Bäcker und Gastronomen über die neue Kassenbonpflicht und ihre Folgen
Kleiner Zettel, großer Aufwand

Greven -

Sie soll Steuerbetrug mit manipulierten Kassen verhindern, wird aber von Einzelhändlern und Gastronomen als „unnötiger Aufwand“ kritisiert. Über die neue Pflicht, für jeden Kunden einen Kassenbon drucken zu müssen, ärgern sich auch Grevens Bäcker und Gastwirte. Ein Stimmungsbild.

Sonntag, 05.01.2020, 10:29 Uhr aktualisiert: 05.01.2020, 16:03 Uhr
Vor allem Bäckereien und Konditoreien wie die von Georg Liesenkötter (unten rechts) sind von der neuen Kassenbonpflicht betroffen. Auch in der Kiepenkerl-Filiale (oben) müssen Verkäuferinnen wie Melanie Ascheberg-Löchte jetzt für jeden Kunden einen Beleg drucken.
Vor allem Bäckereien und Konditoreien wie die von Georg Liesenkötter (unten rechts) sind von der neuen Kassenbonpflicht betroffen. Auch in der Kiepenkerl-Filiale (oben) müssen Verkäuferinnen wie Melanie Ascheberg-Löchte jetzt für jeden Kunden einen Beleg drucken. Foto: J. Beckermann

Den meisten wird es vom Bezahlen an der Supermarktkasse noch bekannt vorkommen: „Brauchen Sie einen Beleg?“ Die beiläufige Frage nach dem Kassenbon, sie pflegten bisher nicht Wenige mit einem freundlichen „Nein danke“ zu quittieren.

Seit dem 1. Januar ist genau das aber nicht mehr möglich. Einzelhändler wie Bäckereien und Gastronomen mit Elektrokasse müssen seit dem Jahreswechsel bei jedem Verkauf einen Belegzettel drucken – ob der Kunde ihn nun will oder nicht. Die sogenannte Bonpflicht und ihre Folgen: Ein Aufreger-Thema nicht nur im politischen Berlin, sondern ebenso an Grevens Ladentheken.

In jener von Georg Liesenkötters Café am Marktplatz liegen Torten, Brote und Brötchen, die der Handwerksmeister eigenhändig in seinem Familienbetrieb in Saerbeck fertigt. Die neue Bonpflicht? „Für mich einfach sündhaft teurer Unsinn“, sagt der Konditor über die Gesetzesnovelle, welche abseits verbesserter Transparenz für Verbraucher primär den Steuerbetrug mit manipulierten Kassen verhindern soll. So zumindest die Theorie.

Nicht nur Georg Liesenkötter kritisiert allerdings: In der Praxis werde vor allem Selbstständigen ein kostenintensives Bürokratiemonster aufgebürdet. „Unter Personalmangel leidet unsere Branche ja schon länger“, beklagt er. Nun aber müssten sich seine Mitarbeiter zusätzlich mit so einer Idee des Finanzministers rumschlagen. „Ärgerlich“, findet Liesenkötter.

Allein ist er mit dieser Meinung unter den ortsansässigen Bäckereiunternehmern keineswegs. Auch Christoph Vöcking (junior) ist nicht begeistert, wenn man ihn nach der Bonpflicht fragt. „Besonders wirtschaftlich verursacht diese Vorschrift unnötigen Aufwand“, sagt der Co-Geschäftsführer der Kiepenkerl-Gruppe, die vom Stammsitz in Gimbte aus über 25 Filialen im ganzen Münsterland, etwa in Grevens Marktstraße, betreibt.

All diese Standorte mussten die Vöckings nun mit neuen, zusätzlichen Druckern versorgen. Bis zu 500 Euro pro Gerät, dazu laufende Kosten für spezielles Kassen-Thermopapier und die Wartung: „Da kommt ein höherer fünfstelliger Betrag zusammen“, rechnet der Junior-Chef vor.

Und nicht nur er wundert sich über den Sinn der Bonpflicht, denn manipulationssicher seien die Kassensysteme auch in der Vergangenheit gewesen, so Vöcking. „Unsere Kassen waren immer online fürs Finanzamt kontrollierbar“, sagt der Gimbter Unternehmer.

Die Erfahrung aus seiner Kette zeige zudem: Wenige Kunden wollten den nun stets frisch zu druckenden Bon überhaupt haben. „Das Papier fliegt also direkt wieder in die Tonne – wenn’s gut läuft“, befürchtet Vöcking mehr umweltschädlichen Müll auf den Straßen.

Diese Einschätzung teilt wiederum Frank Muhmann, der im Grevener Süden eine von nur noch zwei handwerklich geführten Bäckereien der Stadt betreibt. Allenfalls fünf Kunden am Tag wollten bei ihm bisher einen Bon haben.

Jetzt aber werden Muhmann und sein Mitarbeiterteam hunderte Belege am Tag drucken und zumeist gleich wieder entsorgen müssen. „Natürlich halte ich davon nichts“, sagt er auf Anfrage. „Aber Pflicht ist halt Pflicht“, seufzt der Bäckermeister von der Schützenstraße.

Ein paar hundert Meter weiter führt Robin Zurbrüggen die Gaststätte „Siederklause“ mit angeschlossenem Cateringservice. Auch er ist von der neuen Bonpflicht betroffen und musste sein Abrechnungssystem umrüsten. Außerdem wird jetzt für jeden Gast ein Beleg fällig, selbst wenn der nur zwei kleine Pils bestellt hat. „Im normalen Geschäftsbetrieb ist das nicht so schlimm“, gibt sich Zurbrüggen etwas entspannter als die Backereien mit ihrer Laufkundschaft. Sorge indes bereitet dem Gastronomen die Aussicht auf Großveranstaltungen wie den Karneval. „Da wird es jetzt deutlich hektischer zugehen“, befürchtet er.

Zumindest in einer Grevener Traditionskneipe wird an Kirmes und Co. dennoch alles beim Alten bleiben. „Wir müssen keine Bons fürs Bier drucken“, informiert ein erleichterter Öppe-Wirt Bernd Temme. Der Grund: Temme nutzt in seiner Gaststätte „Zum Goldenen Stern“ keine elektrischen Kassen, sondern rechnet noch nach alter Schule ab. Per Hand. „Andernfalls müsste ich wohl extra jemanden für das Bon-Drucken einstellen“, schmunzelt der nicht betroffene Gastronom.

Die Bon-Reform aus Berlin kritisiert er trotzdem messerscharf. „Glauben die beim Finanzamt wirklich, wir wären alle Verbrecher?“, spielt er auf den Zweck der Neuregelung an, und bekennt: „Für mich ist das nach dem Rauchverbot einfach ein weiteres Wahnsinnsprojekt, das den Wirten das Leben schwerer macht.“

Eine Protestidee hat Temme dann aber doch. Eigentlich, findet er, müssten sich die Gastronomen und Bäcker mal zusammentun und alle ungenutzten Belege aufbewahren. „Die könnte man dann gesammelt vorm Finanzamt abladen“, sagt er mit einem Lachen. Das Ziel: Zu zeigen, welch große Folgen so ein kleiner Zettel haben kann…

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