Die Stadtbibliothek unterliegt einem Medienwandel – und hat doch alte Schätzchen als Dauerbrenner
Von „Tonies“ bis zur TKKG-CD

Greven -

In der Stadtbücherei ist derzeit wieder ein Flohmarkt für alte Schätzchen. Aber es gibt genaue Kriterien, was aussortiert wird. Allein das Alter ist nicht ausschlaggebend.

Freitag, 10.01.2020, 21:55 Uhr aktualisiert: 12.01.2020, 15:34 Uhr
Buntes Medienpotpourri: Bei Sigrid Högemann in der Grevener Stadtbibliothek liegen alte Buch- und Videoschätzchen neben der modernen VR-Brille.
Buntes Medienpotpourri: Bei Sigrid Högemann in der Grevener Stadtbibliothek liegen alte Buch- und Videoschätzchen neben der modernen VR-Brille. Foto: Jannis Beckermann

Sigrid Högemann hat genau nachgeschaut. „418 Ausleihen laut Computerprogramm.“ Nein, eine so hohe Nachfrage schafft dann doch selten eines der fast 50 000 Medien, um die sich die Leiterin der Stadtbibliothek Tag für Tag kümmert. 50 Ausleihen pro Stück wären normal, alles über 200 ist außergewöhnlich. Die etwas in die Jahre gekommene Compactdisk (CD) mit der TKKG-Folge „Im Schlauchboot durch die Unterwelt“ hat die 418er-Bestmarke dennoch geknackt. Es ist ein gut gepflegtes, 19 Jahre altes Schätzchen, das als Dauerbrenner die Ausleihstatistik des Grevener Bücherhauses anführt.

Vom vielen Abspielen gezeichnete Musikplatten, historische Comichefte, vergilbte Romane – nicht alles, was in Grevens Stadtbibliothek alt aussieht, ist auch ein Fall für die Tonne. „Was beliebt ist, bleibt im Bestand, solange es keine großen Schäden aufweist“, erklärt Sigrid Högemann die Regel, nach der sich sie und ihr Mitarbeiterteam auch unlängst wieder ans „Großreinemachen“ zwischen den Bücherregalen begeben haben, um mehr als 4000 Medien auszusortieren. Der Sinn: Pünktlich zum neuen Jahr Platz zu schaffen für Modernes und Angesagtes aus dem Literaturbetrieb. Wie in jedem Jahr.

Zu Tage treten dann aber zugleich solche Medien, deren Zeit allmählich abgelaufen ist. Die Kassette als Tonträger zählt dazu. Högemann nahm zuletzt einige Exemplare etwa mit Weihnachtsmusik oder Schlagern aus den Regalen. „Kassetten sind ja doch eher was für die Kinder der 1970er“, sagt sie, selbst groß geworden in jener Zeit, mit einem Anflug von Nostalgie.

Der Medienwandel macht allerdings selbst vor einigen Klassikern nicht halt. „Die gibt’s bei uns so manches Mal nur noch als E-Book“, erklärt Högemann. Der Grund ist so simpel wie schmerzlich: Für ein umfangreiches Archiv ist Grevens Bücherei schlicht zu klein. Obschon ganz traditionelles Kulturgut wie Goethes „Faust“ auch mal ein wenig schwächeln darf, ehe es aus dem Bestand fällt oder besser gesagt fallen würde. Da machen Högemann und ihr Team auf jeden Fall keinen kurzen Prozess, wie sie versichert.

Zumal gilt: Trotz veränderter Mediennutzung und Geschmäcker bleiben manche Evergreens vergangener Zeiten auch Anno 2020 aktuell. So zählen etwa Walt-Disney-Comics à la Donald Duck in der Kategorie der gedruckten Werke weiterhin zu den absoluten Ausleihkönigen. Immerhin stolze 352 Mal wurde zum Beispiel ein Heft von Carl Barks aus dem Jahr 1997 von Nutzern der Bibliothek mit nach Hause genommen.

