Ausverkaufte Kulturschmiede bei Tucholsky-Satire über Ehepaare
Rosenkrieg am Wohnungsfenster

Greven -

„Ein Ehepaar erzählt einen Witz“ haben Regine Neumann und Helmut Thiele ihren abendfüllenden Auszug aus dem großen Oeuvre von Kurt Tucholsky genannt. Mit diesem an bitterbösem Humor kaum zu überbietenden Stück feiern die beiden sympathischen Schauspieler bundesweit schon große Erfolge. Auch am Freitag in der ausverkauften Kulturschmiede konnten sie ihre ganzen Qualitäten einbringen, erlebte das Publikum einen wahrlich inspirierenden Abend mit den Werken des wohl größten Satirikers, Lyrikers und Romanciers der längst vergangenen Weimarer Zeit.

Montag, 21.10.2019, 08:27 Uhr aktualisiert: 21.10.2019, 08:30 Uhr
Helmut Thiele und Regine Neumann am Fenster.
Helmut Thiele und Regine Neumann am Fenster. Foto: Axel Engels

Kurt Tucholsky, dessen Verhältnis zu seiner Mutter wohl sein ganzes Leben etwas getrübt war, hat immer schon ein sehr inniges Verhältnis zum „weiblichen Geschlecht“ gehabt. Als linker Intellektueller ist er zwar immer für die Arbeiterbewegung eingetreten, sein Rollenverständnis spiegelt bei aller schwarzhumorigen Ausrichtung aber die Vorurteile der damaligen Zeit wieder.

Dies in ein aktuell interessantes Bühnenstück zu bringen, war wohl die größte Herausforderung für Regine Neumann und Helmut Thiele .

Den alltäglichen Ehewahnsinn und die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen präsentierten sie in einer wortgewandte Hommage, bei der die Lachmuskulatur des Publikums einem Dauerstress ausgesetzt war.

Aber Kurt Tucholsky hatte nie die Mittel der plumpen Anbiederung benutzt und so war natürlich permanentes Mitdenken des Publikums gefordert. Wenn ein Liebespaar am Fenster am Sonntagvormittag das Treiben auf der Straße verfolgte, entwickelte sich aus dieser an sich harmlosen Szene bei Regine Neumann und Helmut Thiele ein wahrer Rosenkrieg.

Auch die intime Beichte „Eine Frau denkt“ (1932) wurde von Regine Neumann so lebensnah erzählt, dass sie wie vom Staub der Zeit befreit einer auch heute möglichen Beichte einer vernachlässigten Frau glich.

Bei „Ein Glas klingt“ aus „Fünf kleine Prosastücken“ spürte man den Weltschmerz einer bis ins Innerste unzufriedenen Frau, fühlte man sich bei solch süffisanter Art an die legendäre Aufführung mit Hildegard Knef erinnert.

Genauso mitreißend konnte Helmut Thiele bei „Herr Wendriner erzieht seine Kinder“ aus dem Zyklus „Ein Mann am Wege“ Raum und Zeit vergessen lassen. Der kleine „dumme“ Junge namens Max war gleichsam präsent auf der Bühne der Kulturschmiede.

Aber was die beiden sympathischen Akteure beim titelgebenden „Ein Ehepaar erzählt einen Witz“ aus der Sammlung „...ganz anders“ an diesem Abend boten, war einfach an Kunstfertigkeit nicht zu überbieten. Diese eigentlich harmlose Szene eines Ehealltags zwischen Trude und Walter entwickelte sich zur spöttischen Abrechnung, bei der die hinter Konventionen und Alltagsbefindlichkeiten versteckten Gräben zwischen den Eheleuten in all ihrer Dramatik bis zur drohenden Scheidung deutlich wurden. „In der Ehe pflegt gewöhnlich immer einer der Dumme zu sein. Nur wenn zwei Dumme heiraten – das kann mitunter gut gehen“ – hat Kurt Tucholsky einst geschrieben und dieser Maxime folgten Regine Neumann und Helmut Thiele zum Vergnügen des Publikums.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7011952?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F168%2F
„Mutti, mag ich Gouda?“
Atze Schröder im Interview: „Mutti, mag ich Gouda?“
Nachrichten-Ticker