Grevener Tierarzt und seine Frau sind 1985 aus der DDR geflohen
Lehmanns doppelter Mauerfall

Die Mauer war noch nicht geöffnet an diesem 9. November 1989 um 20.30 Uhr. Da klingelte bei Marianne Lehmann das Telefon: „Frau Venschott war am Apparat. Sie wohnt am Bahnhof. Und da standen meine Schwiegereltern, die nach uns suchten.“ Für Hans-Uwe und Marianne Lehmann ist der 9. November deshalb der Tag der doppelten Maueröffnung.

Samstag, 09.11.2019, 08:56 Uhr aktualisiert: 10.11.2019, 13:40 Uhr
Marianne und Hans-Uwe Lehmann sind als DDR-Flüchtlinge schon 1985 nach Greven gekommen. Der 9. November war für sie mit einigen Überraschungen verbunden. Die Skulptur auf dem Klavier hatten sie vor ihrer Flucht versteckt und über Umwege wiederbekommen.
Marianne und Hans-Uwe Lehmann sind als DDR-Flüchtlinge schon 1985 nach Greven gekommen. Der 9. November war für sie mit einigen Überraschungen verbunden. Die Skulptur auf dem Klavier hatten sie vor ihrer Flucht versteckt und über Umwege wiederbekommen. Foto: Günter Benning

1985 waren sie von Ost-Berlin über Ungarn in den Westen geflohen. Vier Jahre lang war danach ihren Eltern und Geschwistern jeglicher Besuch versagt worden. Marianne Lehmann hat noch ein Schreiben der Volkspolizei vom 26. September 1989 aufbewahrt. Ihrem Vater Wilhelm Schmidt aus Groß Muckrow war darin die Besuchserlaubnis verwehrt worden, „da die Reise zu Bürgern der DDR führen soll, die sich entgegen den Rechtsvorschriften der DDR im Ausland aufhalten.“

Und nun waren also plötzlich ihre Schwiegereltern mit dem Zug angereist. Sie waren am Morgen des 9. November zur Volkspolizei gegangen, um eine Reiseerlaubnis zu beantragen.

Und was keiner erwartet hätte: „Sie haben eine bekommen, mit der Aufforderung, sofort zu fahren.“

In der Niederlausitz, wo sich das abspielte, wusste keiner, dass am gleichen Abend der SED-Pressesprecher Günter Schabowski mit einem geschichtsträchtigen Versprecher den Run auf die Mauer eröffnen würde. Aber die unverhoffte Reise der Lehmanns war ein Signal. Die DDR löste sich an ihren Rändern auf.

Greven, Johannesstraße, ein hübsches Wohnhaus mit Tierarztpraxis: Marianne Lehmann serviert Waffeln mit Kirschen. In einem Album auf dem Tisch steckt ihr Flüchtlings- und Vertriebenausweis. Die Erinnerung wird bewahrt.

Die Lehmanns kommen aus Zeust in der Niedersausitz, ein 100-Seelen-Ort. Hans-Uwe Lehmann war Bauernsohn und durfte das Abitur nur nach einem Umweg über die Zootechniker-Ausbildung machen. „So wie Gregor Gysi“, sagt er. Danach studierte er Tiermedizin, war in Ost-Berlin in der Forschung beschäftigt. Marianne Lehmann arbeitete als Industriekauffrau in der Nähe von Checkpoint-Charly, bei einem Unternehmen namens Genex. Die „Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH“ beschaffte der chronisch klammen Republik Devisen. Über sie wurden die Geschenke abgewickelt, die Westdeutsche in den Osten schickten.

Geschichte. Und wenn die Lehmanns darüber erzählen, könnte man ein Buch darüber schreiben. Hier müssen Stichworte reichen. 1985 flogen sie in den Urlaub nach Budapest. Und flohen mit Schleusern im umgebauten Campingwagen in den Westen. In der DDR waren sie von der Stasi überwacht worden, das Telefon war verwanzt, die Stasiakte, die sie nach der Wende erkämpften, ist 15 Zentimeter dick. Nach der Flucht wurden sie wegen Spionage in Abwesenheit verurteilt. Zu 21 Jahren Haft. Noch 1986 wurde – laut Stasi-Akte – ihr Telefon in Greven abgehört.

Die Lehmanns landeten zuerst in Hamburg. „Ich hätte Hafenarzt werden können“, sagt der Veterinär. Doch statt dessen bot sich die Möglichkeit, nach Greven zu ziehen. Zuerst an die Friedensstraße. 1985, da war Greven wirklich ein Dorf. „Ich dachte“, erinnert sich Marianne Lehmann, „jetzt komm ich in die DDR zurück.“

Auf dem Klavier im Wohnzimmer steht eine Badenixe kopf, eine Skulptur, die sie vor ihrer Flucht versteckt hatten. „Wir kamen nur mit dem an, was wir am Leib hatten“, sagt Marianne Lehmann. Die Skulptur konnten sie erst später nachholen.

Am 9. November 1989, nachdem sie die Eltern bei Venschotts abgeholt hatten, saß man den ganzen Abend vor dem Fernseher. „Wir hatten damit gerechnet“, sagt Hans-Uwe Lehman, „dass wir nie wieder unsere Verwandten sehen. Und dann war auf einmal die Mauer auf.“

Um Mitternacht rief Lehmanns Bruder Karl-Heinz an. Er war mit dem Trabbi aus der Niederlausitz, etwa 80 Kilometer nach Berlin gefahren. Endlich konnte er dort einen Onkel besuchen.

Nach der Maueröffnung gab es dann regen Besuchsverkehr. Die Menschen kamen sich näher.

„Ein Onkel, der Tauberzüchter war“, sagt Marianne Lehmann, „hat hier von den Grevener Züchtern Eier bekommen – zum Ausbrüten im Osten.“

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