Insgesamt ist die Welt der Literatur jedoch schnelllebiger geworden. „Ähnlich wie bei Sommer- und Winterkollektionen in der Modebranche“, schmunzelt Högemann. Ein Trend der letzten Jahre seien unter anderem schnell aufgebaute, von den Verlagen bis zum Ende durchgeplante Serien, bei denen der zweite Band einer Trilogie beispielsweise nur einen Monat nach dem ersten erscheint. „Fastfood-Literatur“ nennt Sigrid Högemann das mit einem kritischen Augenzwinkern. Und trotzdem: „Wenn unsere Nutzer es wollen, gehen wir diese Entwicklung mit“, betont die Bibliothekschefin.

Gleiches gilt im Übrigen für die Themenfelder, die angesagt sind. „Auch hier ändert sich alles deutlich schneller“, hat Högemann festgestellt. Vor ein paar Jahren rissen ihr die Leser zum Beispiel Fantasy-Reihen wie „Twilight“ aus den Händen. Heute ist die Fabelwelt ein absoluter Ladenhüter. Beliebt sind dagegen Erotik-Romane wie die „Sinful-Royalty-Trilogie“, deren drei Bände 2019 innerhalb von nur drei Monaten auf den Markt kamen. „Sex sells“, lautet hier der gegenwärtige Lesetrend. Bei Mord und Totschlag gibt’s dafür auch Langlebigeres: Die Thriller des Briten Ken Follett laufen bei Högemanns Kundschaft jedenfalls mehr als zehn Jahre. „Longseller“ nennt die erfahrene Bibliothekarin dieses weitere Phänomen.

Größter Trend ist und bleibt indes auch in der Bibliotheksbranche die Digitalisierung, welche mit einer unlängst angeschafften Virtual-Reality-Brille oder sogenannten „Tonies“ in Grevens Bücherei zuletzt mehr und mehr Einzug hielt. Bei den „Tonie-Figuren“ handelt es sich um eine Art Playmobil-Männchen beliebter Kindercharaktere wie Bibi Blocksberg, in die ein Chip integriert ist, der über ein spezielles Gerät ausgelesen werden kann. Sodann werden die in der Figur gespeicherten Audiodateien (Hörbücher und anderes) abgespielt – ganz so wie früher auf dem Kassettenrekorder. „Vor allem Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter sind aktuell verrückt nach diesen Figuren“, weiß Högemann und hat eine entsprechend große Auswahl parat.

Verloren gegangen ist mit dieser neuen, internetaffinen Generation indes manch andere Medienkompetenz. Dass die Lesefähigkeit zurückgeht, ist ein längst bekanntes Faktum. Neu ist für Högemann allerdings die Erkenntnis, dass viele Familien nicht mal mehr über einen voll funktionsfähigen Computer verfügen. „Mehr als Smartphone, Tablet und Fernseher haben einige nicht mehr zu Hause“, ist sie sich sicher und stützt das auf die vielen Nutzer, die in ihre Stadtbibliothek kommen, um CDs einzulesen oder um mal einen längeren Text zu tippen oder zu drucken. Die erstaunliche Folge: Die stationären PCs im ersten Obergeschoss laufen so gut wie noch vor zehn Jahren.

„Faszinierend“ findet das Sigrid Högemann, die fast jeden Trend der letzten 30 Jahre miterlebt und mitgestaltet hat. Am Ball bleiben, mit der Zeit gehen – das ist für die Bibliothekschefin und ihr Haus überlebenswichtig geworden. Denn nur dann, ist sie überzeugt, blieben Büchereien wie die ihre das, was sie heute noch seien: Treffpunkte unterschiedlichster Gesellschafts- und Altersgruppen. Orte, an denen Milieus aufeinandertreffen. „Auch in Greven“, so Högemann.

Und wenn ein Teil dieser Mission ist, auch alte Schätzchen zu bewahren, ist ihr das mehr als Recht.

Die vergilbte TKKG-CD-Hülle wandert daher nach dem Gespräch genauso ins Regal zurück wie die Virtual-Reality-Brille. Es ist genau jenes Medienpotpourri aus Alt und Neu, das die Stadtbibliothek zu dem macht, was sie ist.

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