohner vegetieren vor sich hin, weil die Betreuungskräfte kaum Zeit haben, sich zu kümmern.“

Seit der Übernahme habe es sehr, sehr viele Kündigungen gegeben. „Der Krankenstand ist sehr hoch, viele leiden unter psychosomatischen Erkrankungen“, erklären die Frauen. Ständig gebe es an freien Tagen, im Urlaub und sogar während der Krankschreibung Anrufe mit der Aufforderung, einzuspringen, da nicht genügend Arbeitskräfte vorhanden seien.

Letztendlich seien viele Mitarbeiter am Limit, die Bewohner nicht mehr gut versorgt. „Gerade bei dementen Patienten ist eine Bezugsperson wichtig, ständig wechselndes Personal dagegen ist Gift.“ Zeit für einen Plausch habe kaum noch jemand. Die Mitarbeiter werfen Lünschen vor, völlig ohne Empathie Entscheidungen zu treffen, die finanziell begründet seien, aber nicht immer gut für die Bewohner. „Es wurden viele Einschränkungen beschlossen mit der Auswirkung, dass die Bewohner immer weniger als Individuum versorgt und behandelt werden.“

All das bestätigt auch eine Angehörige, deren Mutter schon mehrere Jahre Bewohnerin des Seniorenheims ist. „Das Personal gibt sich große Mühe, ist liebevoll und herzlich“, sagt die Frau, die ebenfalls namentlich nicht genannt werden möchte, aus Angst vor Nachteilen für ihre demente Mutter. Die habe nach der Umstrukturierung eine regelrechte Depression entwickelt. „Die bekannten Gesichter waren nicht mehr da, niemand hatte mehr Zeit, sich um sie zu kümmern“, erzählt die Frau. Die immer wechselnden Gesichter täten ihrer Mutter sichtlich nicht gut. „Und bei all dem merkt man dem Personal an, wie stark es unter Druck steht.“

„Wir fühlen uns allein gelassen und hilflos“

Mitarbeiter des Hauses hatten die Heimaufsicht, den Medizinischen Dienst der Krankenkassen, die Kirchengemeinden und sogar das Bistum angeschrieben. „Die sind entweder kurz durchs Haus gegangen und das war es dann, oder sie erklärten sich nicht für zuständig“, erklärt eine der Frauen und hat die Tränen in den Augen. „Wir fühlen uns allein gelassen und hilflos, so kann das nicht weiter gehen.“ Und deshalb habe man sich an die Öffentlichkeit gewandt.

Geschäftsführer kündigt Pressegespräch an

Und was sagt Geschäftsführer Frank Lünschen zu den Vorwürfen? „Ich kann die Sorgen und Nöte der Mitarbeiter verstehen“, sagte er auf Anfrage dieser Zeitung. Aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt könne man zu dieser komplexen Gemengelage keine Aussage machen. „Das wäre jetzt wenig hilfreich, dazu benötigt man Zeit“, sagte Lünschen und verspricht ein Pressegespräch in der kommenden Woche im Beisein der Aufsichtsratsvorsitzenden Marianne Bartsch-Tegtbauer.

Lünschen musste sich übrigens schon im Jahr 2015 mit einem anonymen Schreiben auseinander setzen. Darin wurde dem Geschäftsführer des Augustinushauses in Nordwalde die Verantwortung für mangelnde Hygiene im Küchenbereich und eine schlechte Mitarbeiterführung vorgeworfen. Bei anschließenden Prüfungen durch den Kreis und den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) wurde jedoch nichts Auffälliges festgestellt.

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