Lesung mit Sascha Bisley: Vom Gewalttäter zum Geläuterten
„Der Knast ist eine harte Schule“

Reckenfeld -

Sie wird oft zitiert, aber am Freitagabend hat man sie wirklich spüren können, die sprichwörtliche Stille. Hätte jemand eine Stecknadel im Deutschen Haus in Reckenfeld fallen gelassen, jeder hätte sie bemerkt.

Sonntag, 22.09.2019, 16:17 Uhr aktualisiert: 26.09.2019, 10:20 Uhr
Sascha Bisley hat über seine Erlebnisse ein Buch geschrieben, aus dem er am Freitag in Reckenfeld vorlas. Lore Hauschild und Ernst Reiling vom Reckenfelder Treff hatten ihn eingeladen.
Sascha Bisley hat über seine Erlebnisse ein Buch geschrieben, aus dem er am Freitag in Reckenfeld vorlas. Lore Hauschild und Ernst Reiling vom Reckenfelder Treff hatten ihn eingeladen. Foto: Luca Pals

Es war die eine Seite seiner Lesung: eine nahezu greifbare Stille legte sich über den Raum, die zahlreichen Zuhörer hingen wie gebannt an den Lippen von Sascha Bisley . Dieser las aus seinem Buch „Zurück aus der Hölle“ vor – es ging um Vergebung, Reue und neue Chancen.

Für die, denen der Name Sascha Bisley nichts sagt: Mit 19 Jahren trat, schlug und stach er zusammen mit einem Freund auf einen hilflosen Obdachlosen ein. Beide Täter standen unter Alkohol- und Drogeneinfluss, das Opfer starb später an den Folgen seiner Verletzungen. Bisley und sein Freund – die bis heute noch in Kontakt stehen – gingen nach der Tat nach Hause, dort verhaftete sie am Folgetag die Polizei.

Bisley saß ein Jahr in U-Haft. Außerdem musste er Schmerzensgeld zahlen und bekam eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren auf drei Jahre Bewährung ausgesetzt. Er selber sagt, der Knast sei die beste Schule gewesen und „ich hätte eine viel höhere Strafe verdient.“ Im Gefängnis habe er erstmals über seine „grausame Tat“ nachgedacht und sich ehrlich mit sich selber auseinandergesetzt. Somit machte er nach seiner Entlassung eine „180-Grad-Kehrtwende.“ Heute ist er Fotograf, hat viele Ideen („Wenn ich alles, was ich vorhabe, umsetzen will, müsste mein Tag 74 Stunden haben“) und ist Referent und Mitarbeiter im Innenministerium . Er begleitet junge Straftäter im Gefängnis, will sie mit seiner Geschichte fesseln und ihnen den richtigen Weg aufzeigen. Bisley: „Die Jungs, die im Knast sitzen, haben eine wirklich harte Vergangenheit. Aber wenn jemand mit ihnen redet, der mindestens das gleiche hinter sich hat, dann hören sie zu.“ Seine Arbeit sieht er als „wahnsinnig wichtig“ an: „Früher habe ich zerstört, heute erschaffe ich.“

Die Zuhörer hängen an seinen Lippen – den Weg vom Mörder zum Geläuterten: Dieser Weg beeindruckt alle. Zu diesem Weg gehörten vor allem drei Punkte: „In erster Linie bin ich meiner Familie sehr dankbar. Sie stand immer hinter mir, seit der Haft habe ich auch zu meiner inzwischen verstorbenen Mutter eine richtige Beziehung aufbauen können.“ Dazu sei die Einsicht gekommen, dass es so nicht weiter gehen würde: „Im Gefängnis denkt man über sehr viele Dinge nach. Ich musste einfach ehrlich zu mir sein, sonst bringt es nichts.“ In Haft hätte er auch erstmals „so etwas wie Werte“ für sich aufbauen können. Diese gaben ihm Stabilität und Sicherheit, denn: „Natürlich ist bis heute nicht alles gut. Ich bereue natürlich immer noch die furchtbare Tat. Ich würde alles dafür geben, dass das Opfer von damals wieder leben kann.“

Dritter und letzter Punkt ist seine Arbeit – vor allem in NRW – für das Innenministerium: „Die Arbeit gibt mir so viel Sinn für mein Leben. Es gibt so viel, was ich noch machen möchte.“ Am Donnerstag jährte sich Bisleys Verhaftung zum 27. Mal: „Seitdem habe ich keine Straftat mehr begangen.“ Das habe er damals nicht mal eine Woche geschafft.

Bisley beschloss die Runde mit „das Leben wird erst durch die Vielfalt so bunt und reichhaltig“ – dieser Satz bildet wohl genau das ab, was Ernst Reiling vom „Reckenfelder Treff“ sich für den Abend gewünscht hatte: „Den landesweiten Rechtsruck in Deutschland kann man auch in Greven und hier in Reckenfeld sehen. Wir wollen dagegen vorgehen. Auch mit diesem Vortrag.“

Reiling hatte Bisley auf einer Podiumsdiskussion in Dortmund gesehen: „Ich fand ihn und seine Geschichte unglaublich interessant.“ Und mit interessanten Menschen würde er sich gerne bei einem Kaffee zusammensetzen – so entstand der Kontakt. Reiling: „Das Thema hat natürlich viele Botschaften. Viele unserer Zuhörer kennen ihn.“ Über die Zahl der Zuhörer war er sichtlich begeistert.

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